Huffpost Germany

Wie Jürgen Todenhöfer versuchte den IS zu entlarven - und scheiterte

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TOEDENHOEFER
IS-Henker Dschihadi John war sein Fahrer: Alles über Todenhöfers Doku "Inside IS" | Screenshot
Drucken

Bereits lange vor der ersten Ausstrahlung sorgte sie für eine landesweite Kontroverse. Jürgen Todenhöfers Dokumentation "Inside IS“, der wohl intimste Einblicke in das Leben im Islamischen Staat, den je ein westlicher Journalist erhaschen konnte.

Viele Kritiker warfen Todenhöfer, nachdem er erste Videosequenzen und ein Buch über seine Zeit beim IS veröffentlichte, einen Hang zur Selbstdarstellung vor. Zudem biete der Publizist den kranken Machtfantasien und kruden Ideologien der radikalen IS-Kämpfer durch seinen Film eine Plattform.

Passend zum Thema: Blog von Frederic Todenhöfer: Der Kampf gegen den Terror ist ein komplettes Desaster


Nun wurde der Film zum ersten Mal im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Am Dienstagabend um 21.30 Uhr auf Phoenix: Ein Nischenplatz für einen Selbstdarsteller.

Wir haben uns das waghalsige Doku-Projekt angeschaut: Das sind die drei wichtigsten Antworten zu "Inside IS“:

1. Was konnte Todenhöfer im Islamischen Staat filmen?

Todenhöfer war mit seinem Sohn Frederic als Kameramann mehrere Tage im vom IS kontrollierten Gebiet in Syrien und dem Irak unterwegs.

Die Reise beginnt im syrischen Aleppo. 50 bis 60 Kämpfer seien am Drehtag aus der Türkei dort angekommen. Sie stammten ursprünglich aus Frankreich, Schweden, Großbritannien – und sogar ein Jurist aus der Karibik sei unter den Neuankömmlingen gewesen, berichtet Todenhöfer. Viel Filmmaterial aus dem umkämpften Aleppo gibt es allerdings nicht.

Der Hauptteil der Doku spielt sich in der syrischen IS-Hauptstadt Rakka und im irakische Mossul ab. In Rakka trifft Todenhöfer den deutschen IS-Kämpfer Christian Emde, Kampfname Abu Qatada. Laut Todenhöfer eine "zentrale Figur in der Medienabteilung des IS“.

Dazu passt: Wie ein Deutscher und ein Österreicher den IS erfolgreich machten

Emde stammelt in den kurzen Sequenzen fanatische Allmachtfantasien vor sich her, unterbricht seinen Redefluss immer wieder um "Yani“, das arabische Äquivalent zu "ähm, weißt du“ einzuschieben. Ein IS-Medienprofi mit dem Charisma eines Perserteppichs.

In Mossul trifft Todenhöfer Polizisten, IS-Richter und Soldaten. Viele von ihnen sind mit amerikanischer Ausrüstung ausgestattet, die sie wohl von der irakischen Armee erbeutet haben. Sie erzählen im Grunde alle dasselbe, sind von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt. Wollen die bestrafen, die ihrer Glaubensvorstellung nicht folgen.

Dann kommt doch Spannung auf: "Wir werden nach Deutschland kommen. Wir werden dich suchen, finden und töten“, soll ein Kämpfer der Terror-Miliz Todenhöfer gedroht haben. Behauptet dieser jedenfalls. Das Interview mit dem Kämpfer bricht nämlich ohne ersichtlichen Grund vorher ab.

2. Bietet die Doku neue Erkenntnisse über den IS?


Kaum. Während der Interviews mit den IS-Schergen entlockt Todenhöfer diesen kaum Überraschendes. Abu Qatada spricht von Anschlägen auf Europa, wenig später attackieren IS-Terroristen Paris.

Todenhöfer verleitet das zu der Aussage: "Abu Qatada hat nicht geblufft.“ Dass der Solinger tatsächlich an der Planung der Anschläge beteiligt war, oder überhaupt von dieser wusste, ist jedoch schwer vorstellbar. Es verleiht der Dokumentation jedoch einen Hauch Dramatik, die ihr sonst zumeist abgeht.

Einen Überraschungsmoment gibt es dann doch: Todenhöfer erzählt, bei seinem maskierten Fahrer habe es sich um den britischen Top-Terroristen Dschihadi John gehandelt. Dieser ist mittlerweile verstorben, galt zu seiner Zeit als wichtigster Propagandist der Miliz, trat in Videos selbst als Henker auf. Eine bedrückende Vorstellung.

Dschihadi John trat in den Videos des IS stets mit verzerrter Stimme auf, die Filmemacher wollen ihn dennoch an seinem Akzent erkannt haben. "Er hat versucht uns zu dominieren", sagte Todenhöfer.

Ansonsten entfalten die Bilder selten die erwünschte Wirkung. Weder wird die Grausamkeit der IS-Ideologie so deutlich wie nötig, noch wird ersichtlich, wie sehr die Zivilbevölkerung unter dem Islamischen Staat leidet.

Am Ende muss ein anderer Islam-Experte den Film retten - mit einem Konfuzius-Zitat. "Es ist besser, eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen“, sagt dieser über den Kampf gegen die Ideen des IS. Noch seien die Menschen im Kalifat nicht verloren.

3. Ist die Kritik an Todenhöfer also gerechtfertigt?

Zum Teil ja. Denn ihm gelingt es nicht, die nötige Distanz zu der Grausamkeit des Kalifats herzustellen. Dass in den Film Propaganda-Aufnahmen des IS gegengeschnitten werden, ist dieser Sache sicherlich nicht zuträglich.

Auch die Selbstdarstellungs-Vorwürfe sind teilweise nachvollziehbar. Bereits nach wenigen Minuten behauptet Todenhöfer stolz: "Der IS verbietet seinen Kämpfern mit Medien zu sprechen. Sie wollten nur noch mit mir reden.“

Todenhöfer wird nicht müde zu betonen, dass die USA an der Situation im Irak und Syrien Schuld seien. Der Kampf gegen den Terror habe die 100.000 Terroristen weltweit erst erzeugt. Die Amerika-Kritik, Todenhöfers politisches Credo, scheint über allem zu schweben, was der Journalist zeigt.

Dennoch: "Inside IS“ ist ein überaus mutiges Projekt. Die Todenhöfers spenden die Erlöse für Kinder in Syrien. So muss der Zuschauer ein weniger schlechtes Gewissen haben, wenn er sich bei dem Film über ein so hoch brisantes Thema fast ein bisschen langweilt.

Auch auf HuffPost:

„ISIS hat nichts mit dem Islam zu tun“ - Ein Experte findet klare Worte

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V.“ möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen.”Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

(ca)