Huffpost Germany

Brisante Vorwürfe aus NRW: "Ostdeutsche Kommunen schicken uns Flüchtlinge"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken
  • Ostdeutsche Kommunen sollen Flüchtlinge gezielt nach NRW schicken
  • Die meisten Flüchtlinge haben Anspruch auf Hartz IV - im Ruhrgebiet fürchtet man daher eine zu hohe finanzielle Belastung
  • In ostdeutschen Kommunen stoßen die Vorwürfe auf Unverständnis
  • Eine Zusammenfassung seht ihr im Video oben

Auch 26 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland noch immer ein geteiltes Land. Diesen Eindruck erhält man jedenfalls, wenn man sich aktuelle Studien anschaut.

NRW-Kommunen beklagen: Ostdeutschland schickt Flüchtlinge bewusst in den Westen

Jetzt erhält der Ost-West-Konflikt neue Brisanz. Hintergrund sind die Flüchtlingskosten - eine Thema, das ohnehin schon seit Monaten für Krach in der Koalition sorgt. Jetzt klagen Behörden in Nordrhein-Westfalen: Kommunen in Ostdeutschland schicken Flüchtlinge bewusst nach NRW - um so Kosten zu sparen.

Wie die "Rheinische Post" berichtet, melden sich in Essen derzeit zunehmend Flüchtlinge, die zuvor schon in Ostdeutschland gewesen sind. "Sie haben Zettel mit Essener Adressen in der Hand und sagen, dass man ihnen empfohlen habe, in unsere Stadt zu kommen", zitiert das Blatt Essens Sozialdezernent Peter Renzel.

"Haben Hinweise darauf, dass es gezielte Ansprachen gibt"

Renzel erhebt schwere Vorwürfe: Den Migranten sei in ost- und zum Teil auch süddeutschen Kommunen gesagt worden, dass sie im Ruhrgebiet bessere Chancen hätten, eine Arbeitsstelle und eine Wohnung zu finden.

"Wir haben Hinweise darauf, dass es gezielte Ansprachen gibt. Dass es Stellen in den anderen Bundesländern gibt, die die Flüchtlinge diesbezüglich beraten und dass man an sie Adressen aus Essen verteilt", sagte Renzel. Das sei ein zutiefst "unsolidarischer Akt".

Auch das Bochumer Jobcenter beklagt vermehrten Flüchtlingszuwachs aus dem Osten

Das Problem aus Sicht der NRW-Kommunen: Bei denen, die derzeit in den Westen kommen, handelt es sich zu großen Teilen um Flüchtlinge, deren Asylanträge bewilligt worden sind. Das heißt: Damit haben sie ein Anrecht auf Hartz IV und eine Unterkunft.

"Miete und Heizkosten muss ebenfalls die Stadt bezahlen", sagt Renzel dem Blatt. Das sei finanziell kaum machbar.

Auch in der Nachbarstadt Bochum sieht man ähnliche Probleme. "80 Prozent der Flüchtlinge, die Bochum nicht vom Land offiziell zugewiesen werden, sind überwiegend aus Ostdeutschland und Bayern zu uns gekommen", zitiert die RP den Sprecher des dortigen Jobcenters, Johannes Rohleder.

Die Vorwürfe aus NRW stoßen im Osten auf Unverständnis

Und ein bei der RP namentlich nicht genannter Kämmerer einer Großstadt im Rheinland geht mit seiner Anklage noch einen Schritt weiter: "Jahrelang mussten wir uns schonen, nur um die Haushalte ostdeutscher Städte aufzupäppeln. Und jetzt schicken sie uns auch noch als Dankeschön die anerkannten Flüchtlinge. Das geht so nicht weiter".

Die Vorwürfe aus NRW stoßen in ostdeutschen und bayerischen Städten auf Unverständnis. "Ich kann ausschließen, dass so etwas von der Stadtspitze verordnet wurde", sagt ein Sprecher der Stadt München dem Blatt.

Und die Stadtspitzen in Dresden und Erfurt betonen, dass man keinem Flüchtling den Umzug ins Ruhrgebiet empfohlen habe. Man wisse jedoch, dass viele Flüchtlinge zu ihren Verwandten in westdeutschen Großstädten ziehen würden.

Bereits Ende des vergangenen Jahres hatte es Berichte gegeben, wonach tausende Flüchtlinge aus Erstaufnahmelagern in Ostdeutschland verschwunden waren - vermutlich, weil es viele von ihnen in Richtung NRW zog.

Linken-Parteichefin Katja Kipping sagte damals: "Es ist nachvollziehbar, dass sich die Geflüchteten zu Verwandten oder Freunden begeben und versuchen, so schnell wie möglich Anschluss und Arbeit zu finden".

Auch auf HuffPost:

Thierse behauptet: Darum ist der Osten fremdenfeindlicher als der Westen

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen nehmen kein Ende. Auch, weil es viel zu wenig Rettungskräfte auf dem Mittelmeer gibt. Hier versucht die Mannschaft des Schiffes Sea Watch 2. zu helfen. Spenden benötigt die Crew für Nahrung, Schwimmwesten und Medikamente.

Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

(lp)