Huffpost Germany

Liebe Welt, mal ganz im Ernst: Bist Du eigentlich irre geworden?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TRKEI
Getty Images
Drucken
  • Eigentlich sollte derzeit Sommerloch sein
  • Die Welt ist irre geworden, weil wir es zugelassen haben. Und noch haben wir die Chance, gegenzusteuern

Eigentlich ist bereits das Jahr 2015 mit den Maßstäben menschlicher Auffassungsgabe gemessen ziemlich irre gewesen. Das Schlachten in Syrien, der Ukraine, dem Irak. Die Flüchtlingskrise. Pegida, AfD. Die rechte Gewalt gegen Flüchtlingsheime. Die Debatte um die Aufnahme von Asylbewerbern. Der islamistische Terror in Frankreich. Donald Trumps Aufstieg.

Zum Jahreswechsel dürften sich nicht wenige nach einer Atempause gesehnt haben. Zu aufreibend waren die Debatten, die Deutschland bewegt haben, zu tief waren die Risse, die quer durch die Festgesellschaften an den Weihnachtstischen dieser Republik verliefen.

Doch schon nach den Übergriffen zu Silvester stellte sich heraus, dass die politische Debatte keineswegs an Fahrt verloren hatte. Im Gegenteil: Die Welt scheint sich im Jahr 2016 immer schneller zu drehen.

Eigentlich sollte doch Sommerloch sein

Die vergangenen drei Wochen im Schnelldurchlauf: Großbritannien stimmt für einen Austritt aus der Europäischen Union, in Deutschland keimt eine Debatte um Generationengerechtigkeit auf, Österreich muss die Präsidentenwahl wiederholen, in Bagdad reißen Attentäter fast 300 Menschen in den Tod, die Rigaer Straße in Berlin wird zum Schauplatz von schweren Krawallen, in Nizza tötet ein Lastwagenfahrer bei den Feiern zum 14. Juli Dutzende Menschen, und in der Türkei übersteht Präsident Recep Tayyip Erdogan einen versuchten Militärputsch.

So makaber das klingen mag: Fast in Vergessenheit ist dabei geraten, dass die italienische Küstenwache auf dem Grund des Mittelmeers ein gesunkenes Flüchtlingsboot mit 675 Leichen gefunden hat.

Eigentlich sollte derzeit Sommerloch sein. Stattdessen reagieren viele Nutzer in den sozialen Netzwerke derzeit hilflos, wie man mit dieser medialen Reizüberflutung umgehen sollte.

#JeSuisSickOfThisShit

Schon mach den Morden von Nizza machte ein neuer Hashtag auf Twitter die Runde: #JeSuisSickOfThisShit – frei übersetzt: Ich habe genug von der ganzen Scheiße.

Manch einer sehnt sich bereits nach dem empfundenen Frieden der frühen Merkel-Jahre. Man könnte einwenden, dass es auch schon 2005, 2009 und 2013 Krieg auf diesem Planeten gab. Aber egal, wie man es hält mir der Krisenwahrnehmung: Die Zeiten, in denen die Nachrichten immer nur andere erschütterten, sind wohl unwiederbringlich vorbei.

Das hat zum einen damit zu tun, dass es, anders als noch vor 20 Jahren, mittlerweile Akteure gibt, die Gewalt globalisiert austragen. Zum Beispiel die Terroristen des IS. Und dass sie dazu in der Lage sind, liegt auch an den lange Zeit ignorierten sozialen Konflikten in den westlichen Industrieländern.

Wir haben es versäumt, Probleme zu lösen

Der Terror in Frankreich und Belgien ist dafür ein anschauliches Beispiel: Offenbar finden dort Extremisten unter denen, die sich vom Fortschritt der Gesellschaft abgehängt fühlen, gute Rekrutieriungsbedingungen vor. Orte, an denen sich Menschen muslimischen Glaubens radikalisieren, sind etwa die französischen Gefängnisse.

Die Debatte um den islamistischen Terror muss deswegen zwingend auch eine Debatte um die Perspektivlosigkeit von weiten Teilen der Gesellschaft sein. Und wenn wir endlich anfangen würden, diese Debatte ernsthaft zu führen, dann kämen wir auch bald schon zu den Ursachen, die zu politischen Radikalisierung von Biodeutschen am rechten und am linken Rand des Parteienspektrum führen.

Der schwindende Glaube an die Demokratie hat auch dort seine Wurzeln, wo Menschen das Vertrauen darin verlieren, dass Politik überhaupt in der Lage sein könnte, ihre eigenen Probleme zu erkennen und zu lösen. Da gibt es zwischen Islamisten und rechten Wahnwichteln übrigens erstaunlich wenig Unterschiede.

Elitenkritik ist eines der wichtigsten politischen Probleme dieses Jahrhunderts

Die Elitenkritik in vielen Ländern der westlichen Welt, die im Aufstieg der Populisten und Extremisten Gestalt gewinnt, ist wohl eines der dringendsten politischen Probleme, die es derzeit zu lösen gilt.

Zum anderen spielt auch die Globalisierung der Politik eine entscheidende Rolle, wenn es um die Wahrnehmung von Nachrichten geht.

Wir haben es uns in den ersten Merkel-Jahren zu einfach gemacht: So zu tun, als gäbe es die Welt da draußen nicht, war ein gigantischer gesellschaftlicher Fehler, den die Kanzlerin sich nur allzu gern für ihre Nicht-Wahlkämpfe in den Jahren 2009 und 2013 zu eigen machte.

Was jetzt auf uns einschwappt, ist nicht zuletzt auch ein Produkt dieser Ignoranz: Warum etwa galt der Krieg in Syrien noch Anfang 2014 als „vergessener Konflikt“? Haben wir wirklich geglaubt, dass uns das Morden im Irak nichts anginge? Waren wir womöglich zu bequem, als wir den Aufstieg des Rechtspopulismus in vielen europäischen Ländern immer als das Problem der anderen gesehen haben?

Insofern kann #JeSuisSickOfThisShit auch eine Chance für einen Neuanfang sein: Es reicht nicht, immer wieder nur online zu trauern und zu beten. Die Welt ist irre geworden, weil wir es zugelassen haben. Und noch haben wir die Chance, gegenzusteuern. Noch.

Der Putschversuch in der Türkei wird sehr kontrovers diskutiert. Es gibt die unterschiedlichsten Meinungen und Analysen zu den Hintergründen. Alle Beiträge dazu findet ihr hier.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.