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15 Dinge, die Kinder vom Land besser können

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CHILDREN PLAY FOREST
Girl playing on tree | T-Pool / STOCK4B via Getty Images
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Städter meinen immer wieder, sie hätten das Rad neu erfunden. Hippe Start-ups schießen aus dem Boden und versuchen, ihre Innovationen an andere Stadtbewohner zu verkaufen. Diese Erfindungen sind natürlich sozial und ökologisch, und sollen gleichzeitig das individuelle Leben viel besser machen.

Aber seien wir ehrlich: Wir Landkinder kennen diese angeblichen Innovationen schon lange. Denn wenn man auf dem Land aufwächst, dann lernt man die wichtigsten Lebenslektionen, die jetzt als neue Philosophien verkauft werden, schon von klein auf – ganz ohne Apps.

1. Sharing-Economy? Kennen wir und unsere Nachbarn schon lange (und die verlangen kein Geld)

Berliner, Münchner und Hamburger entdecken gerade die Vorzüge von Sharing-Plattformen: Man kann sich dort verschiedene Sachen gegenseitig ausleihen, anstatt sie kaufen zu müssen. Ach nee. Das kennen wir Landkinder schon lange: Für uns ist es normal, z. B. Gartengeräte zu teilen oder Lebensmittel wie Mehl gegenseitig auszuleihen.

Der Clou: Geld für ihre Großzügigkeit verlangen unsere Nachbarn im Gegensatz zu den gewinnorientierten Anbietern von Sharing-Plattformen nicht.

2. Urban Gardening ist kein Trend, sondern ein Überlebenskampf

Wir Landkinder wissen auch: Romantisch ist das Landleben nicht. Landwirtschaft ist keine heile Welt, sondern harte Arbeit. Auch wenn viele Landbewohner keine Bauern sind – die meisten haben ein kleines Gemüsebeet und kämpfen Jahr für Jahr gegen Schädlinge und schlechte Witterungsbedingungen.

3. Slow-Food ist nichts Neues - wir haben uns vier Wochen lang durch 38 Zucchinirezepte gequält

Den Ertrag unseres Gemüsebeets durften wir als Kind dann in Form verschiedenster Rezepte genießen. Slow-Food? Kannten wir schon bevor eine englische Bezeichnung hermusste, um saisonale Küche den Hipstern schmackhaft zu machen. Wir haben uns wochenlang von jeweils Spargel, Erdbeeren, Rhabarber, Zucchini, Tomaten, Äpfeln und Kürbis ernährt.

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4. Vergiss BlaBlaCar – es gibt schließlich deine Nachbarn und Schulfreunde

Für die meisten Dorfbewohner ist das Auto die einzige Möglichkeit, um in die nächste Stadt zu kommen. Gefühlt bildet man auf dem Land schon seit der industriellen Herstellung von PKWs Fahrgemeinschaften: Kollegen fahren zusammen zur Arbeit – und die jungen Leute zusammen in den nächsten Club oder aufs nächste Dorffest. Auch hier gilt: Der Service ist natürlich bis auf eine Cola für den Fahrer umsonst.

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5. Upcycling? Wir reparieren es schon immer lieber, statt es wegzuwerfen

Landleute sind Allrounder – wenn der nächste Spezialist viele Kilometer entfernt ist, dann repariert man sein Zeug lieber selber. Auf die Idee, etwas Kaputtes wegzuwerfen, kommt man nicht. Die Meiers aus der Parallelstraße haben die kaputte Waschmaschine doch auch wieder zum Laufen gebracht – also kann man da ja einfach mal nachfragen.

Und wenn es dann endgültig kaputt geht, dann kann man es doch auch als etwas Anderes wiederverwenden. Da landet die alte Wassertonne am Spielplatz und wird zur Röhre.

6. Networking? Klar, das ist unsere Spezl-Wirtschaft

Networking, um beruflich weiterzukommen? Ja klar doch. Hand aufs Herz: Alle Landkinder haben schon mal mithilfe des Kumpels eures Vaters vom Obst- und Gartenbauverein (oder ähnliches) einen tollen Praktikumsplatz bekommen. Und
die Netzwerke, über die eure Dorfgemeinschaft verfügt, sind auch nicht lokal begrenzt: Mit etwas Glück kommst du so an eine neue Stelle in Berlin oder eine Wohnung in Paris.

7. Auch ohne Networking: Wir haben Selbstständigkeit gelernt

Dorfgemeinschaft hin oder her - wir Landkinder werden früher selbstständig: Unsere Eltern schickten uns schon von klein auf „raus an die frische Luft“ - dort spielten wir dann mit den anderen Nachbarskindern und erkundeten mit ihnen die Umgebung. Unsere Angelegenheiten regelten wir Kinder dann selber - ohne dass sich Erwachsene einmischten.

"Tendenziell ziehen Kinder auf dem Land schon früher alleine los und werden deshalb schneller selbstständig", bestätigt Dr. Christian Alt, Familienforscher am Deutschen Jugendinstitut in München, gegenüber "Familie und Baby“.

8. Helikopter-Eltern wohnen in Großstädten – unsere Eltern waren entspannter

Helikopter-Eltern, die ihre Kinder von der Klavierstunde zum Chinesischunterricht kutschieren und keine Sekunde aus dem Auge lassen, da hinter jeder Ecke Gefahren drohen könnten? Die findet man am Land schwer.

Unsere Eltern mussten uns nicht beschäftigen. Sie haben uns einfach in den Garten geschickt.

9. Wir nehmen unsere Beziehungen zu anderen Menschen ernst (weil wir müssen)

Wer in einer kleinen Gemeinschaft mit engen sozialen Kontakten und Verflechtungen aufwächst, weiß, wie wertvoll langfristige Beziehungen sind und geht nicht leichtfertig damit um. Laut Statistik sind z. B. Scheidungsraten sind auf dem Land niedriger als in der Großstadt – ein anderer Grund für die niedrigeren Zahlen könnte aber auch der höhere soziale Druck sein.

10. Aber wir wissen auch, was sozialer Druck ist, und wie man damit umgeht

Denn das ist der Nachteil am Landleben: Durch die engen sozialen Kontakte und Netzwerke entsteht auch ein Druck, sich der Gemeinschaft anzupassen. Die Nachbarn könnten ja reden, wenn ein Ehepaar sich plötzlich trennt. Aber alle, die ihre Teenagerzeit auf dem Land verbracht haben, wissen, dass man sozialem Druck auch standhalten oder dagegen rebellieren kann. Und haben sich einen Panzer zugelegt, wenn es darum geht, nichts auf das Geschwätz der Anderen zu geben.

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11. Zivilcourage: Wir Landkinder sind hilfsbereiter als Großstädter

Wer in einer ländlichen Gegend aufwächst, entwickelt ein ausgeprägteres Gemeinschaftsgefühl und ist auch bereit, der Gesellschaft etwas zurückgeben. US-Wissenschaftler haben laut "Spiegel" herausgefunden, dass die Hilfsbereitschaft bei Menschen auf dem Land größer ist als in der Großstadt.

Klar doch. Unsere Eltern haben uns bei der freiwilligen Feuerwehr angemeldet oder zum Roten Kreuz geschickt, wenn wir zu stark pubertiert haben.

12. Nein, liebe Städter - ihr habt das mit der Mülltrennung immer noch nicht raus

Dieses Gemeinschaftsgefühl überträgt sich auch auf das Umweltbewusstsein: Gewissenhaft trennten wir den Müll, kompostierten und besuchten in regelmäßigen Abständen den Wertstoffhof – eine Einrichtung, von deren Existenz wahrscheinlich nur wenige Städter erfahren haben.

13. Ja! Wir haben immer wieder mal Sachen gegessen, die schon abgelaufen waren

Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt sorgte für einen Riesenaufreger, weil er eine Reform des Mindesthaltbarkeitsdatum forderte. Unsere Eltern haben uns schon vor Jahrzehnten den abgelaufenen Joghurt zum Nachtisch hingestellt. Weil sie wussten, was das Wort Mindesthaltbarkeitsdatum bedeutet: Dass das Produkt nicht unbedingt schlecht sein muss, wenn das aufgedruckte Datum überschritten ist.

Und damit es gar nicht erst so weit kommt, gibt es das "Restlfestl", wo wir alles verwerten, was der Kühlschrank und der Garten hergeben.

14. Mediation ist kein Problem: Wir Landkinder wissen, wie man Konflikte löst

Wir Landkinder sind geborene Mediatoren – wir haben von klein auf gelernt, wie man Konflikte löst – und haben uns mit den anderen Dorfkindern ohne Einschreiten unserer Eltern gestritten und wieder geeinigt. Außerdem kann man schlecht die Schule wechseln, wenn es mal nicht so gut mit den Mitschülern läuft – es gibt ja nur eine. Einfach wegziehen geht auch nicht, denn die meisten Landbewohner besitzen die Wohnungen oder Häuser, in denen sie leben.

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15. Und ja, verdammt nochmal: Wir sind auch nicht so hochnäsig wie Stadtkinder

Integration ist eines der größten Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft steht – denn Arm und Reich driften immer weiter auseinander. Aber auf dem Land zeigt sich ein anderes Bild: Im Rahmen der PISA-Studie untersuchten Forscher die „Problemlöse-Kompetenz“ von Schulkindern.

Sie fanden heraus, dass die kognitiven Unterschiede zwischen den Schichten auf dem Land geringer waren als in der Stadt. In der Dorfgemeinschaft leben alle Schichten nebeneinander und schotten sich nicht ab wie in den Großstädten. Das führt dann auch dazu, dass wir Landkinder nicht mit Statussymbolen wie Markenklamotten protzen müssen - wir wissen, wer wir sind und wo wir herkommen. Und wir wissen, dass wir nicht besser sind als die anderen.

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Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V.“ möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen.”Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

(vr)