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Warum wir mit jedem Anschlag mehr abstumpfen - und warum das vielleicht gut ist

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Warum uns der Anschlag von Nizza morgen schon wieder kalt lässt | Clément Mahoudeau/IP3 via Getty Images
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Es ist zum Verzweifeln. Schon wieder ein Attentat. Und wieder nimmt es mich mit. Als ich heute Morgen die Eilmeldungen auf meinem Handy las, verging mir der Appetit auf mein Frühstück. Zu tief war die Bestürzung.

Es war wie im November 2015, nach den Attentaten in Paris. Wie nach den Attentaten in Istanbul. Und in Brüssel.

Aber da ist noch etwas, was mich ähnlich stark bewegt: Je öfter ich von diesen Meldungen lese, von Bomben, die Menschen zerfetzen, von Sturmgewehren und von Terror-Hochburgen, desto mehr stumpfe ich ab.

Als die IS-Terroristen mit Maschinengewehren durch Paris rannten, saß der Schock tagelang. Der IS-Terror war erstmals wirklich mitten im Alltag einer europäischen Metropole angekommen.

Tagelang waren wir wie paralysiert.

Doch mit jedem neuen Anschlag wird es etwas weniger. Dieser Zustand der Schwere, er hält nicht mehr an.

Er wird vielleicht schon morgen weg sein. Stumpfe ich ab? Bin ich nicht mehr in der Lage, das Leid der Menschen an mich heran zu lassen?

Habe ich mich womöglich mit dem Terrorismus abgefunden? Habe ich mich damit abgefunden, dass er zu meinem Alltag gehört?

Ich bin nicht alleine mit diesen Fragen.

"Herr Schreiber, wie kann ich verhindern, dass mir diese Art von News egal ist? Ich beginne, gegen meinen Willen und meine Überzeugung abzustumpfen", schrieb eine Userin an NTV-Moderator Constantin Schreiber.

Diese Frage lässt auch mir keine Ruhe und so spreche ich mit Menschen, die es wissen müssen. Psychologen.

Ich lerne: Mein Verhalten ist menschlich. Es ist sogar das beste Instrument gegen den Terror.

Nach Schreckensmeldungen über Anschläge schnell wieder zu Gewohnheiten überzugehen, ist eine natürliche Bestrebung des Menschen: „Wir können nicht ewig in einem Schockzustand festhängen, weil wir sonst nicht mehr unser Leben führen könnten“, sagt die Psychologin Beatrice Wypych vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement.

Wir suchen Wege aus diesem Zustand und einer davon ist: Ausblenden.

„Empathie kann auch zu viel werden. Wir können nicht mit allen mitfühlen, deshalb suchen wir nach Möglichkeiten, um uns abzugrenzen“, sagt Wypych. Doch wenn Anschläge mitten in Europa passieren – immer wieder – ist das Ausblenden nicht so leicht.

Wenn uns jeder Terroranschlag in gleichem Maße schockt, sind wir nicht mehr lebensfähig

"Die Zeiten haben sich geändert und wir sollten lernen, mit Terrorismus zu leben", sagte der französische Premierminister Manuel Valls am Tag nach dem Vorfall in Nizza.

Ich will es nicht. Aber vielleicht habe ich keine andere Wahl.

Denn in gewisser Weise tun wir Europäer das mittlerweile schon. Wir lernen, mit dem Terror zu leben.

Die Geschwindigkeit, mit der wir von Ausnahmezustand zu Normalzustand zurückgehen, wird schneller. In der Politik hält er nur Wochen an, in unseren Köpfen womöglich nur Stunden.

Das liegt nicht daran, dass wir wissen, dass die Chance, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen, nach wie vor verschwindend gering ist.

Laut Wypych setzt bei uns ein gewisser Habituationseffekt ein: „Wir sehen diese Schockbilder immer wieder und sie können nicht jedes Mal denselben Effekt bei uns bewirken. Wir werden abgestumpft. Und das ist völlig normal, weil es uns am Lebensvollzug hindern würde, wenn uns die Bilder jedes Mal mit voller Wucht treffen“.

Die Menschen fühlen sich generell unsicher, wollen diese Angst aber nicht in ihrem Alltag leben.

Laut einer Umfrage des Internetportals "Statista" fürchten sich 69 Prozent der Deutschen vor Terrorismus.

Terror ist damit die größte Sorge der Deutschen. Aber diese Angst ist abstrakt.

In einer Umfrage der „Zeit“ gab nur jeder sechste Deutsche an, seinen Alltag aufgrund von Terrorismus verändert zu haben.

Nur vier Prozent meiden laut der Umfrage Menschenmassen und Großveranstaltungen.

Das ist Selbstschutz: „Sich wochenlang einzuschließen, könnte zu einem phobischen Verhalten führen. Irgendwann hat man ständig Angst, auf die Straße zu gehen“, sagte der Psychologe Jens Hoffmann im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“.

Politologe: "Wir müssen Terroranschläge mit heroischer Gelassenheit hinnehmen"

Doch nicht nur der Einzelne schützt sich so vor einem paralysierten Zustand. Eine ganze Gesellschaft schützt sich so. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler sieht darin in einem Interview mit der "Welt" die "entscheidende Verteidigungslinie gegen den Terrorismus“.

Er forderte schon nach den Anschlägen von New York im September 2001 „heroische Gelassenheit“. Er betont diese Forderung seither immer wieder.

Man müsse den Terroristen die Stirn bieten, indem man sich „nicht an der Aufrechterhaltung eines normalen Lebensstils hindern“ lässt.

Der Kriminal- und ehemalige Polizeipsychologe Jens Hoffmann sieht dieses Bestreben klar in Europa: „Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo hat sich ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt, dass man sagt, wir hier in Europa lassen uns vom Terrorismus nicht vertreiben.

Je weniger Erfolg die Einschüchterungsversuche der Terroristen haben, desto eher lassen sie das“.

Genau das tun wir. Trotzdem fühlen wir uns jedes Mal hilflos, wenn ein Terroranschlag in Europa passiert. Doch wir können nicht in diesem Zustand bleiben. Das erlaubt unsere Natur nicht.

„Es gibt zwei Wege aus der Hilflosigkeit: Handeln oder Zurückziehen“, sagt Psycholgin Wypych.

Wir Europäer tun im Moment beides. Wir grenzen uns von dem schockierenden Erlebnis ab und leben zugleich unser Leben weiter. Weil es das Einzige ist, was wir gegen Terrorismus tun können.

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(glm)