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Wie der Türkeikonflikt auf Deutschland übergreifen könnte - Sicherheitsexperten warnen

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TRKEN IN BERLIN
Türken demonstrieren in Berlin gegen den versuchten Militärputsch | dpa
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  • Der Putschversuch in der Türkei hat auch in Deutschland lebende Türken bewegt
  • Die Polizei appelliert trotz der Spannungen unter Bevölkerungsgruppen an ihre Gewaltfreiheit
  • Sicherheitsexperten warnen jedoch vor einem Übergreifen des Konflikts

Der gescheiterte Militärputsch in der Türkei hat auch die Türken, die in Deutschland leben, nicht kalt gelassen. Doch wie auch in ihrem Heimatland schlug sich der Großteil der Bevölkerung nicht auf die Seite des Aufstands, sondern der Regierung.

Passend zum Thema: Lieber Zentralrat der Muslime, was in der Türkei passiert ist, war kein "Sieg des Volkes"

Etwa 1,5 Millionen Türken leben in Deutschland, hinzu kommen Deutsche mit türkischen Wurzeln. Viele von ihnen trieb es nach der chaotischen Putsch-Nacht auf die Straßen.

Zehntausende gingen auf die Straße

Laut Informationen der "Rheinischen Post" gingen allein in Nordrhein-Westfalen 10 000 Menschen demonstrieren, allein in Essen sollen es vor dem türkischen Generalkonsulat bis zu 5000 gewesen sein.

In Berlin versammelten sich nach Polizeiangaben in der Nacht zum Samstag rund 3000 Demonstranten vor der türkischen Botschaft, überwiegend um gegen den Putschversuch zu protestieren.

Polizei meldet friedliche Versammlungen

Ein Polizeisprecher sagte, die Demonstration sei störungsfrei gewesen, auch aus anderen Städten heißt es, die Versammlungen verliefen friedlich.

In Berlin waren nach Angaben eines dpa-Reporters türkische Flaggen geschwenkt worden. Bilder zeigen auch Plakate zur Unterstützung Erdogans. Die "Berliner Morgenpost" berichtet, vereinzelt wurde auch "Allahu Akbar" (arabisch für "Gott ist der Größte") gerufen, wie es auch durch die Straßen in Ankara und Istanbul tönte.

Nachdem die Nachricht die Runde machte, der Aufstand sei niedergeschlagen worden, hätten immer mehr Demonstranten den Platz verlassen, heißt es von der Berliner Polizei.

Warum sich Sicherheitsexperten trotzdem Sorgen machen

Doch was bleibt, sind Fragen, die nun deutsche Sicherheitsbehörden beschäftigt. Welche Auswirkungen haben die seit langem brodelnde und nun endgültig eskalierte Konflikte in der Türkei auf Deutschland?

Waren die Demonstrationen nur friedliche und emotionale Reaktionen auf die möglichen Umbrüche in der Heimat? Oder könnten die Auseinandersetzungen auch die Türken hierzulande so sehr spalten, dass sie Gewalt anwenden?

Der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Ansgar Heveling (CDU), warnt vor einem Übergreifen des Konflikts nach Deutschland.

"Es ist nicht ausgeschlossen, dass innertürkische Spannungen auch zu uns herüberzuschwappen drohen", sagte Heveling der "Berliner Morgenpost". Die Sicherheitsbehörden müssten daher alles tun, um Gewaltausbrüche schon im Ansatz zu verhindern.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) nannte es bereits vor einer Weile "einfach unerträglich und eine Zumutung für unser Land“, den türkisch-kurdischen Konflikt auf deutschem Boden auszutragen.

Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Auseinandersetzungen

Bisher seien die Demonstrationen friedlich verlaufen, weil die Polizei vor Ort deutlich Präsenz gezeigt habe. "Doch wir wissen nicht, wie sich die Lage in der Türkei entwickeln wird", betonte Heveling. "Das Land scheint tief gespalten zu sein."

Bereits in den 90ern und auch diesen April gerieten auch in Deutschland immer wieder Kurden und Türken bei Demonstrationen aneinander. Auch aus dieser Erfahrung heraus beobachten Sicherheitsexperten die Vorgänge nun besorgt.

Junge Stimmen aus der Türkei sind jedoch hoffnungsvoll

Viele vor allem junge Türken scheinen da jedoch positiver gestimmt zu sein. "Ich vertraue der Bevölkerung, sie bewegen sich zusammen", sagte beispielsweise Fatih Avci, 29, aus Istanbul der Huffington Post.

Auch warnten sie davor, dass gegen einen Putsch sein und auch demonstrieren nicht automatisch heißt, Erdogan zu unterstützen: "Ich bin natürlich froh, dass es nicht zu einem Putsch gekommen ist, auch, wenn ich gegen die AKP bin. Trotzdem darf sowas nicht auf einen gewalttätigen Weg forciert werden", meint Yasmin Boydag, 28.

Mentalität müsse sich ändern

Ändern muss sich trotzdem so einiges unter den Türken, findet Semih Güngör, 25. Die Mentalität der Menschen müsse sich verändern. Man müsse die Religion aus dem Zentrum des Lebens nehmen und die Menschlichkeit ins Zentrum stellen - "wie bei der französischen Revolution".

Kurzfristiger bleibt nur der Weg, an die Türken auch in Deutschland zu appellieren. Dass die türkischstämmige Bevölkerung auch hierzulande aufgewühlt ist von den Ereignissen, kann man zweifelsfrei nachvollziehen. Der Vizechef der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, rief dennoch dazu auf, auch weiterhin gewaltfrei zu protestieren.

Mehr zum Thema Militärputsch in der Türkei findet ihr hier.

(lp)