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"Ihr sehnt euch nach Attentaten - das ist widerlich"

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SCHWANDT
Kapitän Schwandt: "Wir kommen durch den Sturm" | Getty
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Wieder ein Anschlag, wieder dieses leere Gefühl. Eine Mischung aus Fassungslosigkeit, aus Entsetzen, aus Trauer. Auch ein Gefühl der Hilflosigkeit, angesichts der Monströsität dieses Anschlags. Und wie immer, wenn Menschen durch Terror sterben, ist es auch der Tag jener, die daraus ihren Vorteil ziehen wollen.

In Orlando waren die Leichen noch nicht bedeckt, als sich Donald Trump mit Beschimpfungen zu Wort meldete. In Brüssel dauerte es nur wenige Minuten, bis AfD-Politiker Geschmacklosigkeiten verbreiteten.

AfD-Mann Pretzell fragt: "Wo ist die Wut?"

Daran hat sich in den Stunden nach Nizza nichts geändert. In den Kommentarspalten von Facebook überbieten sich viele in Hass-Parolen, hetzen gegen "den Islam“, sehen die Schuld allen Ernstes in der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel. AfD-Politiker Pretzell geifert: "Wo bleibt die Wut?“

Es sind nicht nur Menschen mit einem aggressiven Aufmerksamkeit-Defizit-Syndrom wie der einstige Radio-Star Elmar Hörig, der mit seinen Hass-Kommentaren längst ein Fall für den Staatsanwalt und den Therapeuten ist.

Die dumme Masche der Rechtspopulisten

In den USA meldet sich Newt Gingrich zu Wort, einer der Scharfmacher aus dem Panoptikum Trumps, mit der Forderung, alle Muslime auf ihre Affinität zur Scharia zu überprüfen und danach, ja, er sagt es so: zu deportieren. Ich frage mich: Wie geht das? Multiple-Choice zum Ankreuzen? Glauben Sie an Steinigung?

Es ist so dumm wie erwartbar, was die Rechtsaußen von Los Angeles bis Erfurt fordern. Grenzen dicht. Generalverdacht. Alle gegen Alle. Die Leute scheinen nicht zu begreifen, dass das Feuer, das Daesh legt, dann erst richtig zu lodern beginnt.

Sie sehnen sich nach Anschlägen in Deutschland

Der Attentäter von Nizza ist – nach jetztigem Stand der Ermittlungen – ein Franzose, dreifacher Vater, mit tunesischen Wurzeln. Was genau hätte eine Grenzschließung bewirkt? Welchen Einfluss hatte die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin Merkel? Wie viel Überwachung verträgt ein Rechtsstaat, der sich noch Rechtsstaat nennt?

Der Gedanke, dass manche sich regelrecht nach einem Attentat in Berlin oder Köln sehnen, ist widerlich. Anders lassen sich Kommentare auf den Seiten der AfD – die in der Wählergunst zuletzt massiv an Zuspruch verloren hatte – nicht deuten.

Wir müssen zusammenhalten - dann kommen wir durch den Sturm

"Wo bleibt die Wut?“ – ja, es ist eine berechtigte Frage. Wo bleibt die Wut auf Politiker, die den Terror für ihre Zwecke missbrauchen?

Was wir brauchen, ist Zusammenhalt und der Glauben an Menschlichkeit, auch in schweren Stunden. Im Geschrei und im Hass gehen kleine Meldungen unter, wie die der türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg, die erstmals am Christopher Street Day teilnimmt, um ein Zeichen für Toleranz zu setzen.

Ich sage: Wir kommen durch den Sturm, wenn das Schiff und seine Besatzung stark genug sind. Halten wir zusammen.

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2016-06-27-1467029751-8701658-cover_schwandt_kl.jpgJürgen Schwandt, Jahrgang 1936, ist ein alter Seemann aus Hamburg. Er fuhr jahrzehntelang zur See. Heute hat er 80.000 Fans auf Facebook. Gerade erschien seine hochgelobte Biographie „Sturmwarnung“. Mehr über den Käpt´n: www.ankerherz.de

Unter diesem Link geht es direkt zum Blog von Käpt´n Schwandt.

Die Biographie von Schwandt "Sturmwarnung: Das aufregende Leben des Kapitäns Jürgen Schwandt" findet ihr unter diesem Link auf Amazon.

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(lp)