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Mehmet Scholl geht auf Jogi Löw los: Taktik-Nachhilfe nach Sieg über Italien

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Mehmet Scholl rechnet mit der Taktik von Joachim Löw ab | ARD
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  • Deutschland feiert nach Elfmeter-Drama gegen Italien
  • ARD-Experte Scholl rechnet dennoch mit Bundestrainer Löw ab
  • Harte Kritik, weil Löw auf Dreierkette umstellte

Als Mehmet Scholl vor dem Viertelfinale gegen Italien die Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft hörte, muss er sich sehr gewundert haben: Umstellung in der DFB-Abwehr von Viererkette auf Dreierkette; Benedikt Höwedes rein, der zuletzt überragende Julian Draxler raus.

In seiner Funktion als ARD-Fußballexperte wies Scholl auf die Gefahren dieser Umstellung hin. "Man ist hinten auf den Seiten anfälliger”, sagte der 45-Jährige.

“Wenn die Italiener das merken, könnten sie vermehrt dort angreifen. Und zweitens hat man ganz andere Lauf- und Passwege in diesem System. Es kann also sein, dass man einen Mitspieler sucht, um ihn anzuspielen wie in den letzten fünf Spielen, aber da steht dann keiner mehr."

Mehmet Scholl redet sich in Rage

Eine Befürchtung, die letztlich nicht zutraf. Doch Scholl motzte schon in der Halbzeit weiter. “Ich wünsche mir schon mehr Risiko nach vorne”, sagte er beim Stand von 0:0.

“Ich weiß nicht, was der Bundestrainer vorhat. Ob er sich weiter auf dieses Spiel einlässt, aber da sind die Italiener gut, wenn sie hinten drin stehen. Oder ob man das Tempo nach vorne erhöht und zur alten Formation zurückkehrt.”

Wie sehr ihn, der 2012 die Lizenz des DFB als Fußball-Lehrer erhielt, die taktischen Vorgaben des Bundestrainers störten, offenbarte Scholl nach dem Elfmeterkrimi, den Deutschland schließlich mit 6:5 gewann. Der ehemalige FC-Bayern-Star redete sich förmlich in Rage:

“Es geht nicht darum zu motzen. Sondern, dass man fragt: Warum bringt man eine Mannschaft, die so funktioniert hat, in diese Situation, dass man sagt: Man muss sich dem Gegner anpassen.

2008 – angepasst, gegen Spanien im Finale verloren. 2010 – an die Spanier angepasst und rausgeflogen. 2012 – angepasst an die Italiener und rausgeflogen.

Achtung, und jetzt kommt der Clou: 2014, ab dem Viertelfinale hat Jogi Löw jede Idee seines Trainerstabs ignoriert und hat der Mannschaft vertraut. Und sie haben dreimal mit der gleichen Mannschaft gespielt. So gewinnt man Titel."

Ließ sich Löw von seinen Scouts bequatschen?

Den Schuldigen fand Scholl vor allem in DFB-Chefscout Urs Siegenthaler. Er sagte: “Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben und die anderen zum Training gehen lassen und nicht irgendwelche Ideen vorbringen. Jogi Löw wacht ja nicht nachts auf und sagt: ‘Jetzt hab’ ich’s: Dreierkette, Dreierkette, Dreierkette!’ Nein, sondern da wird im Stab beraten.”

Scholls Fazit klang, als hätte Deutschland nicht wegen Löw, sondern trotz Löw gewonnen. “Man hätte das heute auch anders lösen können”, sagte der ARD-Experte.

“Man hätte die Passwege mit der gewachsenen Mannschaft zustellen können. Und wenn Pellè und Eder an den Ball kommen, hätten Boateng und Hummels Unterstützung von Khedira und Kroos bekommen, das hätte genauso funktioniert. Aber dann hätten wir uns nicht unserer Stärke nach vorne beraubt.”

Hier könnt ihr Scholls Tirade komplett sehen.

Löw kontert die Scholl-Kritik

Und was sagte Löw zur Kritik? Der DFB-Cheftrainer hielt im ARD-Interview voll dagegen. "Es war auf jeden Fall der richtige Weg, weil Italien außen mit zwei Spielern ganz hoch (sehr offensiv, Anm. der .Redaktion) spielt und mit zwei Stürmern in der Mitte", erklärte Löw.

"Das wäre dann vier gegen vier und das wäre brandgefährlich. Von daher war es klar, dass wir das Zentrum ganz zumachen. Wir konnten Angriff so gut wie unterbinden, die Abwehr hat das gut gemacht."

Er wollte Italien nicht in die Falle tappen, sagte Löw: "Die Italiener wollen ja, dass man anläuft, dass man offensiv spielt – dann schlagen sie irgendwann zu. Man muss sie mit den eigenen Mitteln schlagen. Und mit Intelligenz." Und da grinste der Bundestrainer.

Im Halbfinale trifft Deutschland am Donnerstag (21 Uhr) in Marseille wahrscheinlich auf Frankreich, die am Sonntagabend gegen die Außenseiter aus Island antreten. “Ich glaube, dass wir Europameister werden können, wenn wir unseren Stil durchdrücken können”, findet Scholl.

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