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Pokémon Go: Wie die Technik-Revolution unseren Alltag für immer verändern könnte

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Pokémon Go: Wie die Technik-Revolution unseren Alltag für immer verändern könnte | Getty Images
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Natürlich: Es wäre jetzt einfach, über die Horden von Menschen Witze zu machen, die mit dem Handy in der Hand durch die Gegend rennen, um virtuelle Monster zu fangen. Nur, um sie in ebenso virtuellen Arenen gegeneinander antreten zu lassen.

Es wäre leicht, jetzt bräsig über die Verkommenheit unserer Zeit herumzujammern. So wie all die Menschen, die damals das „Look up“-Video geteilt haben und in der Nutzung von Smartphones das Ende aller menschlicher Nähe sahen.

Pokémon Go ist eine andere Liga als einst Second Life

Das Problem ist nur – und die Kulturkonservativen müssen jetzt ganz tapfer sein: Pokémon Go ist nicht einfach nur ein neues Spiel, das ein paar Tage lang von den Medien hochgejazzt wird und dann irgendwann, so wie einst Second Life, im digitalen Nirwana verschwindet.

Es ist mehr: Die virtuelle Monsterjagd hat das Zeug, unseren Alltag für immer zu verändern.

Wir erleben gerade nichts weniger als den Durchbruch der Augmented Reality, frei übersetzt: erweiterte Wirklichkeit. Darunter versteht man die erweiterte Realitätswahrnehmung durch datengestützte Technologie.

Pokémon Go könnte Augmented Reality der Masse schmackhaft machen

Wie oft hat uns die Wissenschaft in den vergangenen Jahren schon versprochen, dass der Durchbruch der Augmented Reality kurz bevorstünde?

Ginge es nach den Technikvisionären, stünden wir alle schon an den Regalen im Supermarkt, scannten mit dem Handy Barcodes ein und erführen wichtige Informationen über die Produkte.

Gemacht hat das bisher kaum einer. Denn die wichtigste Information für viele Verbraucher ist und bleibt der Preis, der auf dem gedruckten Schildchen steht.

Viele Augmented-Reality-Anwendungen liefen ins Leere

Tourismusunternehmer hatten darauf gehofft, dass wir statt auf Sightseeingtouren künftig alles Wissenswerte über unsere Reiseziele vom Handybildschirm erfahren. Lust hatten darauf bisher nur wenige. Ebenso verhielt es sich mit all den gut gemeinten Übersetzungsprogrammen, die schon bald in der Lage sein sollten, Sprache simultan zu dolmetschen.

Womöglich brauchte es einen Türöffner, um diese viel versprechende Technologie einem breiteren Publikum schmackhaft zu machen. Und genau das könnte nun Pokémon Go leisten.

"Das nächste große Ding wird als etwas starten, das wie ein Spielzeug aussieht"

Millionen von Menschen auf dem ganzen Erdball lernen gerade, die Umgebung über den Handybildschirm zu erkunden. Die Welt der Computer und das reale Leben verschmelzen auf eine spielerische Art. Und das könnte weitreichende Konsequenzen dafür haben, wie wir den Alltag wahrnehmen.

Der Autor Ezra Klein schrieb kürzlich auf dem amerikanische Online-Magazin „vox.com“:

„Der Venture-Kapitalgeber Chris Dixon nutzt einen Satz, den ich mag. 'Das nächste große Ding wird als etwas starten, das wie ein Spielzeug aussieht.'

Nun, Pokémon Go sieht aus wie ein Spielzeug. Verdammt, es ist ein Spielzeug.

Aber es ist ebenso der erste Fall, in dem Augmented Reality weitreichend genutzt wird. Und das, obwohl es auf Smartphones läuft, die ursprünglich nicht für Augmented Reality geschaffen wurden. (…) Ungefähr vor einem Jahr probierte ich zum ersten Mal Oculus Rift aus (eine Brille, mit der virtuelle Realitäten simuliert werden können, d. R.), und ich war begeistert.

(…) Wie lange dauert es noch, bis wir unser virtuelles Leben viel aufregender und unterhaltsamer finden als unser echtes Leben?

Nicht mehr allzu lange, würde ich wetten. Vielleicht zehn Jahre. Wie lange dauert es noch, bis der Weg zur Arbeit mit Augmented Reality viel besser ist als ohne? Pokémon Go zeigt uns, dass das bereits jetzt der Fall sein könnte.“

Pokémon-Go-Spieler - die "Digital Natives" von morgen?

Man muss den Technikoptimismus der Amerikaner nicht teilen. Aber bereits heute gibt es Anwendungsbereiche für Augmented Reality, die sehr wohl verschiedene Bereiche unseres Lebens revolutionieren könnten.

Der Technik-Experte Manouchehr Shamsrizi sagte der „Hamburger Morgenpost“: „Es ist also davon auszugehen, dass wir bald sehr viel mehr dieser Technologien sehen werden, auch zu produktiven Zwecken. Es gibt ja daneben auch noch die „Virtual Reality“. Besonders spannend wird dann die Kombination dieser Konzepte, wenn es also eine „Mixed Reality“ gibt.“

Ärzte nutzen die neuen Techniken schon bei Operationen

Shamsrizi, der an der Berliner Humboldt-Universität forscht und selbst mit „Retrobrain“ ein Startup gegründet hat, das mittels Computerspielen Alzheimer-Patienten therapieren will, nennt Beispiele: „An der Stanford Universität operieren heute schon Ärzte, denen so in Echtzeit die exakte Lage eines Tumors anzeigt wird. Man wird auch komplett anders auf Baustellen arbeiten, wenn alle genau sehen, wie der nächste Bauabschnitt ausschauen soll.“

Womöglich ist Pokémon Go also der Anfang einer Revolution. Einer Revolution, die das Internet erstmals wirklich mit der realen Welt verknüpft.

Manche mögen darüber schmunzeln. Aber vielleicht sind die Kinder, die heute mit dem Handy auf Monsterjagd gehen, bald schon diejenigen, die ihren technikmüden Eltern die Welt von morgen erklären müssen.

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(sma)