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Enorme Geldverschwendung: Boris Palmer rechnet mit dem deutschen Gesundheitssystem ab

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KRANKENHAUS
dpa
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Stellen Sie sich vor, ihr Arzt vermutet, sie könnten eine genetisch bedingte Krankheit entwickeln, zum Beispiel eine Form der Epilepsie oder Muskeldystrophie.

Für die Therapie ist das Wissen um den vermuteten Gendefekt entscheidend. Für viele dieser Krankheiten ist nicht nur ein Gendefekt verantwortlich, es kommen Dutzende von Genen in Frage. Ihr Arzt stellt Sie nun vor folgende Wahl:

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Entweder Sie lassen nur ein einziges Gen testen. Wenn das keinen Defekt zeigt, noch ein weiteres, und wenn das wieder kein Resultat erbringt noch eins.

Wenn sich bei den häufigsten Genen nichts finden lässt, wird die Untersuchung beendet. Sie könnten dann aber immer noch einen Gendefekt haben, der nicht gefunden wurde. Das bezahlt die Krankenkasse.

Oder Sie lassen alle denkbaren Gendefekte in nur einer einzigen Untersuchung abklären. Das ist sehr viel billiger als die Untersuchung einer Reihe von Einzelgenen. Dann zahlt die Krankenkasse aber nichts, Sie müssen die Kosten selbst tragen.

Das ist die absurde Realität

Das finden Sie absurd? Ist aber deutsche Realität.

Ein konkretes Beispiel: Für die Bestimmung genetischer Ursachen der Epilepsie mit der Einzelgenanalyse konzentriert man sich auf sechs Gene, um die häufigsten Defekte abzuklären.

Die Methode dazu steht seit 20 Jahren zur Verfügung und kostet pro Gen etwa 1500 Euro. Die Krankenkassen erstatten daher für diese Methode 9118,60 Euro. In 15,6 Prozent aller Fälle kann dadurch die Ursache der Erkrankung aufgeklärt werden.

Die seit gut fünf Jahren neu zur Verfügung stehende Technik der Hochdurchsatz-Sequenzierung kann hingegen alle 397 potenziell für Epilepsie verantwortlichen Gene auf einen Schlag analysieren. Das erlaubt es, in 59 Prozent aller Fälle die Ursache der Erkrankung aufzuklären. Die Kosten dafür liegen bei 3000 Euro.

Zusammengefasst verhält es sich demnach so: Aus Sicht der Patienten wird nur die Methode bezahlt, die in 84,4 Prozent der Fälle die Erkrankung nicht erklärt.

Die Methode, die immerhin viermal mehr Erfolgschancen bietet, hingegen nicht. Aus Sicht der Krankenkassen wird nur die Methode bezahlt, die das Dreifache der besseren Analyse kostet.

Wir sind unflexibel wenn es um gesellschaftlichen Wandel geht

Das schreit nach einer Erklärung. Und die gibt es. Sie ist leider nicht untypisch für Deutschland, sondern eines unserer zentralen Probleme. Wir haben in vielen Bereichen vergemeinschaftete und hoch bürokratisierte Entscheidungsstrukuren aufgebaut, in denen Eigeninteressen ein großes Gewicht haben.

Das hat Vorteile, weil es Konsens stiften kann und Stabilität. Es macht aber auch sehr unflexibel für technischen und gesellschaftlichen Wandel.

Im Fall des medizinischen Fortschritts ist das Problem die kassenärztliche Vereinigung. In ihr sind fast ausschließlich Ärzte organisiert, die nach der veralteten Methode arbeiten und um ihre Existenz fürchten, wenn die neue Technik zugelassen wird.

Dagegen treten das Wohl der Patienten und die finanziellen Interessen der Beitragszahler zurück. Die Politik hält sich raus, also passiert seit Jahren nichts.

Das ist nicht nur für die betroffenen Patienten verheerend, es macht auch wirtschaftliche Chancen zunichte. Die in Tübingen ansässige Firma CeGat wurde mehrfach mit Gründer- Preisen ausgezeichnet und beschäftigt nach wenigen Jahren bereits hundert Mitarbeiter. Mit ihrer Methode der Hochdurchsatz-Sequenzieurung war sie weltweit an der Spitze.

Jetzt steht die Existenz auf dem Spiel und die USA übernehmen die Technikführerschaft, denn die junge Firma muss nun seit Jahren mit der kassenärztlichen Verneinung um die Anerkennung ihrer Methode streiten, bekommt aber kein Geld für ihre Leistungen.

Die Reaktion ist verblüffend

Das geht so weit, dass es jungen Firma faktisch verboten wird, ihre Methode kostenlos zur Anwendung zu bringen. Um der kassenärztlichen Vereinigung eine Brücke zu bauen, hat CeGat angeboten, die ersten drei Gene mit der veralteten Technik zu untersuchen und falls dies ohne Ergebnis bleibt, mit der neuen Technik ohne weitere Kosten abzurechnen alle übrigen Gene.

Die Reaktion ist wirklich verblüffend: Die Kosten für die ersten drei Untersuchungen mit der veralteten Technik werden erstattet, aber nur, wenn dann Schluss ist. Setzt die Firma die Untersuchung mit der neuen Technik obendrauf, wird die Erstattung für die vorausgehenden Untersuchungen wieder gestrichen!

In der Sprache des Fußball wäre das ungefähr so, als würde man Jogi Löw zwingen, mit einem Libero a la Franz Beckenbauer und einem Mittelstürmer a la Uwe Seeler zu spielen und alle Tore aberkennen, die nach dem 4-3-3-System erzielt werden. Wie erfolgreich die deutsche Mannschaft damit wohl wäre? Es wird Zeit, dass Deutschland das 20. Jahrhundert hinter sich lässt und mit der Nationalmannschaft auf der Höhe der Zeit spielt.

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Boris Palmer ist Teil der HuffPost Voices. Einem Team, das während der EM regelmäßig aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

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