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"German Angst": Deutsche fürchten Terrorismus und Extremismus wie seit Jahren nicht mehr

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GERMAN ANGST
"German Angst" ist zurück: Deutsche fürchten Terrorismus und Zuwanderung wie nie zuvor | Felbert Eickenberg / STOCK4B via Getty Images
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  • Die Deutschen haben so viele Ängste wie schon seit Jahren nicht mehr
  • Anführer der Liste sind Terrorismus und politischer Extremismus
  • Problematisch ist vor allem die Verknüpfung von Terror und Zuwanderung - und das mangelnde Vertrauen in die Politik

Die Deutschen haben so viel Angst wie schon seit langem nicht mehr. Nachrichten über Terroranschläge und die Flüchtlingskrise mit ihren Folgen treiben die Sorgen der Deutschen auf Spitzenwerte - hinzu kommt mangelndes Vertrauen in die Politiker, diese Probleme zu lösen.

Zu diesem Fazit gelangt die Studie "Die Ängste der Deutschen 2016" der R+V-Versicherungen, die seit 25 Jahren durchgeführt wird. "Nie zuvor im Laufe unserer Umfragen sind die Ängste innerhalb eines Jahres so drastisch in die Höhe geschnellt wie 2016", so Brigitte Römstedt, Leiterin des Infocenters der R+V Versicherung, bei der Pressekonferenz am Dienstag in Berlin.

"2016 ist das Jahr der Ängste"

Statt der Angst vor Arbeitslosigkeit wie noch in den Neunzigern oder den Folgen der Wirtschaftskrise nach 2007 rücken nun Ängste vor Terroristen und politischem Extremismus in den Mittelpunkt.

"2016 ist das Jahr der Ängste", kommentiert Professor Dr. Manfred G. Schmidt, Politologe an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und Berater des R+V-Infocenters, dieses Ergebnis.

Er registriert "erdrutschartige Verschiebungen" im Ranking: "Die Sorgen um Geld, Gesundheit und Umwelt - in früheren Jahren noch Top-Themen - sind nicht verschwunden. Aber jetzt werden sie von schwerwiegenden Gefährdungen wie Terror, Extremismus oder EU-Schuldenkrise überlagert."

Drei Viertel der Deutschen fürchten sich vor Terroranschlägen

Fast drei Viertel aller Bürger fürchten sich vor terroristischen Anschlägen (73 Prozent). Damit stieg die Furcht vor Terrorakten im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent und ist erstmals Spitzenreiter der Liste.

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Die folgenden Plätze werden von der Furcht vor politischem Extremismus (68 Prozent), und vor Spannungen durch den Zuzug von Ausländern (67 Prozent) belegt. Zwei Drittel glauben, dass die zuständigen Behörden mit den Flüchtlingen überfordert sein könnten.

Im Vergleich zum Vorjahr sind laut der Umfrage sehr viele Ängste enorm gestiegen – zweistellige Zuwachsraten dominieren. Solche starken Veränderungen bei so vielen Sorgen sei bisher einzigartig.

Bedenkliche Verknüpfung von Flüchtlingen und Terrorgefahr

Bedenklich ist, dass die Deutschen durchaus Zuwanderung und Terrorismus verknüpfen. In der amerikanischen Vergleichsstudie Pew haben 61 Prozent der Deutschen angegeben, dass durch die Zahl der Flüchtlinge auch die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags steige. "Es gibt in den Köpfen eine sehr klare Verbindung zwischen der Flüchtlingskrise und der Terrorgefahr", schreiben die Forscher.

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Angst vor Überforderung der Politik steigt

Auch zu denken geben sollte die Umfrage den Parteien. Die Lösung der Zukunftsfragen trauen die Deutschen ihrem politischen Personal zu rund zwei Dritteln nicht mehr zu (65 Prozent). Ein verheerendes Urteil, findet Manfred Schmidt.

"Die große Mehrheit der Deutschen ängstigt der Kontrollverlust des Staates in der Flüchtlingskrise und die Überforderung der Politiker - ein katastrophales Urteil für die politische Klasse."

Noch letztes Jahr war es nur knapp die Hälfte der Befragten, die den Politikern nicht genügend Vertrauen entgegenbrachte - eine dramatische Verschlechterung.

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Diffuse statt private Sorgen

Was die größten Ängste der Deutschen 2016 gemeinsam haben, ist: Sie sind sehr diffus. Anfang der Neunziger dominierten viel mehr individuelle Sorgen wie Krankheit oder die Befürchtung, ein Pflegefall zu werden. Damals begann die öffentliche Diskussion über eine Gesundheitsreform und den demografischen Wandel. Zur Einführung des Euro fürchteten viele, dass ihr Leben nun sehr viel teurer wird.

Die letzten Jahre über waren die Deutschen erstaunlich zufrieden - dem Klischee des "German Angst", für das man im Ausland nach wie vor belächelt wird, wollten sie nicht mehr so recht entsprechen.

Doch nun schwappt eine Welle von schlecht greifbaren Besorgnissen hoch - die Frage ist, wie damit umgegangen wird. Mehr Angst schüren und das Klima ausnutzen kann auf jeden Fall nicht die Lösung sein.

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Quelle aller Grafiken: R+V-Versicherungen

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