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Birte Jensen über ihr Buch "Das Leben ist nicht extra small", Castingshows und Essstörungen

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Über Essstörungen wird viel berichtet. Aber was bedeutet Magersucht für die Betroffenen und deren Umfeld wirklich? Die Studentin Birte Jensen hat jetzt in "Das Leben ist nicht extra small: Wie ich gelernt habe, mein Leben nicht von der Magersucht bestimmen zu lassen" (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 208 Seiten, 9,99 Euro) ihre Geschichte erzählt: Mit 16 Jahren erkrankt die Autorin an Magersucht - eigentlich wollte sie mit einer Diät nur ein paar Kilo abnehmen. Schon bald aber bestimmt die Sorge, zu viele Kalorien zu sich zu nehmen, ihren Alltag. Bis sie so dünn ist, dass sie kaum noch am Leben teilnehmen kann. Das Buch ist aber auch die Geschichte davon, wie Birte Jensen die krankmachende Stimme in ihrem Kopf letztendlich besiegt hat. Im Interview mit spot on news spricht die Autorin darüber, wie es ihr heute geht und was sie von Model-Castingshows hält.


In Ihrem Buch "Das Leben ist nicht extra small" schildern Sie, wie Sie an Magersucht erkrankten und sich wieder zurück ins Leben kämpften. Wie geht es Ihnen heute und was bedeutet Essen für Sie?

"Das Leben ist nicht extra small: Wie ich gelernt habe, mein Leben nicht von der Magersucht bestimmen zu lassen" finden Sie hier

Birte Jensen: Das Thema Magersucht spielt für mich mittlerweile keine Rolle mehr. Ich habe gelernt, mich nicht nur darüber zu definieren, wie ich aussehe, wie viel ich wiege oder wie dünn ich bin. Essen ist für mich wieder etwas ganz Normales geworden. Natürlich achte ich darauf, mich gesund zu ernähren und ein gesundes Maß an Sport zu treiben. Das tue ich aber für mich und meine Gesundheit und dazu gehört für mich, sich nichts zu verbieten und auch mal Ungesundes zu essen, wenn mir danach ist.

In Ihrem Erfahrungsbericht kommen auch u.a. Freundinnen und Ihre Mutter zu Wort. Bei Ihnen fing alles mit einer Diät an, wie sie viele junge Frauen machen. Bei welchen Anzeichen sollten Angehörige und Freunde hellhörig werden?

Jensen: Ich finde es schwierig, besondere Anzeichen dafür zu nennen, denn die Magersucht äußert sich nicht bei jedem gleich. Hellhörig sollte man auf jeden Fall werden, wenn jemand aus dem Umfeld plötzlich sehr schnell sehr viel Gewicht verliert und scheinbar keinen Grund sieht, damit aufzuhören oder es langsamer anzugehen. Besonders dann, wenn die Person mit sich selbst extrem unzufrieden ist und sich Ziele setzt, die ungesund oder nicht zu schaffen sind, sollte man weiter beobachten und sie im richtigen Moment ansprechen.

Ihr Buch soll Betroffenen Mut machen. Obwohl viel darüber bekannt ist und berichtet wird - wird die Krankheit gerade von jungen Menschen nicht ernst genug genommen.

Jensen: Ich denke schon, dass Magersucht an sich ernst genommen wird. Ich glaube aber, dass nur wenige einschätzen können, was das wirklich bedeutet. So etwas kann sich sehr schnell verselbstständigen. Man kann so schnell die Kontrolle verlieren, dass man es erst merkt, wenn es zu spät ist.

Das Schönheitsideal für Frauen in TV, Kino und natürlich auf den Laufstegen ist, extrem schlank zu sein. Befördern beispielsweise Model-Castingshows Ihrer Meinung nach Essstörungen?

Jensen: Meiner Meinung nach: Ja. Oft werden Bilder des "perfekten" Körpers gezeigt und diejenigen aussortiert, die angeblich "zu dick" sind. Dadurch wird ein Ideal erzeugt, dass entweder gar nicht zu erreichen oder nicht erstrebenswert ist. Trotzdem glaube ich, dass sich genau das immer mehr ins Bewusstsein drängt: Es gibt durchaus Teilnehmer, die nicht gewinnen, weil sie zu dünn sind. Es gilt nicht mehr: "Umso dünner, desto schöner oder erfolgreicher". Deshalb finde ich gerade die momentane Gegenbewegung mit sogenannten "Plus-Size-Models" sehr hilfreich und ansprechend. Auch wenn der Name "Plus Size" selbst ebenfalls noch eine Bewertung ist.

Sie schreiben, dass hinter einer Magersucht oft mehr steckt als der Wunsch, dünn zu sein. Was raten Sie jungen Frauen, die sich in Ihrem Körper unwohl fühlen?

Jensen: Ich finde es wichtig, das zu akzeptieren, was man hat. Und ich bin sicher, dass man viel wertschätzender mit sich selbst umgehen kann, wenn man es geschafft hat, diese Akzeptanz zu entwickeln. Auch wenn ich nicht den flachen Bauch habe, den ich gerne hätte, habe ich mit Sicherheit etwas anderes Ansprechendes an mir. Erst durch das Fokussieren auf das, was einen stört, wird man unzufrieden. Zufrieden sein mit dem, was man hat anstelle von unzufrieden sein mit dem, was einem vielleicht fehlt - das ist meiner Meinung nach das, was Zufriedenheit und Selbstvertrauen ausmacht.