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15 Dinge, die du vermisst, wenn du aus Wien weggezogen bist

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VIENNA
Das Riesenrad gehört auch dazu. Zu Wien. Und zu den Dingen, die man an der Stadt vermisst. | George Pachantouris via Getty Images
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Wir Exil-Wiener haben es nicht leicht. Aus vielerlei Gründen. Erstens wird es nirgendwo jemals wieder so schön sein. Egal, wo wir leben. Zweitens wird uns mit unserer Wien-Liebe nie jemand verstehen, der nicht selbst dort gelebt hat.

Und außerdem haben wir zu selten einen Anlass, in die alte Heimat zu fahren. Es gibt nicht dieses eine große Ereignis, zu dem wir alle wieder eintrudeln.

Die Exil-Berliner fahren am 1. Mai nach Hause, die Exil-Kölner zum Karneval. So etwas hat der Exil-Wiener nicht. Wir müssen uns schon aus eigener Kraft bemühen, dahin zu kommen, wo unser Herzerl irgendwie noch ein bisserl hängt.

Und dann, wenn wir wieder dort sind, merken wir: Scho’ schön hier. Und wir merken aber auch: Es ist schöner hier, als wir es in Erinnerung hatten. Wir schätzen auf einmal Aspekte an dieser Stadt, die uns früher egal waren – uns vielleicht sogar genervt haben.

Hier sind 15 Dinge, die du vermisst, wenn du aus Wien weggezogen bist.

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Ein von Laurence Larochelle (@larochellelaurence) gepostetes Foto am


1. Öffis.

Was haben wir uns nicht alle über die Wiener Linien beklagt. Da kam eine Bim fünf Minuten zu spät, weil ein Auto falsch parkte. Dort war es in der U6 während der Rush Hour mal wieder unerträglich heiß. Hier fiel mal wieder eine S-Bahn aus.

Aber jeder, der jemals in einer anderen Stadt gelebt hat, wird den Wienern sagen: Hört auf, euch zu beklagen, weil die U-Bahn EINMAL in DREI MONATEN ausfällt. Zum unschlagbaren Preis von 365 Euro im Jahr – also 1 Euro pro Tag – findet man in keiner anderen Stadt eine so pünktliche und gute Verkehrsgesellschaft.

Und nirgendwo wird man so freundlich behandelt. Wer warnt einen sonst schon per Lautsprecher, dass zwischen U-Bahn-Türe und Plattform ein Spalt ist? Und wer weist einen mehrmals täglich so höflich darauf hin, „den Sitzplatz anderen Personen zu überlassen, wenn diese ihn notwendiger brauchen“?

2. Zwidern und Sudern.

Das Wienerherz beklagt sich gerne. Aber nur ein echter Wiener weiß, dass das nichts Schlechtes ist. Nichts Negatives. Irgendwie.

Es ist ein Befreiungsschlag des Wieners. Man löst sich von allem, was einen bedrückt. Die verspätete Bim, der Döner-essende Student, die Jugend von heute, so manch ein Pensionist schimpft auch auf die „Tschuchen“. Und irgendwie geht’s einem dann besser. Oder wie der Wiener es seit Jahrhunderten ausdrückt: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“

3. Nimm ein Sackerl für dein Gackerl.

Die Wiener Art zu sagen: Nehmt den Kot eures Hundes mit, wenn ihr mit ihm Gassi geht, sonst drohen 35 Euro Strafe. Wie lächerlich fanden das alle, als die Stadt Wien auf sämtlichen Grasflächen, Blumenbeeten, und Baumscheiben der Stadt – also quasi an den verdächtigsten Tatorten - Schilder mit der Aufschrift „Nimm ein Sackerl für mein Gackerl“ aufgestellt hat. Darauf abgebildet: Ein Hund mit Dackelblick.

Aber ehrlich: Seid ihr nicht auch schon mal – seit ihr aus Wien weggezogen seid – in ein Hundstrümmerl gestiegen und habt euch diese lächerlichen Schilder mit dem Terrier zurückgewünscht? Oder war es ein Dackel?

4. Eitrige mit an G’schissenen, an Buckl, an Krokodü und an 16er-Blech.

OK. Meistens bestellen wir dann doch eher ein Käsekrainer mit Senf, Semmel, Gurkerl und Dosenbier beim Würstelstand. Aber der Spruch ist eben Kult. Und der Würstelstand ist es auch.

5. Wo wir schon dabei sind: Der Würstelstand

Er ist der Dreh- und Angelpunkt des Wiener Lebens. Da treffen die Hackler auf die Gstopft'n, die nachtschwärmende Jugend auf die frühaufstehenden Pensionisten.

Ein guter Würstelstand muss kein Geheimtipp sein. Wenn er gut ist, ist er gut. Am Sacher-Würstelstandl (Bitzinger) in der Innenstadt stellt sich die japanische Reisegruppe genau so an wie die Wiener Studenten.

6. Wir essen da, wo auch die Touris essen. Und das ist gut so.

Wien ist eine der wenigen Städte, in denen Touristen und Einheimische in denselben Restaurants essen. Denn das Schnitzel beim Figlmüller ist das Beste, da hat der Reiseführer schon recht. Wer zum Kettenkarussell-Fahren in den Prater geht, der muss beim Schweizer Haus auf eine Stelz'n und ein Krügerl vorbeischauen– egal, ob er Japaner oder Österreicher ist.

7. Enzis im MQ.

Nirgendwo ist Kunst und Kultur so cool... und bequem.

8. Gratiszeitung.

Jeder Wiener regt sich über „Heute“ und „Österreich“ auf. Steht eh nur schaß drin und überall in der U-Bahn und in den Stationen liegen sie rum. Klar, kost nix, ist nix wert. Die Wiener Linien sehen sich sogar genötigt, Durchsagen zu machen, dass die Leute die Gratiszeitung bitte mitnehmen. Sie sind wie eine Pest. Überall.

Aber wenn man sie nicht mehr hat, vermisst man sie irgendwie. War schon ganz angenehm, wenn man in den U-Bahn-Waggon einstieg und auf dem freien Platz wartete schon die Gratiszeitung, die der andere Passagier zurück gelassen hatte. Und dann hat man sie durchgeblättert, sich informiert und über so manchen dämlichen Artikel geschmunzelt.

9. Gratisfestival.

Was haben wir uns alle beschwert, weil auf der Donauinsel kein Platz zum Atmen war. Gut, bei einer halbe Millionen Menschen auf einer kleinen Insel ist das klar. Und trotzdem sind wir jedes Jahr hingegangen, zum Donauinselfest.

Und gut ist es uns gegangen. Wir haben musikalische Legenden wie Falco oder Udo Jürgens gratis gesehen, internationale Stars wie Sean Paul, die Beach Boys, Bob Geldof oder Joe Cocker, Stimmungsmacher wie Deichkind oder Seiler & Speer. Wir hatten die Auswahl zwischen so vielen verschiedenen Bühnen mit so vielen verschiedenen Musikstilen. Und das alles umsonst.

10. Kostenlos Kultur.

Das Sommernachtskonzert, das Filmfestival am Rathausplatz, das MAK jeden Dienstag von 18 bis 22 Uhr – sind nur einige kulturelle Angebote, die man kostenlos nutzen kann in Wien. Und das ist ja nicht irgendwas. Ein paar Japaner würden sich die Beine ausreißen, wenn sie die Wiener Philharmoniker ohne Marie sehen könnten.

11. Häupl-Sager.

Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl ist ein Urviech, ein Original. Seit über 20 Jahren führt er die größte Stadt Österreichs. Und er findet seine ganze eigene Art zu regieren. Welcher Politiker traut sich sonst nach Abschluss der Koalitionsgespräche mit den Grünen als Erstes sagen „Man bringe den Spritzwein!“?

Wer begegnet einer Diskussion um Lehrer-Arbeitszeiten sonst schnippisch mit dem Spruch: „Wenn ich wie Lehrer 22 Stunden arbeiten würde, wäre ich am Dienstag zu Mittag fertig“.

Wiens Bürgermeister muss für Memes, Witze, T-Shirt- und Taschenaufdrucke und Zitatsammlungen herhalten. Aber irgendwas macht er richtig. Sonst wäre er nicht seit zwei Jahrzehnten an der Spitze. Und Wien nicht so lebenswert.

12. Winter.

Spätestens, wenn der Weihnachtszauber dann nach dem 6. Jänner ganz und gar weggezaubert ist, wird Wien im Winter richtig schirch. Der Gatsch auf der Straße, die Dachlawinen, vor denen unter jedem Haus gewarnt wird, das Salz, das alle Schuhe kaputt macht.

Das sehen jene, die aus Wien weggegangen sind, jetzt wahrscheinlich anders. Die Weihnachtszeit ist nirgendwo so schön, das wussten wir vorher auch. Spittelberg, Karlsplatz, Rathausplatz, altes AKH – alles ist irgendwie magisch. Aber selbst, wenn die Standln dann weggeräumt sind, kommen im Jänner und Feber dann der Wiener Eistraum, die vielen Bälle, der Fasching.

13. Sommer.


Wenn wir schon dabei sind: Sommer fanden wir eigentlich auch nicht so geil in Wien, oder? Sogar nachts war es unerträglich heiß. Schlafen war unmöglich. U-Bahn-Fahren war lebensgefährlich.

Aber der Sommer in Wien war, wenn man zurückschaut, gar nicht mal so schlecht. In anderen Städten klagen die Leute über verregnete Sommertage, in kaum einer Stadt in Mitteleuropa regnet es so wenig wie in Wien.

Und findet einmal so etwas wie das Museumsquartier, den Donaukanal, den Kahlenberg oder das Gänsehäufel in einer anderen Stadt. Dort kann man sich die heißen Wiener Tage und Nächte nämlich ganz schön machen.

14. Wiener Wohnungsmarkt

Wenn man mit Wienern heute über den Wiener Wohnungsmarkt spricht, dann hört man laute Klagelieder. Alles sei zu teuer geworden, es sei viel zu schwer, eine Wohnung zu finden.

Und dann hört man den Mietpreis. Und als Jetzt-Münchner schmunzelt man. Dann hört man, wie schnell die Leute ihre Wohnung gefunden haben. Und dann lacht man. Und dann hört man, zwischen wie vielen Wohnugen sich die Leute entscheiden durften. Und dann vergeht einem schon fast das Lachen. Wien mag teurer werden, aber eigentlich geht es den Menschen dort ziemlich gut zwischen Altbau, sozialem Wohnbau, Genossenschaftswohnungen und Penthäusern.

15. Der Weg zur Arbeit und zur Uni.

Wir haben dort studiert und gearbeitet, wo andere Fotos machen. Wir sind morgens über den Ring mit seinen Prunkbauten gefahren, um zur Arbeit zu kommen. Wir sind nach Feierabend über den wunderschönen Graben und durch die Hofburg spaziert, um noch schnell auf ein Feierabendbier zu gehen.

Und irgendwie haben wir uns schon damals gedacht: Wien ist schon ein bissi schön. Aber jetzt, wo wir nicht mehr dort wohnen, wissen wir: Wien ist wunderschön. Und wir vermissen es. Sehr.

Und was wir nicht vermissen:

Den Billa beim Praterstern. Sonntags.