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Was mit Kindern passiert, die sich häufig langweilen

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BORED CHILD
Langeweile ist für die Entwicklung von Kindern wichtig | veronicagomepola via Getty Images
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Angenommen, dein Kind teilt dir mit, dass ihm langweilig ist - wie reagierst du?

a) Du machst deinem Kind ein paar Vorschläge, womit es sich beschäftigen könnte.

b) Du sagst deinem Kind, dass es sich selbst beschäftigen soll.

Die gute Nachricht ist: Keine der Optionen wird einen bleibenden Schaden bei deinem Kind anrichten. Solltest du jedoch Option b) wählen, förderst du die Entwicklung deines Kindes.

Langeweile hat inzwischen einen ziemlich schlechten Ruf bekommen. Dabei kann sie sehr konstruktiv sein und zu einer gesunden geistigen und emotionalen Entwicklung beitragen.

Wenn ein Kind feststellt, dass ihm langweilig ist und ihm signalisiert wird, dass Mama oder Papa diesen Zustand nicht einfach beenden, was wird es wohl tun?

Die Chancen, dass es reglos sitzen bleibt und an die Wand starrt, sind jedenfalls ziemlich gering.

Langeweile macht kreativ

Das Kind wird einen Weg finden, sich zu beschäftigen. Es wird seine Kreativität einsetzen, um aus kleinen Steinchen lebendige Wesen werden zu lassen. Vielleicht wird es die Sofalehne als Pferdesattel benutzen, oder seinen Kuscheltieren eine Geschichte erzählen.

Wenn Eltern nicht vorgeben, womit ihre Kinder sich beschäftigen sollen, werden sie selbst auf Ideen kommen, sich die Zeit zu vertreiben. Das fördert nicht nur ihre Kreativität, sondern auch ihre Selbstständigkeit.

Langeweile formt die Identität

Und das kann ein ganzes Leben positiv beeinflussen. Die Psychologin Vanessa Lapointe beschreibt es in einem HuffPost-Blog sehr treffend:

“Als mein Ehemann klein war, lebte seine Familie in einer ländlichen Gegend mit viel Platz zum Herumstreunen. Er erzählt Geschichten darüber, wie er in jeder freien Stunde Löcher grub, Schätze versteckte und an kleinen Erfindungen bastelte. Ich kann ihn mir genau vorstellen, ganz versunken in dieser Arbeit, verloren in der Welt seiner Vorstellungskraft, aber viel wichtiger: in SEINER Welt.

Wenn man das über meinen Mann weiß, ist es dann noch eine Überraschung, dass er heute ein Maschinenbauingenieur ist? Er baut und bastelt und erfindet immer noch. So ist er - es ist die Essenz dessen, was ihn antreibt. Die Langeweile seiner Kindheit - der Raum, der ihm gelassen wurde, um einfach zu sein - lebt heute in ihm weiter und hat großen Einfluss auf seine Persönlichkeit.”

Zu viele vorgegebene Aktivitäten können die Entwicklung einschränken

Der Trend, dass Eltern ihre Kinder mit Musik-, Sport- und Sprachunterricht fördern und beschäftigen, hat erst in den letzten Jahren extrem zugenommen.

Viele Kinder haben heute volle Terminkalender, jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland leidet an Stress und Versagensängsten. Das ist das erschreckende Ergebnis einer Bertelsmann-Studie aus dem Jahr 2015.

Abgesehen davon, dass volle Terminkalender Stress auslösen können, haben sie einen weiteren Nachteil: Sie halten Kinder möglicherweise davon ab herauszufinden, was sie wirklich interessiert und fasziniert.

Kinderpsychologin Lyn Fry erklärt in einem Interview mit dem Magazin “Quartz”:

“Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unsere Kinder darauf vorzubereiten, ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Erwachsen zu sein bedeutet, sich selbst zu beschäftigen und die Freizeit auf eine Art und Weise zu gestalten, die einen glücklich macht. Wenn Eltern ihre Zeit damit verbringen, die Freizeit ihrer Kinder zu verplanen, dann werden diese Kinder nie lernen, es für sich selbst zu tun.”

Mut zur Langeweile!

Indem man einem Kind erlaubt, sich zu langweilen - oder anders ausgedrückt: Zeit mit sich selbst zu verbringen - gibt man ihm die Chance, zu verstehen, wer es ist.

“Kinder müssen in ihrer eigenen Langeweile versinken, damit die Welt um sie herum so still wird, dass sie sich selbst hören können”, schreibt Vanessa Lapointe.

Wenn Eltern zulassen, dass ihre Kinder sich selbst beschäftigen, machen sie sich nicht nur das eigene Leben leichter. Sie werden auch sehr schnell beobachten können, wie die Langeweile sich plötzlich in eine magische Zeit des Lernens und Entdeckens verwandelt, wie ihre Kinder aufblühen und schließlich zu selbstbewussten und kreativen jungen Menschen heranwachsen - ganz ohne fremde Hilfe.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V.“ möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen.”Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

Wenn du eine Tochter hast, nimm dir drei Minuten Zeit, um dieses Video zu sehen