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Was mit der Seele von Kindern passiert, die angeschrien werden

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KINDER ANSCHREIEN
Was mit der Seele von Kindern passiert, die angeschrien werden | iStock
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Du hast es auf die nette Art versucht, hast mit ruhiger Stimme gesprochen. Aber es hat nicht geholfen. Beim nächsten Mal warst du strenger. Deine Mimik unterstützte deine mahnenden Worte. Als es zum dritten Mal geschah, warst du wütend. Du wurdest laut, deine Stimme zitterte.

Und dann hast du es gesehen. Hast beobachtet, wie die Augen deines Kindes sich für den Bruchteil einer Sekunde weiteten. Du hast den Schock gesehen, den deine Worte in diesem kleinen Gesicht hinterließen. Und da war noch etwas: War es Angst? War es Enttäuschung?

Du hast es sofort bereut. Hast dir gewünscht, du hättest nie gesagt, was dir da gerade über die Lippen gegangen ist. Du hast instinktiv gespürt, dass du einen Schritt zu weit gegangen bist. Es ist in Ordnung. Du hast es noch rechtzeitig gemerkt. Vielleicht hast du daraus gelernt.


Doch vielen Eltern passiert es immer wieder.

Dass man Kinder nicht körperlich verletzen darf - auch nicht mit einem gelegentlichen Klaps - ist inzwischen in den meisten Köpfen angekommen. Aber wie sieht es mit den unsichtbaren Verletzungen aus? Den Schrammen und Narben, die nie ganz verheilen und die eines Tages in Form von Depressionen und Angststörungen sichtbar werden.

Die wenigsten Eltern machen sich bewusst, was sie tun, wenn sie laut werden. Dass es sich um nichts anderes als verbalen Missbrauch handelt, wenn sie ihre eigene Stärke nutzen, um einen Schwächeren zu kränken.

Und was könnte verletzender sein als von den Eltern angeschrien zu werden?

Worte können ein Kind genauso verletzen wie Prügel - das belegen inzwischen sogar mehrere wissenschaftliche Studien.

Kinder, die angeschrien werden, verhalten sich auffällig

US-Psychologen der University of Pittburgh fanden 2013 heraus, dass Jugendliche, die regelmäßig von ihren Eltern angeschrien, beleidigt oder herabgesetzt werden, häufiger zu Depressionen neigen als andere Kinder. Außerdem lügen und stehlen sie häufiger und verhalten sich aggressiver.

"Die Annahme, dass harsche Disziplin ohne Konsequenzen bleibt, solange es nur eine starke Eltern-Kind-Beziehung gibt, ist irreführend”, fasste Ming-Te Wang, der die Studie leitete, die Ergebnisse zusammen.

Auch gelegentliches Schreien richtet Schaden an

“Wenn man schreit, verletzt man das Selbstwertgefühl des Kindes. Es gibt ihm das Gefühl, dass es untauglich ist, wertlos und unbrauchbar ist”, sagte er dem “Wall Street Journal”.

“Auch wenn Eltern nur ab und zu zu harter, verbaler Disziplin greifen, können sie Schaden anrichten”, sagte Wang in einer Pressemitteilung. “Selbst wenn Sie Ihr Kind normalerweise unterstützen, ist es immer noch schlecht, wenn Sie die Fassung verlieren.”

Emotionale Gewalt hat die gleichen Folgen wie körperliche Gewalt

Ein Jahr nachdem Wang seine Ergebnisse veröffentlicht hatte, stellte Joseph Spinazzola eine Studie vor, die ebenfalls belegt, dass emotionaler Missbrauch - also Beschimpfungen, Schreie, Beleidigungen - erheblichen Schaden anrichten kann.

Spinazzola wertete die Daten von mehr als 5000 Kindern aus. Dazu gehörten neben psychischem Missbrauch wie emotionaler Vernachlässigung auch körperliche und sexuelle Missbrauchsfälle. Die Ergebnisse veröffentlichte er in der Fachzeitschrift "Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy".

Spinazzola fand heraus, dass Kinder, die Opfer von emotionaler Gewalt geworden waren, genauso häufig unter Depressionen, Angstzuständen, Suizidgedanken, geringem Selbstbewusstsein und posttraumatischen Stresssymptomen litten wie gleichaltrige Kinder, die körperliche Misshandlung erlebt hatten.

Schreie prägen das kindliche Gehirn

Kinder sind besonders anfällig für jede Form von Gewalt, denn ihr Gehirn befindet sich mitten in der Entwicklung. Was sie in der Kindheit erleben, prägt ihre Gehirnstruktur. Das haben Forscher der Harvard University herausgefunden.

“Die Veränderungen sind nicht nur auf physische und sexuelle Gewalt beschränkt; es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass auch verbale Angriffe die Art verändern, wie das Gehirn sich vernetzt”, sagt Martin Teicher, der die Studie leitete.

Es ist nie die Schuld der Kinder

Schreie sind eine Form von Gewalt. Das lässt sich nicht länger leugnen. Sie sollten daher um jeden Preis verhindert werden. Aber was, wenn das Kind einfach nicht hören will?

“Wenn Eltern frustriert über die Beziehung zu ihren Kindern sind, ist das jedoch niemals die Schuld der Kinder. Vielmehr stehen Sie in der Verantwortung, Ihren eigenen Beitrag zur Gesamtsituation zu ändern. Wenn wir dem Kind die Schuld geben, kränken wir seine persönliche Integrität und reduzieren seine Lebenstauglichkeit”, schreibt Familientherapeut Jesper Juul in seinem Buch “4 Werte, die Kinder ein Leben lang tragen”.

Die entscheidende Phase in der Kindheit

Kinder, die in bestimmten Lebensphasen besonders trotzig sind, tun dies nicht aus bösem Willen oder um die Eltern zu ärgern. Es handelt sich vielmehr um eine natürliche Entwicklung, die nötig ist, um sich als Individuum zu entwickeln.

“In diesem Alter brauchen Kinder Eltern, die sie wertschätzen und anleiten. Diese Phase ist entscheidend für das Kind, um neue Fertigkeiten, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu entwickeln. Sie ist auch wichtig für die Herausbildung des Charakters und die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Betrachten Sie die wachsende Unabhängigkeit Ihres Kindes als Geschenk - nicht als Problem”, schreibt Juul in einer Kolumne für den “Standard”.

Trotzdem sind auch Eltern nur Menschen. Und egal wie sehr man sein Kind liebt - jedem kann mal etwas herausrutschen, das so nicht gemeint war. Und das ist in Ordnung:

"Kinder brauchen echte und emotionale Menschen um sich", sagt Juul. Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie überreagiert haben, und übernehmen Sie die Verantwortung dafür. Und dann vergeben Sie sich selber."

Mit dem Schreien aufhören

Anders ist es in Familien, in denen das Anschreien schon zum festen Bestandteil des Alltags geworden ist. Eltern haben dann oft das Gefühl, dass nichts anderes bei ihren Kindern hilft.

So ging es auch der vierfachen Mutter Sheila McCraith. Das Schreien war zur Gewohnheit geworden, bis sie sich vornahm, es 365 Tage lang nicht mehr zu tun.

"Hör auf zu schreien und du wirst wundervolle Momente mit deinen Kindern erleben", sagt McCraith heute. In einem HuffPost-Blog schreibt sie über die zehn Dinge, die sich in ihrem Leben verbessert haben, seitdem sie ihre vier Jungs nicht mehr anschreit.

Denn in einer Familie ohne Schreie gewinnen alle: Eltern, die nicht schreien quälen sich auch nicht mit Selbstvorwürfen - und erziehen glückliche, selbstbewusste Kinder.

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Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V.“ möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen.”Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

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(lk)