Huffpost Germany

Monsterjagd statt Drogenpartys: Wie Pokémon Go eine ganze Generation dazu bringt, den Arsch hochzukriegen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
POKEMON GO
Gettystock
Drucken

„Ich bin sofort wieder da, muss nur schnell dieses Dratini fangen, das hier rum hüpft!“ Das Handy in der Hand, die Augen nicht vom Bildschirm abwendend, schieße ich nach oben. Reiße dabei fast das Bier, das vor mir steht um. Ich murmele ein leises „Sorry!“ vor mich hin und begebe mich im Laufschritt ein paar Querstraßen weiter direkt in die Arena.

Etwa 15 Minuten später nehme ich wieder am Tisch bei meinen Freunden Platz. Ich blicke in ratlose Gesichter, als ich traurig erzähle, dass ich den Kampf verloren habe. Ich habe kein Dratini gefangen, dafür aber unterwegs ein Ei ausgebrütet. „Ist alles okay bei dir?“, fragt mich ein Freund und fühlt mit seinen Fingern, ob ich vielleicht Fieber habe. „Ja, mein Schiggy ist einfach noch zu schwach, um an großen Wettkämpfen teilzunehmen“, antworte ich und nehme seine Hand von meiner Stirn.

„PokémonGO“, füge ich hinzu, als ich merke, dass sie noch immer keine Ahnung habe, wovon ich eigentlich spreche. „Ihr habt doch vor einem Jahr alle Ingress gespielt. Das ist wie Ingress, nur eben mit Pokémon!“ „Was ist denn ein Pokémon?“, will eine Freundin wissen. „Pikachu? Ihr kennt doch Pikachu! Klein, gelb, kann Blitze schießen und seinen Namen sagen!“ Schulterzucken auf allen Seiten. „Ihr seid zu alt dafür“, sage ich. „Pokémon sind seit 20 Jahren das Ding meiner Generation.“

"Netflix and Chill“ war gestern

Bereits seit 1996 hängt meine Generation vor kleinen Bildschirmen herum, um Taschenmonster zu fangen. Sie werden in Kämpfen gestärkt, in Bällen verstaut und mit Freunden getauscht. Was auf dem Gameboy und mit Sammelkarten auf dem Schulhof anfing, bewegt sich jetzt dank „PokémonGO“ auch durch die reale Welt. Was hier in der Kneipe am Eck von meinen Freunden belächelt wird, verändert das Verhalten der Generation Y gerade nachhaltig. Und zwar zum Positiven.

"Netflix and Chill“ war gestern. Während uns bisher nachgesagt wurde, dass wir unsere Zeit am liebsten vor dem Rechner verbringen, treibt es uns jetzt wieder nach draußen. Der ständige Blick aufs Smartphone ist geblieben, aber wir haben eine Mission. Nämlich Pokémon-Trainer zu werden. Und dafür müssen wir unsere geliebten Couches endlich mal verlassen.

Zehn Kilometer laufen, um ein Ei auszubrüten

Statt den Lieferservice kommen zu lassen, war ich zum ersten Mal seit einem Jahr auf dem Markt, habe frisches Gemüse gekauft und selbst gekocht. Warum? Weil ich zehn Kilometer laufen musste, um ein Ei auszubrüten, das ein seltenes Pokémon enthielt. Der Weg hat sich gelohnt, denn ich bin nun im Besitz eines Ponita. Und hatte eine fantastische Gemüselasagne mit frischen Zutaten aus der Region zum Abendessen.

Auch an Architektur und Sehenswürdigkeiten habe ich in den letzten Tagen mehr gesehen als in den letzten Monaten. Pokéstops und Arenas befinden sich nämlich vornehmlich an Orten, wo es etwas zu sehen (und zu lernen) gibt. Man wird von dem Spiel bewusst dort hingelockt. Und wenn man schon mal da ist, dann schaut man sich auch um. Nicht nur in der virtuellen Welt auf dem Telefon, sondern auch in der echten.

Seit PokémonGo bin ich zudem mit erstaunlich vielen fremden Menschen ins Gespräch gekommen. Menschen, die ich sonst nie angesprochen hätte, weil ich selten ein Thema parat habe, über das man quatschen kann, wenn man sich überhaupt nicht kennt. „Bist du auch für das Quaputzi hier?“, ist jedoch ein super Einstiegssatz.

Statt verrauchten Clubs und Drogen, Wassermonster am See jagen

Ich habe das getestet. Man trifft sich plötzlich wieder draußen. Unternimmt mehr mit Freunden, um gemeinsam Jagd auf Pokémon zu machen. Und spricht wieder miteinander, statt nur stumpf SMS zu schreiben. Die App erlaubt nämlich nur eins. Entweder texten oder spielen.

Was von meinen älteren Freunden beim gemeinsamen Biertrinken in der Eckkneipe bloß belächelt wurde, wirkt sich positiv auf das Verhalten einer ganzen Generation aus. Es sind kaum Jugendliche, die PokémonGO spielen, sondern vornehmlich Twens. Die Menschen eben, die mit Ash und Pikachu aufgewachsen sind.

Statt am Wochenende in verrauchten Clubs rumzuhängen und Drogen zu nehmen, fahren wir jetzt wieder an den See, um Wasserpokémon zu fangen. Und kriegen so endlich mal Sonne ab. Eine ganze Menge junger Menschen hat angefangen, Sport zu machen, um die tägliche Kilometerzahl, die einem PokémonGO für einen Levelaufstieg abverlangt, zu bewältigen.

Bei mir wirkt PokémonGo schon

Die ersten Artikel loben sogar die Wirksamkeit gegen Depressionen, auch wenn hierzu natürlich noch keine Studien vorliegen. Nach nur wenigen Tagen kann ich jedoch sagen, dass auch bei mir sich dieser Effekt bereits eingestellt hat. Zumindest so ein kleines bisschen.

Natürlich hat das Spiel auch seine Schattenseiten. Von Unfällen aufgrund von Unachtsamkeit der Spieler über Raubüberfälle, die gezielt an Stationen durchgeführt wurden, an denen sich Anlaufstellen für Spieler befinden, war wohl alles schon dabei.

Der gute Effekt ist jedoch nicht zu übersehen. Und der sollte trotz kleineren Wutanfällen – wenn der Server mal wieder abstürzt während man gerade ein besonderes Pokémon fängt - im Vordergrund stehen.

Der Hype um PokémonGO ist also definitiv berechtigt. Und er tut der häufig belächelten und niedergemachten Generation Y sehr gut.

Jana Seelig ist Autorin des Buchs "Minusgefühle". Hier könnt ihr das Buch kaufen.

2016-07-13-1468404303-4954994-JanaSeelig.jpg

2016-06-15-1466018533-2309891-HUFFPOST61.jpg

Jana Seelig ist Teil der HuffPost Voices. Einem Kolumnisten-Team, das aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

Hier geht es zu den bisherigen Beiträgen von:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Genialer Trick: So kommen Sie beim Sex-Chat Tinder an die Nummer jeder Frau (und jedes Mannes)