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Flüchtlingskrise: Die Geschichte einer glücklichen Rettung auf dem Mittelmeer

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Ägäisches Meer, Griechenland – das Rettungsboot bricht noch vor dem Morgengrauen auf. Es schneidet sich seinen Weg durch das weite, glasige Wasser, das Griechenland von der Türkei trennt, und sucht nach Reisenden in Seenot.

Für Schleuser sind diese dunklen Morgenstunden die beste Zeit, um von der türkischen Küste aufzubrechen – mit Booten voller Menschen, die sich nach einem besseren Leben in Europa sehnen.

Im Juni ging die Huffington Post auf einem kleinen portugiesischen Polizeiboot an Bord. Das Ziel: zu sehen, wie Flüchtlinge auf dem Meer aufgespürt und in Sicherheit gebracht werden.

Das Polizeiteam der Portugiesen arbeitet unter der Führung der europäischen Gemeinschaftsagentur Frontex. Nachdem im vergangenen Jahr immer wieder tote Flüchtlinge an den Küsten Griechenlands angespült wurden, hatte die Grenzschutzagentur seine Rettungsbemühungen erhöht.

Die Frontex-Einsätze sind umstritten. Kritiker werfen den Grenzschützern vor, sie arbeiteten nicht effektiv genug. Und sie würden mehr für die Abschreckung tun, als Leben zu retten. Aber wie viel ist wirklich dran an diesen Vorwürfen?

Im letzten Monat hat die dreiköpfige Crew des Polizeibootes 26 Erwachsene und Kinder gerettet und sicher auf die griechische Insel Lesbos gebracht.

5.20 Uhr: Das Rettungsboot verlässt den Hafen

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Molyvos zur Dämmerung. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Die Crew startet ihren Einsatz von einem Hafen in Molyvos aus, das an der nördlichen Spitze von Lesbos liegt. Von dort macht sich die Crew zu den Hotspot-Gebieten auf, wo Flüchtlingsboote typischerweise gesehen werden.

Das Boot, auf dem wir unterwegs sind, ist ein überraschend kleines Boot im Vergleich zu anderen Rettungsschiffen im Mittelmeer, die zum Teil mehrere hundert Personen wochenlang transportieren können.

Es hat vorne und hinten kleine Decks und einen überdachten Bereich, in dem der Captain mit einem Radar nach Booten sucht. Unter Deck gibt es ein kleines Abteil mit Decken, Militärausrüstung und kugelsicheren Westen. Die Polizisten tragen sie, wenn sie Passagiere von Flüchtlingsbooten retten.

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Ein portugiesisches Polizeiboot. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Lesbos war einmal eine ruhige Insel, die Vogelbeobachter und Touristen aus Westeuropa anzog. Als im letzten Jahr jeden Tag tausende Flüchtlinge auf Lesbos ankamen, wurde die Insel plötzlich als Epizentrum der Flüchtlingskrise bekannt.

Nachdem die EU im März einen Deal mit der Türkei abgeschlossen hatte, um die wachsende Anzahl von Migranten und Flüchtlingen in den Griff zu bekommen, ist die Zahl der Neuankömmlinge zunächst gesunken. Dennoch nehmen Flüchtlinge noch immer die lebensgefährliche Reise nach Lesbos auf sich.

Flüchtlinge zu retten kann durchaus eine traumatische Erfahrung sein, erklärt der Polizist Ricardo Pereira. Seit dem Beginn ihrer Arbeit in Griechenland vor rund drei Monaten hat die Crew drei Personen wiederbelebt und fünf Schleuser festgenommen, von denen sich manche auf den Booten unter den Flüchtlingen versteckten.

"Aber wir sind stark“, fügt David Melo, ein weiteres Crew-Mitglied, hinzu. Die Gedanken an die Familie helfe dabei, dass sie sich nicht unterkriegen lassen.

6.20 Uhr: Die Crew entdeckt ein Boot

capt carlos rodrigues pages the hellenic coast guCaptain Carlos Rodrigues funkt der griechischen Küstenwache. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Plötzlich taucht ein kleiner schwarzer Punkt auf dem Radarschirm auf. Rodrigues drückt aufs Gas und steuert das Boot in Richtung eines Flecks am Horizont. Pereira schnappt sich ein Fernglas, um einen besseren Blick auf das Boot zu bekommen und nickt dann den anderen zu.

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Ricardo Pereira hält mit seinem Fernglas Ausschau. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

"Wir haben eins“, bestätigt Rodrigues. Über Funk gibt er der griechischen Küstenwache Bescheid. Rodrigues kommt allerdings zunächst nicht weiter an das Flüchtlingsboot heran. Das schwarze Schlauchboot fährt noch in türkischem Gewässer, in das die Helfer nicht vordringen dürfen, weil die Türkei kein Mitglied der EU ist.

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Das Schlauchboot ist mittlerweile gut sichtbar. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Rodrigues ruft die türkische Küstenwache an, die die Verantwortung dafür hat, ein Schiff zu retten, wenn die Passagiere in türkischen Gewässern in Gefahr sind. "Ich habe schon mindestens zehn mal angerufen“, sagt Rodrigues. Aber keiner hebt ab.

Pereira und Melo gehen in den Lagerraum und ziehen sich kugelsichere Westen über. "Nur für den Fall“, sagt Pereira.

6.45 Uhr: Das Schlauchboot nähert sich dem Rettungsboot

Dann gehen sie an Deck, um das sich nähernde Schlauchboot zu fassen zu bekommen. Das Boot treibt jetzt langsam in griechisches Gewässer. Ein schwedisches Rettungsboot nähert sich, umkreist das Gebiet und bietet Unterstützung an.

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Das Boot nähert sich dem Rettungsschiff. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Alle drei Crew-Mitglieder rufen immer wieder "haltet das Boot an“, bis endlich der Motor ausgeht. Rodrigues bringt sein Schiff auf eine Linie mit dem Schlauchboot und wirft Bojen zu den Passagieren herunter. Die Menschen zittern und reden nur, wenn man sie anspricht.

"Wo kommt ihr her?“ fragt die Crew auf Englisch.

Nigeria, Kongo und Syrien, antwortet ein Mann, der wohl die Sprecherrolle für die Gruppe übernommen hat.

"Wie viel habt ihr bezahlt, um auf dieses Boot zu kommen?“

"Tausend Dollar“, antwortet der Mann.

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Rodrigues, Pereira und Melo bitten die Passagiere auf dem Schlauchboot, erst einmal ruhig sitzen zu bleiben. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Die Crew fragt ihn, ob es medizinische Notfälle gibt, die eine sofortige Behandlung brauchen. Der Mann verneint.

Mittlerweile meldet sich auch die türkische Küstenwache. Sie erklärt, dass sie ihr Funkgerät nicht gehört hatte und sie die Rettung deshalb nicht rechtzeitig in ihren eigenen Gewässern durchführen konnte.

Rodrigues sagt, dass die Türkei schnelle Schiffe nutze, sodass sie das Schlauchboot eigentlich rascher hätten erreichen sollen.

7 Uhr: Die Flüchtlinge kommen auf das Rettungsboot

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Frauen aus Nigeria und dem Kongo warten darauf, an Land gebracht zu werden. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

26 Menschen sind auf dem Boot, darunter drei Kinder. Jedes der Crew-Mitglieder hilft einem Kind auf das Rettungsschiff und bringt es in den Innenbereich. Danach helfen sie den Frauen und zum Schluss den Männern.

Eine Frau, die sich selbst Marie nennt, sagt auf französisch, dass ihre Familie ihr half, aus dem Kongo zu entkommen. Mit anderen habe sie eine Woche lang in einem türkischen Wald gelebt, bevor sie an diesem Morgen auf das Schlauchboot gestiegen sei, erzählt sie. Sie habe weder Familie noch Freunde in Europa und wisse nicht, wo sie hingehen solle.

Eine andere Frau, die mit drei Kindern reist, fühlt sich sichtlich unwohl. Mit zwei ihrer Kinder sitzt sie im Innenraum direkt neben Rodrigues. "Bist du der Vater?“, fragte Rodrigues einen Mann, der angeboten hat, eines der Kinder auf den Schoß zu nehmen. Der Mann schüttelt den Kopf.

Die Frau, die bislang nur leise weint, erklärt schließlich, dass der Vater ihrer Kinder bei einer Explosion in Syrien ums Leben gekommen ist.

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Die Mutter und ihre Tochter sind sichtlich erschöpft. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Rodrigues funkt erneut die griechische Küstenwache an, um ihr zu sagen, dass sie nun Kurs auf die Küste nehmen. Pereira und Melo binden das Schlauchboot, das noch voller Rucksäcke und Taschen ist, hinten an das Rettungsschiff.

"Wir fahren jetzt nach Griechenland“, sagt Rodrigues zu seinen neuen Passagieren. Einige Männer reißen aus Dank ihre Hände in die Luft, andere nicken nur. Die Mutter der drei Kinder lächelt.

Die Zahl der Länder, aus denen die Geretteten kommen, nimmt immer mehr zu, berichtet Rodrigues. Erst kürzlich seien sogar Personen aus der Dominikanischen Republik und aus Nepal dabei gewesen. "Das ist jetzt die Tür Europas“, sagt er.

Diese Türen aber werden derzeit geschlossen. Der Deal zwischen EU und Türkei hat es Mitgliedsstaaten ermöglicht, ihre Grenzen dicht zu machen und Griechenland mit den Menschen allein zu lassen, die den Weg von der Türkei überleben und nicht wissen, wo sie hin sollen.

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen hat im Juni Zahlen veröffentlicht, nach denen zurzeit 44.148 Flüchtlinge und Migranten auf dem griechischen Festland festsitzen und weitere 8.430 auf den griechischen Inseln.

8.20 Uhr: Das Rettungsboot kehrt zur Küste zurück

Die Passagiere, von denen viele Winterjacken tragen, neigen ihren Kopf nach unten, um nicht vom Licht der aufgehenden Sonne geblendet zu werden. Plötzlich erscheint die Küste von Lesbos am Horizont. Ein kleiner Junge kann sich nicht zurückhalten und drückt sein Gesicht ans Fenster, um einen ersten Blick auf Griechenland zu ergattern.

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Ein Junge wirft einen ersten Blick auf Europa. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Erst vor ein paar Monaten waren die Strände von Lesbos übersät mit hunderttausenden orangenfarbenne Rettungswesten. Es scheint, als hätte die Flüchtlingskrise ihr Zeichen in die Landschaft der Insel gedrückt.

Die Behörden haben die Überreste der gefährlichen Reise nun allerdings entfernt und die Rettungswesten und gekenterten Boote auf Mülldeponien gebracht. Hier lagern sie jetzt in Stapeln von mindestens drei Metern Höhe.

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Die Rettungswesten werden auf Stapeln gelagert. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Im idyllischen Hafen von Skala, östlich von Molyvos, begrüßen Freiwillige der NGO Lighthouse Relief die Neuankömmlinge auf dem Rettungsschiff. Als das Schiff andockt, verteilen die Helfer schon fast mechanisch Wasserflaschen, Kekse und Decken, welche die Passagiere trotz der Hitze von über 30 Grad über ihre Jacken legten.

Jetzt endlich wird ihnen grünes Licht gegeben, europäischen Boden zu betreten. Sie klettern aus dem Schiff und wenden sich so schnell den Helfern zu, als sorgten sie sich darum, dass sie im nächsten Moment schon nicht mehr willkommen seien.

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Ein syrischer Flüchtling bedankt sich bei Melo. Bild: Willa Frej/The Huffington Post

Freiwillige von Lighthouse Relief bringen die Menschen in einen schattigen Bereich, wo diese Plastik-Container nach Schuhen und Kleidung durchstöbern.

Rodrigues, Pereira und Melo steigen ins Schlauchboot, um die Rucksäcke und Taschen ihren Eigentümern zurückzugeben.
Dann kommt ein Bus, der die Neuankömmlinge entweder nach Moria oder nach Kara Tepe bringen wird. Beides sind Flüchtlingscamps auf Lesbos.

In der Zwischenzeit lassen die drei Polizisten die Luft aus dem Schlauchboot und warfen es auf den steinigen Strand von Skala.

Dieser Text erschien ursprünglich in der Woldpost und wurde von Jan Borner aus dem Englischen übersetzt.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen nehmen kein Ende. Auch, weil es viel zu wenig Rettungskräfte auf dem Mittelmeer gibt. Hier versucht die Mannschaft des Schiffes Sea Watch 2. zu helfen. Spenden benötigt die Crew für Nahrung, Schwimmwesten und Medikamente.

Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

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(ben/lk)