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Erdogans Nahost-Plan: Wie die Türkei mit neuen Allianzen eine ganze Region verändert

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ERDOGAN SAUDI ARABIA
Erdogans Nahost-Plan: Wie die Türkei mit neuen Allianzen eine ganze Region verändert | Anadolu Agency via Getty Images
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  • Während das Verhältnis zwischen EU und Türkei weiter abkühlt, schmiedet Erdogan an Allianzen im Nahen Osten
  • Der Strategiewechsel könnte die Region maßgeblich prägen
  • Vier Staaten stehen im Zentrum es ausgeklügelten Plans

"Frühestens im Jahr 3000“: Das hatte gesessen. Der scheidende britische Premierminister David Cameron hatte im Zuge seines – wenig erfolgreichen – Kampfes gegen den Brexit erklärt, die Türkei sei meilenweit davon entfernt, ein Teil der Europäischen Union zu werden.

Eine Meinung, die in Europa viele teilen. Vielleicht auch deshalb scheint die europäische Integration auf der Agenda Ankaras in den Hintergrund zu rücken. Stattdessen schmiedet Erdogan wieder verstärkt an Allianzen im Nahen Osten. Sie könnten die Region in den kommenden Jahren grundlegend verändern.

Vier Staaten bilden dabei die Eckpfeiler der neuen Strategie Erdogans.

1. Israel

Es war eine entscheidende Zäsur. Sechs Jahre hatten die diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Israel auf Eis gelegen. Am Sonntag dann legte zum ersten Mal überhaupt ein türkisches Frachtschiff im israelischen Hafen von Ashdod an, um Nahrungsmittel und andere Hilfsleistungen in den Gazastreifen zu bringen.

Die türkischen Hilfen für Palästina sind Teil eines Versöhnungsabkommens, das Erdogan und Netanyahu am vergangenen Dienstag unterzeichnet hatten. Mit diesem setzten sie einen Schlussstrich unter eine bilaterale Krise, die lange schier unlösbar geschienen hatte.

Seit israelische Spezialkräfte 2010 das türkische Schiff Mavi Marmara versenkt hatten, das die israelische Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen versuchte, herrschte Funkstille zwischen den beiden Regionalmächten.

Jetzt wollen die beiden Länder wieder an einem Strang ziehen. Eher aus strategischer Notwendigkeit als aus echter Freundschaft. Besonders für die Türkei ist das neue Abkommen dabei von großer taktischer Bedeutung – ebnet es den Weg aus der regionalen Isolation.

Die Türkei erhält die Erlaubnis humanitäre Hilfe im Gaza-Streifen zu leisten und so ihren Einfluss in Palästina auszubauen. Zudem verpflichtet sich Israel zu Entschädigungszahlungen für den Mavi-Marmara-Zwischenfall von vor sechs Jahren.

Noch entscheidender: Mit Israel versöhnt sich Erdogan mit der stärksten Militärmacht in der Region, beide Länder sehen vor allem im Iran einen gemeinsamen Feind. Zudem muss Erdogan, spätestens nach dem Anschlag vom Atatürk Flughafen in Istanbul, seine Bemühungen gegen die Terror-Miliz IS intensivieren, mit Israel gewinnt er hier einen strategischen Partner.

Auch wirtschaftlich könnte Ankara profitieren. Zum einen durch israelische Touristen: Bis zu 1 Millionen jährlich sollen langfristig in die Türkei kommen. Zum anderen durch die israelischen Erdgasreserven: Durch sie will Erdogan vom russischen Lieferanten Gazprom unabhängig werden.

Es ist symptomatisch: Die Türkei sucht nach neuen regionalen Lösungen für alte geostrategische Probleme.

2. Saudi Arabien und 3. Katar

"Eine neue Allianz der Stabilität“: So titelte die türkische Zeitung "Daily Sabah“ kürzlich. Gemeint war das Bündnis zwischen der Türkei, Israel, Saudi-Arabien und Katar.

Die türkischen Beziehungen zu Saudi-Arabien hatten nach dem Militärcoup des ägyptischen Präidenten Abdel Fattah As-Sisi 2013 deutlich gelitten. Seit Februar besteht wieder ein "Strategischer Kooperationsrat“ zwischen den Mächten.

Ebenfalls im Februar stationierte Saudi-Arabien Militärflugzeuge im Süden der Türkei. Mit Saudi-Arabien hat Erdogan einen Partner im Syrienkonflikt, der zwar gegen den IS kämpft, nicht aber – wie etwa die USA – mit den syrischen Kurden kooperiert, die Erdogan als genauso große Bedrohung ansieht.

Die Türkei unterhält ihrerseits Militärbasen in Katar. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte Saudi-Arabien eine "Nato-ähnliche Allianz muslimischer Staaten“ ins Gespräch gebracht.

Die Staaten vereinen die Rivalität mit dem Iran, die gemeinsame Notwendigkeit des Anti-Terror-Kampfes und die sunnitische Tradition.

Der türkische Kolumnist Ilnur Cevik, ein großer Erdogan-Freund, erklärte einmal im Hinblick auf die türkische Beziehungen zu Saudi-Arabien: "Die zwei Länder sind die führenden Strippenzieher in der Region, sind sich ihrer gemeinsamen Herkunft und ihrer gemeinsamen Interessen bewusst und mögen es nicht, wie die westlichen Mächte derzeit versuchen, die Karte des Nahen Osten nach ihren eigenen Interessen neuzugestalten, während der Iran zu einer großen schiitischen Expansion ansetzt.

In der türkisch-arabischen Allianz steckt so wohl auch ein Fingerzeig gen Westen.

4. Ägypten

Lange war die türkische Beziehung zu Ägypten vergiftet. Seit der amtierende ägyptische Präsident As-Sisi in einem Militärputsch den demokratisch gewählten Muslimbruder Mursi stürzte, lagen die Beziehungen beider Länder auf Eis.

Denn Erdogan ist ein erklärter Freund der Muslimbruderschaft.

Langsam könnte sich nun Entspannung anbahnen. Zwar erklärte Erdogan am Dienstag, "der Kontext mit Ägypten sei anders als mit Russland und Israel“ und das Land habe ein "unterdrückendes Regime“, hinter den Kulissen bahnt sich dennoch ein Kurswechsel an.

Während Erdogan polterte, wählte Premierminister Binali Yıldırım versöhnliche Worte. "Das Leben geht weiter. Wir leben in derselben Region. Wir brauchen einander“, sagte er laut "Daily Sabah“ über eine mögliche Versöhnung mit Kairo.

Es gebe keine Hindernisse. "Wir sind sogar bereit dazu. Wir haben diesbezüglich keine Vorbehalte“, so Yildirim weiter.

Auch Ägypten sollte an einer Allianz mit der Türkei interessiert sein. Denn durch die türkisch-saudische Partnerschaft droht Kairo im Machtcluster der Sunni-Staaten ins Hintertreffen zu geraten.

Besonders militärisch wäre eine Aussöhnung für Ankara viel Wert. Ägypten investiert riesige Summen in sein Militär, allein 1,3 Milliarde US-Dollar bekommt das Land jährlich an militärischer Hilfe von den USA.

Eine enge Partnerschaft mit Saudi-Arabien und Ägypten würde es der Türkei ermöglichen, die geostrategischen Machtverhältnisse im Nahen Osten entscheidend zu verschieben und den Iran weiter zu isolieren.

Entscheidende Konsequenzen könnte die Sunni-Allianz auch für die Zukunft Syriens haben. Während die Türkei hier zum einen versucht, kurdische Autonomiebestrebungen zu ersticken – und so mit westlichen Akteuren kollidiert, die kurdische Kämpfer im Kampf gegen den IS unterstützen – sind Saudi-Arabien und die Türkei vor allem an einem dezentralisierten Staat ohne Bashar Al-Assad interessiert.

Nahost-Experte Mehran Kamrava von der Georgetown University schrieb dazu: "Beide Länder glauben, dass Assad die Macht abgeben sollte und statt seiner Regierung ein islamistischer Staat mit besonderen Charakteristika, die sie bestimmen, entstehen sollte.“

Dieser würde sich in den sunnitischen Block einfügen, mit dem Ankara den Iran weiter in die Ecke drängen will. Teheran befindet sich seit dem Atom-Deal mit den USA wirtschaftlich im Aufwind und löst sich auch diplomatisch zunehmend aus der Isolation.

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