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Trump und Clinton konkurrieren nur darum, wer das kleinere Übel ist

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TRUM CLINTON
Trump und Clinton konkurrieren nur darum, wer das kleinere Übel ist | Getty / Reuters
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  • Die US-amerikanische Gesellschaft ist so gespalten wie lange nicht
  • In dieses Unzeit fällt die Präsidentschaftswahl mit den unbeliebtesten Kandidaten der jüngeren US-Geschichte
  • Experten halten Trump für gefährlich, Clinton jedoch auch für schwer tragbar

Der 63-jährige Larry J. Sabato ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der amerikanischen Geschichte. Er war Rhodes-Stipendiat, erhielt die Doktorwürde von der Universität von Oxford, ist Professor an der University of Virginia. Sabato schrieb über 20 Bücher. Die Amerikaner kennen ihn als scharfsinnigen Analysten.

Sabato stammt aus Virginia, er ist bemüht, die Politik auf Distanz zu halten und sich keiner Panik oder gar Hysterie diesbezüglich hinzugeben. Bislang.

Geändert hat sich das jetzt mit einem Blick auf die US-Präsidentschaftswahlen, die nächste Woche in Cleveland mit dem ersten von zwei Parteitagen inoffiziell in die letzte heiße Phase gehen.

"Ganz ehrlich, ich habe Angst“, sagt er.

Wirtschaft ist im Aufwind, dennoch blüht Extremismus auf

Die amerikanische Wirtschaft hat sich nicht nur erheblich von der Katastrophe aus dem Jahr 2008 erholt, sie hat sich zudem in viele Richtungen weiterentwickelt. Aber die politische Teilung unter den Wählern ist so deutlich und aggressiv wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

Vor gut 60 Jahren begann man, Umfragen zu der politischen Stimmung unter den Wählern durchzuführen. Das aktuelle Ergebnis: Nie hatte das Volk so wenig Vertrauen in Regierungsinstitutionen, wie es derzeit der Fall ist. Rassistische Feindseligkeiten und Ängste sind sogar präsenter als in den politisch aufgeheizten 60er-Jahren.

Clinton und Trump sind wie Pest und Cholera

Und noch schlimmer: Den amerikanischen Wählern steht im November eine Wahl zwischen Pest und Cholera bevor. Eine Wahl zwischen den beiden Kandidaten der großen Parteien, die von der Öffentlichkeit abgelehnt werden.

"Donald Trump ist in meinen Augen ein Irrer, der die ganze Welt in die Luft jagen könnte“, so Sabato. "Hillary Clinton wird die Welt zwar nicht in die Luft jagen, aber seit 25 Jahren weigert sie sich zu akzeptieren, dass es ihre Pflicht ist, eine Geschichte auch ganz bis zum Ende, Details inklusive, zu erzählen.“

Nie Kandidaten mit weniger Vertrauen

"Wir führen erst seit den 1950er Jahren Umfragen zu der Vertrauenswürdigkeit und dem Charakter der Kandidaten durch“, so Sabato. "Aber seit wir diese Umfragen durchführen, sind dieses die beiden Kandidaten, denen mit Abstand am wenigsten Vertrauen entgegengebracht wird. So etwas hat es bisher noch nicht gegeben, zumindest nicht im modernen Zeitalter.“

"Trump kann nicht regieren, wenn er gewählt wird, er ist einfach unfähig. Aber Hillary wird auch eine enorme Bürde zu tragen haben, nämlich die Narben der letzten 25 Jahre.“

Newcomer hätte profitieren müssen - theoretisch

Theoretisch sollte ein so tiefes Misstrauen des Volkes gegenüber der Regierung und den Politikern die Wähler hungrig auf einen frischen, jungen und weniger vorbelasteten Newcomer machen.

So ist es aber nicht gekommen. Laut Sabato liegen einige der Gründe dafür direkt bei den Republikanern und Demokraten selbst.

Die Zwischenwahlen in den Jahren 2010 und 2014 waren beide gekennzeichnet von den Rückwirkungen der Erfolge, die Barack Obama als Präsident erzielen konnte. Eine jüngere Generation an Herausforderern, die der politischen Marke Clinton aus dem Jahr 1980 etwas entgegensetzen könnte, wurde wegeschwemmt.

Sanders zeigt das Problem der Demokraten

"Hillary sieht sich jetzt einem unheimlich schwachen Herausforderer-Feld gegenübergestellt“, sagt Sabato. "Ich mag Bernie Sanders, aber jetzt mal ehrlich. Die Tatsache, dass er so weit gekommen ist, zeigt doch, dass es nicht wirklich jemanden gibt, der es ernsthaft mit Hillary aufnehmen und sie überholen könnte.“

Sabato weist darauf hin, dass Clinton weniger Pressekonferenzen abgehalten hat als Trump. Und sie weigerte sich, die Widersprüche zwischen ihrer Version der E-Mail-Affäre und den vernichtenden Versionen des FBI und des Justizministeriums aufzuklären.

"Sie weigert sich einfach zu akzeptieren, dass es Zeit für eine Erklärung ist“, so Sabato.

"Sie weigert sich einfach zu akzeptieren, dass es ihre Pflicht ist. Ich habe erwartet, dass sie zumindest probieren würde, alles aufzuklären, aber stattdessen mauert sie einfach in der Öffentlich und erklärt die Geschichte für beendet. Aber so ist es nicht.“

Ventil des Hasses

Die Republikaner wiederum wurden ein Opfer des Zynismus‘, den sie jahrzehntelang der Regierung und den Politikern entgegengebracht hatte. Und ein Opfer ihrer immer wieder vorgebrachten Kritik, die Regierung sei in den Obama-Jahren zu einem Ventil des Hasses von Immigranten, Minderheiten und allen anderen geworden, die die weißen Wähler attackierten.

"Die Republikaner haben seit 2010 immer extremere Kandidaten gewählt“, erklärt Sabato. "Die Tea Party und ihre Ausläufer waren niemals nur die Reaktion auf die sogenannte "Obamacare“ – es ging dabei auch um die Republikaner selbst.“

"Das natürliche Resultat war Donald Trump – oder es wäre Ted Cruz gewesen, wenn Trump nicht wäre.“

Vier "unangenehme Jahre"

Das Ergebnis ist ein Sommer-Herbst-Wahlkampf, der von einer nie da gewesenen Boshaftigkeit charakterisiert ist und der den Zynismus der Öffentlichkeit immer weiter hoch treibt. Das Regieren des Landes wird so schließlich nur noch weiter erschwert.

"Ich fürchte, uns stehen ab November vier wirklich unangenehme Jahre bevor“, so Sabato. "Und eigentlich sollte ich ein noch viel stärkeres Wort als "unangenehm“ benutzen.“

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt

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