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Liebes "Heute Journal", seid ihr so EM-besoffen, dass euch der Rest der Welt am Arsch vorbei geht?

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SLOMKA
Das "Heute Journal" berichtet ausgiebig über die EM. Anschläge sind nur eine Randnotiz. | Screenshot
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Liebes "Heute Journal",

gestern Abend saß ich mit einem knappen Dutzend Freunden vor dem Fernseher, um die Partie Frankreich gegen Island zu sehen.

Zwar fielen in der Partie sieben Tore, aber die eigentliche Überraschung kam für mich in der Halbzeit. Denn dann kamt ihr, liebes "Heute Journal". Und euer Schuss ging mächtig nach hinten los.

Von einem Trauma war bei euch die Rede. Einem "Italien-Trauma", das die Deutschen nun überwunden hätten. Es ging um die Partei Deutschland gegen Italien vom Samstagabend.

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“Es dürfte einige Zuschauer geben, die den gestrigen Spielverlauf als durchaus traumatisch empfunden haben”, vermutete eure Moderatorin Marietta Slomka.

Hm, war nicht noch etwas Traumatisches gestern passiert? Irgendwas abseits des “Elfmeterkrimis von Bordeaux"?

Ach ja: Bagdad.

Ihr berichtet 22 Sekunden – über mehr als 200 Tote

In Badgad starben gestern mindestens 213 Menschen bei einem Selbstmordanschlag. Mehr als 170 weitere sollen verletzt worden sein. Es war einer der schwersten Anschläge in dem Land seit langem.

Innerhalb von Sekunden wurden ganze Familien in der irakischen Hauptstadt durch eine Autobombe ausgelöscht. Kinder verloren ihre Eltern, Eltern ihre Kinder. Die Terrororganisation zeigte damit einmal wieder, wozu sie fähig ist. Fast im Tagesrhythmus schlägt sie inzwischen irgendwo auf der Welt zu.

22 Sekunden habt ihr dem Anschlag in Bagdad gewidmet – die sechsfache Sendezeit bekam der “Elfmeterkrimi”.

Um das klar zu sagen: Es ist EM und Millionen Deutsche sind im Fußballfieber. Dass die EM den entsprechenden Raum bekommt, ist nachvollziehbar. Aber bedeutet das gleichzeitig, dass ihr den furchtbaren Anschlag im Irak nur als Info-Häppchen präsentiert?

Ihr kommt eurem Auftrag nicht nach

Zur Erinnerung, liebes Heute Journal: Im Rundfunkstaatsvertrag heißt es “die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben in ihren Angeboten einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben.”

Und weiter: “Ihre Angebote haben der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen.”

Dass die Worte Bildung und Information vor Unterhaltung stehen, hat seinen Grund. Der findet bei euch aber scheinbar keine Beachtung.

Ihr solltet euch eurer Verantwortung bewusst sein

Außerdem gibt es so etwas wie Nachrichtenwerte, die in der journalistischen Berichterstattung die Einstufung der Wichtigkeit von Themen ermöglichen. Zu denen zählen unter anderem Relevanz, Neuigkeit, Tragweite und Schaden. An diesen solltet ihr euch orientieren.

Wer ausschließlich Unterhaltung möchte, kann schließlich zu den Privatsendern zappen. Aber ihr, liebes "Heute Journal", ihr als Nachrichtensendung, solltet euch eurer demokratischen Verantwortung als öffentlich-rechtlicher Sender eigentlich bewusst sein. Eigentlich.

Denn wenn ihr euch, wie so viele werbefinanzierte Medien, nur noch der Aufmerksamkeitsökonomie hingebt, sehe ich keinen Grund, warum es euch braucht.

Dann seid ihr kein Journal mehr, sondern nur noch ein Lieferant von besonders leicht verdaulichen Info-Häppchen in der Halbzeitpause.

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