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Dieser Forscher hat ausgerechnet, was passiert, wenn 20 Millionen Flüchtlinge nach Europa kommen

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REFUGEE BORDER
A migrant and children carry their belongings during an evacuation operation by police forces of a makeshift migrant camp at the border at the Greek-Macedonian border near the village of Idomeni, on May 24, 2016. In an operation which began shortly after sunrise on May 24, hundreds of Greek police began evacuating the sprawling camp which is currently home to 8,400 refugees and migrants, among them many families with children, an AFP correspondent said. At its height, there were more than 12,000 | YANNIS KOLESIDIS via Getty Images
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  • Etwa 20,9 Millionen Menschen in der Türkei, Marokko und Ägypten können sich derzeit vorstellen, nach Europa auszuwandern
  • Was würde passieren, wenn Europa die Grenzen für diese Menschen öffnet?
  • Eine Studie der Robert Bosch Stiftung gibt Aufschluss

Es ist ein radikales Experiment. Was würde passieren, wenn Europa die Grenzen nach Afrika öffnet? Wenn rund 20 Millionen Menschen von dort in Europa leben und arbeiten dürften - ganz legal, ganz ohne Asylverfahren?

Die Zahl ist nicht auf der Luft gegriffen. Denn rund 20 Millionen Menschen, so hat es der Forscher Heinz Faßmann errechnet, könnten in den nächsten Jahren nach Europa kommen.

Faßmann ist Vizerektor für Forschung und Internationales an der Universität Wien. Für die Robert Bosch Stiftung hat er die Chancen und Risiken der Migration analysiert. Das Ergebnis ist ein Schlag ins Gesicht für alle Rechtspopulisten, die mit der Angst vor Flüchtlingen auf Wählerfang gehen.

Denn Europa, so ist Faßmann sicher, würde von den Migranten profitieren.

refugee border
Faßmann

Aussuchen kann sich Europa ohnehin nicht, ob die Menschen kommen oder nicht. Zäune und Abschreckung mögen die Flüchtlinge vielleicht kurzfristig aufhalten. "Doch das Wohlstandsgefälle zwischen Europa und den umliegenden Regionen ist einfach zu groß", sagt der Forscher. "Bei einer neuen Hungerkrise oder einem Bürgerkrieg erwartet uns die nächste Flüchtlingswelle", glaubt Faßmann.

Ein EU-Beitritt für Afrika light

Faßmann hat sich die Mena-Region angeschaut, die Staaten in Nordafrika und dem Mittleren Osten umfasst. Darin leben etwa 445 Millionen Menschen, ähnlich viele wie also in der EU ohne Großbritannien. Die Region ist von Krisen, Bürgerkriegen und Hungersnöten geplagt.

„Dort lebt eine sehr junge Bevölkerung, für die es nicht genügend Arbeit gibt", sagt Faßmann im Gespräch mit der Huffington Post. In Europa ist die Situation spiegelbildlich: Die Bevölkerung schrumpft, die Wirtschaft allerdings wächst", sagt Faßmann. Die Menschen würden sich so oder so auf den Weg machen - warum also nicht einen gemeinsamen Arbeitsmarkt schaffen?

Um die Antwort auf diese Frage zu finden, hat der Forscher ein Szenario geschaffen. Er hat sich die Länder Ägypten, Türkei und Marokko im Detail angeschaut, rund 185 Millionen Menschen leben hier.

Und er hat sich die Frage gestellt: "Was würde passieren, wenn wir die Grenzen für diese Menschen öffnen würden und es eine ungehinderte Niederlassungsfreiheit gäbe? Das käme einem Beitritt zur Europäischen Union ohne Übergangsbestimmungen gleich, deswegen haben wir die Wanderungsverhältnisse aus Polen nach Großbritannien der Simulation zu Grunde gelegt", sagt Faßmann.

20,9 Millionen potentielle Migranten

Jährlich würden dann 1,5 bis 2 Millionen Menschen nach Europa kommen. Insgesamt wären es 20,9 Millionen Menschen, die sich in dieser Region vorstellen können, nach Europa auszuwandern. Das bedeutet zwar nicht, dass die sich alle auf den Weg machen würden - dennoch eine gewaltige Zahl, weiß auch Faßmann. Politisch gelte das als nicht akzeptabel.

Dennoch ist Faßmann davon überzeugt, dass ein solches Experiment mehr Vorteile als Nachteile hat. „Ich bin langfristig für einen kontrolliert offenen Arbeitsmarkt mit Nordafrika und für zirkuläre Migration", sagt er im Gespräch mit der Huffington Post. Kontrolliert, damit meint der Forscher folgendes: Menschen aus den Herkunftsländern erhielten das Recht, auf bestimmte Zeit in Europa zu arbeiten. Gleichzeitig würden sie sich dazu verpflichten wieder zurückzukehren.

"Es gewinnen alle"

Dabei erhielten sie bei der Rückkehr Unterstützung zur Selbstständigkeit, Kredite und die Zusicherung, dass sie wieder zurückkehren dürfen. "Zirkuläre Migration kann eine „Triple Win Migration“ sein", sagt Faßmann. "Es gewinnen schließlich alle."

In den Aufnahmeländern würden temporäre Engpässe auf dem Arbeitsmarkt abgedeckt, die Herkunftsländer profitierten von den Rücküberweisungen und der Rückkehr der Auswanderer, die neue Fachkenntnisse erworben hätten, und die Migranten selbst hätten zusätzliches Kapital in einem Hochlohnland akkumulieren können.

"Dann sind auch 20 Millionen zusätzliche Flüchtlinge nicht mehr zu viel, wenn sie sich auf alle Länder Europas verteilen", sagt Faßmann.

Er sieht darin gewaltige Vorteile. "Ein ökonomisch wachsendes Europa benötigt eine wachsende Bevölkerung", sagt er. Millionen neue Flüchtlinge würde für mehr Arbeitsplätze sorgen und den Geburtenrückgang der Vergangenheit kompensieren. Insgesamt glaube ich, dass eine solche Zuwanderung der Wirtschaft helfen und nicht schaden würde", so Faßmann.


Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

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Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

(ben)