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Ex-Salafist: Man muss sich eingestehen, dass man ein Arschloch war

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SALAFISTEN
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Zum Extremisten wird man nicht über Nacht. Kein Extremist steht morgens auf und ist plötzlich ein Extremist. Ebenso konvertiert niemand zum Extremismus. Es ist ein längerer Prozess, der in diesem Zusammenhang stattfindet und auf vielen seiner Erfahrungen, sowie seiner Vergangenheit aufbaut.

Man wird zum Extremisten und taucht in eine vollkommen neue Welt ein. Man begibt sich in ein sogenanntes Paralleluniversum. Man schottet sich meist von seinem gewohnten Umfeld ab und hat nur noch die neuen Freunde, "Brüder" oder "Kameraden" um sich herum.

Dominic Musa Schmitz

Ähnlich war es bei mir. Als ich zum Islam konvertiert bin, wusste ich noch nichtmal was das Wort "Salafismus" bedeutet. Schleichend habe ich mich verändert, ohne überhaupt zu merken, welche Mechanismen damals gegriffen haben. Ich habe den Kontakt zu meinen alten Freunden nicht bewusst nach dem Motto: "Ihr seid die Ungläubigen" abgebrochen, aber ich habe auch nichts mehr dafür getan, die Freundschaften und Kontakte am Leben zu erhalten.

Der undifferenzierte Islamhass ist Futter für jugendliche Salafismus-Interessierte

Meine Zeit habe ich am liebsten in der Moschee verbracht, im Koran gelesen oder mich mit meinen Glaubensbrüdern getroffen, da meine neuen Interessen mit ihren übereinstimmte und mit denen der alten Freunde eben nicht mehr. Man merkt gar nicht, wie die Objektivität und der Sinn für die Realität immer weiter schwindet.

Einerseits sieht man sich in der Opferrolle, als Anhänger der Religion, die die "Ungläubigen" vernichten will, aber andererseits hält man sich für etwas besseres, als Teil der auserwählten Elite und als Statthalter Gottes auf Erden.

Wenn man dann gezielt nach Dingen sucht, die dieses Denken unterstützen wird man auch schnell fündig, was einen wiederum in seinem Fanatismus antreibt und motiviert. Der undifferenzierte Islamhass der gerade vor allem die sozialen Netzwerke überflutet, ist das beste Futter für jugendliche Salafismus-Interessierte.

Nur bei seinen Brüdern fühlt man sich noch verstanden und auf die "Ungläubigen" schaut man nach und nach herab. Aus dem Opfer wird schnell ein Täter.

Das verbindet übrigens alle extremistischen Gruppierungen. Man beginnt die Welt in schwarz und weiß zu teilen. Im Laufe der Jahre legt man seine eigene Identität schleichend ab und lebt gänzlich nach den Idealen der Ideologie.

Man baut sich über einen sehr langen Zeitraum feinsäuberlich ein Weltbild auf, dass niemand ins wanken bringen kann. Oft weiß man insgeheim, dass man nicht wirklich stichhaltige Argumente für seine Denkweise hat, hat aber gelernt, die Zweifel gekonnt zu verdrängen.

Irgendwann haben die neuen "Brüder" oder "Kameraden" längst die alten Freunde und sogar die Familie ersetzt. Das ist die erste große Hürde, die man zumindest unterbewusst im Kopf hat. Verlässt man seine Gruppe, hat man oft niemanden mehr.

Die alten Freunde sind nicht mehr da und von denen, die die alten Freunde ersetzt haben, wird man verstoßen und häufig bedroht. Der letzte und wichtigste Anker den man beim Ausstieg aus dem Extremismus hat und braucht, ist die Familie.

Nach einem Ausstieg hat man oft nichts mehr.

Nazi-Aussteiger, sowie Ex-Salafisten, vor allem wenn sie mit dem Dschihadismus in Berührung kamen, gelten in der harten Szene oft als vogelfrei. Zum einen könnte man strafrechtlich relevante Dinge ausplaudern und zum anderen als Vorbild für zweifelnde Anhänger dienen, das gilt es, zu verhindern. Diese Ängste sind omnipräsent bei jemandem, der darüber nachdenkt, auszusteigen.

Das essentiell unabdingbare und schwierigste ist jedoch die innere Hürde. Bei einem Ausstieg aus der radikalen Denkweise eines Extremisten kann einem niemand helfen. Es muss selbst "Klick" bei einem machen, ähnlich wie bei einem Drogensüchtigen.

Man muss sich selbst eingestehen, dass die letzten Jahre verschwendet wurden, das Weltbild, in das man so viel investiert, absoluter Nonsens ist und dass man ein Arschloch war.

Dazu gehört zunächst der Gedanke, sich einzugestehen, dass man vielleicht doch nicht alles weiß und die objektive Selbstreflexion, bei der man nicht davor zurückschrecken darf, zu dem Ergebnis zu kommen, dass man eine falsche Entscheidung getroffen hat. Das machen in der Regel jedoch nur die wenigsten, egal welche Richtung es betrifft.

Nach einem Ausstieg hat man oft nichts mehr. Keine Richtung, keinen Sinn im Leben, keine sozialen Kontakte, oft wird man noch an den Pranger gestellt oder gilt im anderen Extrem als "Muster-Aussteiger" der vorgeführt wird, damit die Gesellschaft sich selbst auf die Schulter klopfen kann, wie tolerant sie doch ist, weil sie den verlorenen Ausreisser wieder aufgenommen hat. Man startet sein Leben komplett bei 0 und das ist verdammt hart.

Dominic Schmitz ist Autor des Buchs "Ich war ein Salafist: Meine Zeit in der islamistischen Parallelwelt." Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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Musa Schmitz ist Teil der HuffPost Voices. Einem Team, das während der EM regelmäßig aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

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