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Warum der Handschlag-Streit die dümmste Integrationsdebatte seit langem ist

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In Berlin streiten Politiker, Lehrer um Gläubige um einen Handschlag. | GettyImages
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Die Handschlag-Debatte in Berlin geht in die nächste Runde.

Für alle, die diese bizarre Episode in der deutschen Integrationsdiskussion verpasst haben, hier eine kurze Zusammenfassung:

An einer Schule in Berlin-Pankow war ein Junge wiederholt in Rangeleien verwickelt. Die Lehrerin bestellte daraufhin den Vater ein. Der islamische Geistliche wollte ihr bei dem Treffen aber nicht die Hand geben.

Die Lehrerin soll ihm daraufhin Frauenfeindlichkeit vorgeworfen haben. Sie soll ihn außerdem dazu aufgefordert haben, sich der deutschen Kultur anzupassen. Der Imam fühlte sich beleidigt und meldete daraufhin seine Kinder von der Schule ab und zog vor Gericht.

Imam fühlt sich herabgewürdigt

Aber hier hört die Absurdität noch nicht auf.

Jetzt hat die Schule reagiert - und sich für das Verhalten der Lehrerin bei dem Imam entschuldigt. Der gibt aber weiter den Beleidigten und fordert einen runden Tisch. Der Grund: er sei "in empfindlichem Maße herabgewürdigt" und seine Religion verletzt worden.

Außerdem sieht der Imam in diesem Vorfall einen Beweis, "dass der Trend zu Fremdenfeindlichkeit in Deutschland immer größer wird."

Der Vorfall erinnert an einen unerheblichen Nachbarschaftsstreit, bei dem ein Ast des Kirschbaums in Garten des anderen hängt und der Fall vor Gericht landet und völlig eskaliert.

Dennoch berichten Zeitungen in Berlin seit Wochen über den Vorfall. Auch die Politik hat sich eingeschaltet. Es geht wieder einmal um das große Ganze: Integration, den Islam in Deutschland und sein Frauenbild.

In Wahrheit wird hier gerade die idiotischste Integrationsdebatte Deutschlands geführt.

Ungehobeltes Verhalten und nicht Krieg der Kulturen

Einen sehr treffenden Kommentar zum Berliner Fall machte die muslimische Schriftstellerin Sineb El Masrar. Sie schreibt zum Handschlag-Streit: "Ungehobeltes Verhalten ist nicht mit islamischer Kultur zu entschuldigen."

Einer Frau nicht die Hand zu geben, stehe nirgendwo im Koran und sei auch in arabischen Ländern unüblich, schreibt El Masrar.

Aber für eine Abrechnung mit dem Islam taugt der Vorfall dennoch nicht.

Denn nicht nur im islamischen Kulturkreis lehnen konservative Gläubige teilweise die Berührung zur Begrüßung mit dem anderen Geschlecht ab. Auch im Judentum verzichten Gläubige auf diese Berührung. Und auch im Hinduismus sind Berührungen zur Begrüßung zwischen Männern und Frauen unüblich.

Ein kleines Symbol der Höflichkeit hätte genügt

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass es bei dem Fall in Berlin weniger um Integration speziell von Muslimen geht - sondern schlicht um Höflichkeit, Respekt. Und dazu muss man seinem Gegenüber nicht einmal die Hand geben - meist reicht ein Lächeln oder eine andere, kleine Geste. Auch von Seiten der Lehrerin.

Aber genau hier haperte es.

Der Imam soll - so sagt er selbst - zum Gruß die Hand auf sein Herz gelegt und das auch der Lehrerin erklärt haben. Die Lehrerin wollte das nicht akzeptieren. Sie sah sofort in ihm einen Frauenfeind. Und die Frage bleibt, warum sie davon ausging, dass der Imam seinen Glauben verleugnen und ihr die Hand geben würde?

Der Imam wiederum sah dieses Verhalten wiederum als Beweis für eine fortschreitende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland.

Beide waren in diesem Fall nicht bereit, auf den anderen zuzugehen. Beide hatten ihre ganz eigenen Vorurteile gegenüber dem anderen. Beide sahen in dem jeweils anderen einen Repräsentanten von etwas Größerem.

Die Lehrerin sah den Imam als Repräsentanten einer frauenverachtenden Religion; der Imam die Lehrerin als Repräsentantin eines fremdenfeindlichen Landes, die den Islam an sich beleidigt.

Beides ist natürlich Quatsch.

Der Fall in Berlin taugt also nicht dazu, einen Kulturkampf zu beschwören. Er zeigt eher, wie schnell dumme Vorurteile eine Situation eskalieren lassen können.

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(till, lk)