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Putsch-Versuch in der Türkei: Dieses Gerücht wirft ein neues Licht auf Erdogan

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  • Was steckt wirklich hinter Erdogans Säuberungswelle? Beobachter sehen eine überraschende Verbindungslinie zum Putschversuch
  • Hohe Offiziere sollen mit dem versuchten Staatsstreich einer groß angelegten Verhaftungs- und Suspendierungsaktion zuvorgekommen sein
  • Ein Türkei-Experte spricht von "der derzeit plausibelsten Erklärung" für die Motive der Aufständischen
  • Eine Zusammenfassung seht ihr im Video oben

Nach der Militär-Revolte gegen den türkischen Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich die Lage auf Istanbuls Straßen zwar wieder beruhigt - die politische Aufarbeitung könnte jedoch dramatisch werden.

Der Grund: Möglicherweise gibt es eine Verbindungslinie zwischen dem Putschversuch und der von Erdogan überraschend schnell angeordneten Verhaftungswelle; eine Verbindungslinie, die von vielen Beobachtern bislang übersehen wurde - und die Erdogan in Erklärungsnot bringen dürfte.

War der Putsch politisch motiviert? Es gibt erste Zweifel

Die Motive der Aufständischen schienen bislang klar: Die Rede ist von Anhängern des Erdogan-Erzfeindes Fethullah Gülen, die den gescheiterten Staatsstreich angeblich planten, um Erdogans Quasi-Diktatur umzukrempeln.

Der Slogan der Putschisten ("Frieden im Land") klang für andere Experten hingegen eher nach einer Beteiligung kemalistisch geprägter Gruppierungen aus der Luftwaffe, die das Prinzip der Gewaltenteilung verteidigen und denen Erdogans Transformierung der Türkei hin zu einem Ein-Mann-Regiment zu weit ging.

So oder so: Was sich in der Nacht von Freitag auf Samstag in Teilen der Türkei abspielte, war zutiefst politisch motiviert, lautet die gängige Meinung vor allem türkischer Staatsmedien.

Militär-Offiziere sollen einer Säuberungswelle zuvorgekommen sein

Inzwischen mehren sich aber die Stimmen, die hinter dem versuchten Staatsstreich andere Motive vermuten. So sollen hohe Offiziere einer von Erdogan ohnehin geplanten Säuberung des Verwaltungs- und Justiz-Apparats zuvorgekommen sein. Frei nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung.

Die These ist gewagt, so viel steht fest. Doch sie ist nicht abwegig.

So spekuliert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", dass einige Generäle, die am Putschversuch beteiligt waren, ihre bevorstehende Entlassung Ende August aus dem Dienst verhindern wollten. Der unabhängige türkische Journalist Ahmet Sik hatte zuletzt geschrieben, dass die Planer des Putsches unter Druck geraten waren und mit einem "Plan B" handeln mussten.

Fakt ist: Es kursieren schon länger Gerüchte, wonach Erdogan eine Art Schwarze Liste hat erstellen lassen, auf der politische Gegner der Regierung erfasst werden.

Erdogan-Gegner sollen auf Listen gestanden haben - schon vor dem Putsch

So hatte Sik zuletzt geschrieben, dass der Generalstaatsanwalt von Izmir schon im Vorfeld des Putschversuchs eine lange Liste von Personen zusammengestellt habe, die am vergangenen Samstag in einer landesweiten Operation verhaftet werden sollten.

Und es gab offenbar noch mehr Listen, auf denen unliebsame Gegner Erdogans namentlich dokumentiert waren.

So zitiert die "FAZ" den stellvertretenden Generalstaatsanwalt Necip Iscimen, der dem Fernsehsender Habertürk gesagt haben soll, dass seiner Behörde schon seit längerem eine Namensliste vorliege, die den Umfang des "parallelen Staates" dokumentiere.

Wollten die Putschisten der Erdogan-Willkür zuvorkommen?

Siks Vorwurf: Erdogan habe der Auflistung und den Verhaftungen zugestimmt. Wollten die Putsch-Beteiligten also der Willkür des türkischen Präsidenten zuvorkommen?

Kristian Brakel, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul, hält Siks Vermutungen für "passend".

Brakel sagte im Gespräch mit der Huffington Post: "Der vermutete Zeitpunkt für die Verhaftungen, 4 Uhr morgens (am Samstagmorgen nach der Putschnacht - Anm. d. Red.), würde erklären, warum die Putschisten zu einer für sie ungünstigen frühen Uhrzeit zugeschlagen haben, als noch viele Menschen auf den Straßen waren."

Türkei-Experte: "Das halte ich für die bisher plausibelste Erklärung"

Und auch der Bremer Politikwissenschaftler und Türkei-Experte Roy Karadag erklärt: "Dass die Putschisten Erdogan einer von langer Hand geplanten Säuberungswelle zuvorkommen wollten, halte ich für die derzeit plausibelste Erklärung."

Karadag hält es für möglich, dass Teile des Militärs und des Verwaltungsapparats über Erdogans Umstrukturierungspläne informiert waren - und daher die Flucht nach vorne angetreten sind.

Dass die Regierung in Ankara Buch führte über ihre Staatsfeinde, dürfte außer Frage stehen. Die Tausenden gezielten Festnahmen und Suspendierungen in Militär- und Justizkreisen am Wochenende gingen schnell und gezielt über die Bühne - zu gezielt, als dass es eine spontane Aktion gewesen sein könnte.

Auch für Karadag ist es mehr als denkbar, dass Schwarze Listen in türkischen Regierungs- und Justizkreisen kursieren. "Erdogan hat den gesamten Staatsapparat in den vergangenen Jahren darauf ausgerichtet, vermeintliche Gegner der Regierung ausfindig zu machen", erklärt er.

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