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Das geschah wohl wirklich mit vielen der verschwundenen jugendlichen Flüchtlinge

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  • Eine große Zahl minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland wurde offenbar von Kriminellen rekrutiert
  • Laut Polizeigewerkschaft könnten es sogar bis zu mehreren Tausend sein
  • Allein in Bremen sind laut Polizei rund 200 Flüchtlinge unter 21 Jahren registriert, die regelmäßig durch Straftaten auffallen
  • Eine Zusammenfassung des Artikels seht ihr im Video oben

Es ist eine beängstigende Zahl: Über 8900 minderjährige Flüchtlinge waren Mitte Juni in Deutschland laut Bundesinnenministerium offiziell als vermisst gemeldet.

Schon länger gibt es den Verdacht, dass viele von ihnen in die Fänge Krimineller geraten sein könnten. Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, ging bereits Ende April gegenüber der Huffington Post davon aus, dass "ein großer Teil der verschwundenen Kinder schlicht untergetaucht ist und als Trick-Diebe oder Einbrecherbanden abgerichtet wird".

Mehrere Wochen später verdichten sich Hinweise, dass viele der Kinder und Jugendliche tatsächlich in den Fängen von kriminellen Banden gelandet sein könnten. Darauf deuten jedenfalls aktuelle Aussagen mehrerer deutscher Polizeibehörden hin.

In Bremen sind rund 200 Flüchtlinge unter 21 Jahren registriert, die durch Straftaten auffallen

In Bremen sind einem Polizeisprecher zufolge "rund 200 Flüchtlinge unter 20 Jahren registriert, die regelmäßig durch Straftaten auffallen“. Viele davon seien minderjährig, so der Sprecher im Gespräch mit der Huffington Post.

Für ihn ist klar: "Wir haben in Bremen ein echtes Problem mit kriminellen minderjährigen Flüchtlingen.“ Da gebe es "richtige Gangs mit Straßenkindern, die etwa durch Straßenüberfälle, Taschen-Diebstähle oder Drogenhandel auffallen“. Auch 14- und 15-Jährige seien unter den Verdächtigen.

Die Polizei zählt in der Hansestadt nach eigenen Angaben unter den Flüchtlingen, die jünger sind als 21 Jahre, 37 Intensiv-Straftäter. Diese würden von den Ermittlern mit "Priorität" überwacht.

Allein seit Ende vergangenen Jahres seien 62 Haftbefehle gegen Flüchtlinge unter 21 erlassen worden. Meist handle es sich dabei um Asylsuchende aus Nordafrika, so der Sprecher. Mit mehr Streifen gehen die Behörden der Hafenstadt gezielt gegen das Problem vor.

Vor allem minderjährige Asylsuchende aus Nordafrika werden straffällig

Viele der verdächtigen minderjährigen Flüchtlinge würden bei ihrer Verhaftung "gravierende Auffälligkeiten zeigen“, so der Polizeisprecher. Manche würden sich mit Rasierklingen aufritzen. "Es gibt Kinder, die sich aus Angst in die Hose machten, weil sie es aus ihrer Heimat gewohnt sind, von Polizisten missbraucht oder misshandelt zu werden.“

Kriminelle Organisationen greifen offenbar auch in anderen Bereichen auf junge Schutzsuchende zurück. Einem aktuellen Bericht von "Report München“ zufolge seien die verschwundenen minderjährigen Flüchtlinge "oft leichte Beute für Drogenhändler“.

Die Journalisten des Bayerischen Fernsehens (BR) sprachen mit Ermittlern und Betroffenen. Ein Flüchtlingsjunge erzählt: „Viele der allein reisenden Jugendlichen arbeiten auf der Flucht, in Cafés, als Träger oder sie handeln mit Drogen, oft mit Haschisch.“

In den vergangenen zwei Jahren nahm die Münchner Polizei nach eigenen Angaben rund 50 minderjährige Flüchtlinge wegen Rauschgifthandels fest. Darunter seien sogar 14- und 15-Jährige gewesen. “Besonders Kinder und Jugendliche sind leichte Opfer für Kriminelle“, heißt es dort.

Ein Problem: Viele schutzsuchende Kinder und Jugendliche verschulden sich für ihre meist tausende Euro teure Flucht. Oft sehen sie sich gezwungen, dieses Geld abzuarbeiten.

Polizeigewerkschafter Wendt hält es auf Anfrage für „möglich, dass die Zahl der minderjährigen Flüchtlinge, die im kriminellen Milieu gelandet sind, bundesweit sogar im vierstelligen Bereich liegt.“ Schließlich wisse keiner, wie viele unbegleitete nicht volljährige Asylsuchende tatsächlich nach Deutschland gekommen seien.

Polizeigewerkschaft: Möglicherweise bis zu mehreren tausend minderjährige Flüchtlinge in den Händen Krimineller

Doch der Sicherheitsexperte betont auch, dass die mutmaßlich tausenden Betroffenen "sowohl Täter als auch Opfer sind". Diese Menschen begingen die Drogendelikte oder Diebstähle "in der Regel ja nicht freiwillig".

Der Staat stehe in der Pflicht, sich um diese Kinder und Jugendliche zu kümmern. "Sie müssen in geschlossene Jugendheime.“ Doch davon gebe es schlicht zu wenige, kritisiert Wendt.

Offenbar gibt es auch in anderen Städten als Bremen und München Probleme. Gegenüber "Report München“ berichten junge Flüchtlinge, dass sich auch in Berlin minderjährige Flüchtlinge als Drogendealer oder -kuriere verdingen würden. "Ich wurde gefragt, ob ich eine Tasche mit Drogen transportieren kann. Ich sollte sie zu einer bestimmten Person bringen, das Geld abholen und gehen.“, erzählt etwa der 14-jährige Abdul den Reportern.

Die Berliner Polizei äußerte sich am Donnerstag zunächst nicht auf Anfrage. Am Freitagmittag sagte ein Behördensprecher, es handle sich bei untergetauchten Flüchtlingen, die mit Drogen dealten um "Einzelfälle".

Ein Sprecher der Stuttgarter Polizei betont gegenüber der Huffington Post, es gebe unter den Verdächtigen bei Drogendelikten auch minderjährige Flüchtlinge. "Ein massives Problem oder gar organisierte Banden von jugendlichen Flüchtlingen oder gar Kindern gibt es aber definitiv nicht.“

“Minderjährige sind aus Sicht der Kriminellen schlicht besser kontrollierbar"

Für die organisierte Kriminalität sei es reizvoll, junge Flüchtlinge zu rekrutieren, sagt ein Ermittler: “Minderjährige sind aus Sicht der Kriminellen schlicht besser kontrollierbar.“

Seit Monaten rätseln Experten darüber, was mit den europaweit vielen tausend verschwundenen minderjährigen Flüchtlingen passiert sein könnte. Europol warnte ebenso wie andere Experten zuletzt, viele der Kinder und Jugendliche könnten Opfer von Pädophilen oder der Sex-Mafia geworden sein.

Klar ist aber auch, dass die Zahl der tatsächlich in der Bundesrepublik verschwundenen minderjährigen Asylsuchenden niedriger ist, als die offizielle Zahl von fast 9000.

Flüchtlinge werden zum Teil offenbar doppelt registriert

Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums weist auf Anfrage daraufhin, dass manche Flüchtlinge mehrfach erfasst seien, weil sie aus verschiedenen Einrichtungen in unterschiedlichen Bundesländern verschwunden. Andere seien doppelt mit unterschiedlichen Namen erfasst. Dem Ministerium liegen der Sprecherin zufolge "keine Erkenntnisse vor, dass geflüchtete Minderjährige gezielt für Straftaten eingesetzt und für kriminelle Aktivitäten ausgenutzt werden".

Auch eine BKA-Sprecherin sagte jüngst gegenüber der Huffington Post, ein Grund für die hohe Zahl dürften auch Mehrfacherfassungen sein. "Wenn etwa ein Junge oder Mädchen auf eigene Faust in eine andere Stadt weiterzieht und sich dort erfassen lässt, kann es beispielsweise leicht passieren, dass er sich dort neu registrieren lässt und dabei der Name falsch geschrieben wird“, so die Sprecherin.

Andere Minderjährige würden sich in ihrer neuen Heimatstadt erst gar nicht registrieren, andere seien möglicherweise auch gleich ins Ausland gezogen.

Eines ist jedoch klar: Der Verbleib mancher Kinder und Jugendlicher, die als Schutzsuchende nach Europa kamen, wird wohl nie geklärt werden.

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(lk)