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Geisel Gorbatschow: Was hinter seiner Nato-Kritik steckt – und warum sie abwegig ist

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GORBATSCHOW
Was hinter Gorbatschows Nato-Kritik steckt – und warum sie abwegig ist | ASSOCIATED PRESS
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Mit heftiger Kritik am Westen hat der 85-jährige Michail Gorbatschow dieser Tage Deutschland aufhorchen lassen - wieder einmal.

Die Nato gehe von einem kalten Krieg zu einem heißen Krieg über, warnte der Vater der Perestroika angesichts des Gipfels der Allianz in Warschau – ganz so, als habe nicht Wladimir Putin mit seiner Annexion der Krim und dem hybriden Angriff auf die Ostukraine den "heißen Krieg“ nach Europa zurückgebracht.

"Sie sprechen nur über Verteidigung, aber im Grunde treffen sie Vorbereitungen für Angriffshandlungen", so der Ex-Präsident: Russland werde dadurch zu harten und gefährlichen Reaktionen provoziert.

Gorbatschows Aussagen sind extrem irreführend

Die Nato beim Vorbereiten eines Angriffskriegs? Ein einfacher Faktencheck zeigt, wie irreführend die Aussagen Gorbatschows sind.

Es ist Putin, der in einem fort Kriegsrhetorik betreibt, aufrüstet und Truppen an der Grenze zusammenzieht, wie gerade auch der ehemalige Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, Klaus Naumann, im Deutschlandfunk ausführte: eine "Kette von militärischen Maßnahmen, Übungen in Größenordnungen zwischen 65- und 115.000 Mann, die durchgeführt werden, die Ankündigung des russischen Verteidigungsministers Schoigu im Januar diesen Jahres, man überlege sich, bis zu drei Divisionen in westlichen Militärbezirken neu zu aktivieren".

Zur Veranschaulichung: Eine Division ist ein Großverband mit 10.000 bis 30.000 Mann, drei russische Divisionen wären also 30.000 bis 90.000 Mann. Bei der Nato ist die Rede von 4000 Mann, die nach Osten verlegt werden wollen.

Von April 2013 bis November 2015 zogen rund 70.000 Nato-Soldaten in Manöver, bei den Russen waren es 812.000, also mehr als das Elffache.

Gorbatschows ignoriert simple Fakten

Ein Beispiel aus dem Jahr 2013, vor der Annexion der Krim: "Die Russen üben die Invasion Skandinaviens und des Baltikums als maritime Anti-Terror-Jagd." ("Frankfurter Rundschau").

Statt der angekündigten 22.500 Militärs nahmen 70.000 teil, schwer bewaffnet. Russland hat seine Rüstungsausgaben seit 2000 verdreifacht - im Gegensatz zum Westen. Russland hat Kurzstreckenrakten, die auch Atomwaffen tragen können, in der Enklave Kaliningrad quasi mitten in der EU aufgestellt - und das via Sputnik laut vermeldet.

All das ignoriert Gorbatschow, der auch Putins Annexion der Krim verteidigt. Seine Vorwürfe sind so stichhaltig, wie wenn man jemandem Aggression und Provokation vorwirft, der nach Einbrüchen durch einen stadtbekannten Gewalttäter bei seinen Nachbarn und Drohungen gegen ihn ein neues Sicherheitsschloss an seiner Wohnungstür anbringt.

Um zu verstehen, was hinter der Nato-Kritik des greisen Staatsmannes steckt, muss man seine Position im heutigen Russland betrachten.

Gorbatschows ist zu klug, um zu glauben, was er der Nato vorwirft

Weil unter ihm die Sowjetunion zerfallen ist und er sich der deutschen Wiedervereinigung nicht widersetzt hat, gilt Michail Gorbatschow heute im eigenen Land vielen als Verräter: Gerade auch weil Putins gesteuerte Medien und die von ihm betriebene, stramm imperiale Geschichtsschreibung dieses Bild vermitteln.

Michail Gorbatschow hadert mit dieser negativen Rolle im eigenen Land, wo er bis heute einer der verhasstesten Politiker ist. Und er fürchtet um das Schicksal seiner Stiftung und ihrer vielen Mitarbeiter in Moskau.

Deshalb biedert er sich Putin in einer Weise an, die ihm eigentlich unwürdig ist. Er ist zu klug, um das zu glauben, was er der Nato vorwirft.

Der frühere Sowjetpräsident ist eine Geisel

Doch während man sonst Milde von alten Männern erwartet, sollte man in diesem Falle Milde einem alten Mann gegenüber zeigen.

Gorbatschow befindet sich in Putins postmoderner Diktatur in einer gefährdeten Lage, muss buchstäblich um sein Erbe fürchten – im Gegensatz zu vielen deutschen Prominenten, die Putin ohne Not nach dem Mund reden.

Gorbatschow ist eine Geisel. Sie dagegen bauchpinseln freiwillig - und zum Teil gegen Bezahlung.

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(lk)