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Könnte Erdogan den Putsch selbst inszeniert haben? Das sagen Experten

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  • Experten warnen, dass Erdogan der Drahtzieher hinter dem gescheiterten Putsch sein könnte
  • Der Putsch nutzt Erdogan ungemein
  • Allerdings gibt es erhebliche Zweifel an dieser Theorie
  • Eine Zusammenfassung seht ihr im Video oben

Im Netz wird ein ungeheurer Verdacht laut: Die Regierung selbst könnte hinter dem versuchten Militärputsch in der Türkei stecken. Anhänger dieser Theorie sagen, der Aufstand sei von Beginn an zum Scheitern verurteilt gewesen.

Wenn das gesamte Militär geschlossen gegen den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan revoltieren würde, hätte es inzwischen wohl die Macht übernommen. Doch offenbar steckten nur Teile der Streitkräfte hinter dem Putsch, die zudem schlecht organisiert handelten.

Statt einem Machtwechsel kann sich nun Erdogan selbst als starker Mann inszenieren: Er kann die Repression von Oppositionelle erhöhen und seinen Kurs noch weiter verschärfen, seine Macht weiter ausbauen.

Gerücht in sozialen Netzwerken: Erdogan soll Putsch selbst inszeniert haben

Unter anderem der wegen Spionage zu fünf Jahren Haft verurteilte Chefredakteur von "Cumhuriyet", Can Dündar, mutmaßt auf Twitter, dass der Putsch in Nachhinein vor allem Erdogan auf dem Weg zur Präsidialregierung helfe.

Andere pflichten ihm bei, dass sie der Theorie der Inszenierung in Betracht ziehen würden:

Putsch aus heiterem Himmel trotz Militärgeheimdienst erstaunlich

Experten sind dagegen geteilter Meinung. "Es lässt sich leider nicht gänzlich ausschließen, dass er von diesem Putsch wusste und bewusst nicht interveniert hat", sagte Dr. Burak Çopur, Türkei-Experte und Politikwissenschaftler an der Universität Diusburg-Essen, gegenüber der Huffington Post.

Türkei-Experte Udo Steinbach äußerte gegenüber "Focus Online" wesentlich klarer den Verdacht, dass Erdogan den Putsch inszeniert haben könnte. Er wolle dem Staatspräsidenten nicht unterstellen, aber vieles werfe Fragen auf.

"Es ist erstaunlich, dass so ein Putsch aus heiterem Himmel überhaupt geschieht, wenn man bedenkt, wie die Armee zusammengesetzt ist", sagte Steinbach. Jeder wisse über jeden Bescheid, es gebe einen Militärgeheimdienst. Er hält es für schwer vorstellbar, dass der Generalstabschef und auch Erdogan nichts von den Entwicklungen in der Armee gewusst hätten.

"Erdogan ist jemand, der gerne mit dem Feuer spielt"

"Erdogan ist jemand, der gerne mit dem Feuer spielt", analysiert er. Der türkische Staatspräsident gehe sehr weit, wenn es um die Verwirklich seines obersten politischen Interesses gehe, nämlich ein Präsidialsystem zu errichten, in dem er größtmögliche Macht habe.

"Wer einen Krieg von der Dimension des Kurdenkonflikts anfeuert, um seine innenpolitische Machtbasis zu festigen, dem wäre theoretisch auch zuzutrauen, so einen Putsch gegen die Regierung zu inszenieren, um danach besser argumentieren zu können, warum er mehr Macht und Befugnisse haben sollte", sagt Steinbach.

Doch es gibt viele Gegenstimmen

Andere Experten widersprechen den Theorien heftig. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Ian Bremmer, der unter anderem für die Nachrichtenagentur Reuters, das "Wall Street Journal" und die "Washington Post" schreibt, tut den Verdacht in nur zwei Sätzen als Verschwörungstheorien ab:

Auch Hasnain Kazim kommentiert für "Spiegel Online", die in sozialen Medien kursierende Behauptung gehöre "ins Reich der Verschwörungstheorien".

Zu riskant ist der Versuch, zu groß die Verluste. 265 Menschen kamen laut Regierungsangaben ums Leben, 2839 Putschisten seien festgenommen worden.

Auch Steinbach glaubt an Eigeninitiative des Militärs

Gegen Erdogans Beteiligung spricht auch, dass sich die Möglichkeit eines Militärputsches schon länger angedeutet habe, glaubt Steinbach. Er spricht von Unzufriedenheiten in der Arme. Seit 2004 habe man wiederholt von Putschplänen innerhalb der türkischen Armee gehört. In der Regel sei es der Generalstabschef selbst gewesen, der etwas gegen Pläne der Putschisten unternommen habe.

Der Experte ist sich jedenfalls sicher, dass Erdogans Erklärung für den Putsch falsch ist. Der Staatschef machte die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen verantwortlich. Steinbach hält das für ausgeschlossen. Die Gülen-Bewegung sei eine religiöse Bewegung, gegen die Erdogan seit langem kämpfe.

Nun wolle er die Gülen-Bewegung zum "Staatsfeind Nummer 1 machen", wie er es bereits 2013 versucht habe. "Erdogan zeigt schon jetzt mit dem Finger auf eine Gruppe, die es nicht gewesen sein kann", glaubt Steinbach. "Hinter dem Putschversuch steckt nicht sie, sondern Offiziere und Soldaten."

Inszenierung unwahrscheinlich - doch für Erdogan ist es ein "Geschenk Gottes"

Dass Erdogan selbst den Militärputsch initiiert hat, bleibt also unwahrscheinlich. Dass er ihn nun für seine Zwecke nutzen wird, zeichnet sich allerdings schon wenige Stunden danach ab. Die AKP-Propagandamaschine wird nun alles daran setzen, die Bedrohung so groß wie möglich erscheinen zu lassen und selbst mehr Macht zu erlangen.

"Dieser Aufstand, diese Bewegung ist wie ein Geschenk Gottes", sagte Erdoğan am Samstagmorgen im Flughafen in Istanbul. "Dieser Putsch gibt uns die Gelegenheit, die Streitkräfte zu säubern."

Wer auch immer hinter dem Putsch stecke, habe Erdogan damit in die Karten gespielt, sagt auch Türkei-Experte Çopur gegenüber der Huffington Post. Seine düstere Folgerung: "Für Erdogan bedeutet dieser vereitelte Putsch einen Durchmarsch zu einer Diktatur."

Und letztlich zeigt allein der Verdacht auch von Seiten Fachkundiger, dass Erdogan den Aufstand selbst inszeniert haben könnte, wie unberechenbar der türkische Staatschef ist und wie viel ihm die internationale Gemeinschaft auch in Zukunft zutraut.


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