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Liebe Deutsche, ihr nehmt Österreich viel zu ernst

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AUSTRIA ELECTION
Liebe Deutsche, ihr nehmt Österreich viel zu ernst | HELMUT FOHRINGER via Getty Images
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Liebe Deutsche,

Seit vier Jahren lebe ich jetzt bei euch. In dieser Zeit hat sich das Bild, das ihr von meiner Heimat Österreich habt, massiv verändert. Als ich nach Deutschland zog, hat keiner von euch uns Österreicher ernst genommen.

Heute nehmt ihr uns viel zu ernst. Heute müssen wir für euch als Untergangsszenario herhalten: der dunkelste Ort Europas, wo brutale Rechtsradikale das Sagen haben.

Ich muss euch enttäuschen, liebe Deutsche. Aber dieses Bild ist völliger Blödsinn. Es zeigt nur eines: Ihr versteht uns nicht. Ihr gebt euch nicht einmal Mühe, daran etwas zu ändern.

Für euch ist Österreich eine mies geführte Bananenrepublik

Die Aufhebung der Bundespräsidentenwahl ist nur das neueste Beispiel. Für euch ist das erneut Beweis dafür, dass Österreich nicht viel mehr als eine mies geführte Bananenrepublik ist.

„Ich hege wenig Zweifel, dass sich bei der Auszählung von Wahlkarten in Deutschland ähnliche Schlampereien aufzeigen ließen“, schrieb der österreichische Journalist Peter Lingens unmittelbar nach der Urteilsverkündung auf "profil.at“. Und ich gebe ihm Recht. Schlamperei ist schlecht, aber kein Wahlbetrug. Sie ändert nichts am Ergebnis.

Ich weiß, ihr wollt es nicht wahrhaben, liebe Deutsche. Aber Unregelmäßigkeiten hin oder her: Österreich hat am 22. Mai gegen den Rechtspopulisten Norbert Hofer gestimmt. Den von euch prognostizierten Untergang haben wir abgesagt. Sämtliche deutsche Medien – von der "Süddeutschen Zeitung“ bis zum "Spiegel“ - machten Hofer schon vor der Stichwahl quasi zum Präsidenten.

Die Hälfte der Österreicher hat für den Untergang gestimmt? Seht es doch einmal so: MEHR als die Hälfte von uns hat für einen europafreundlichen, intellektuellen Grünen gestimmt.

100.000 Menschen haben in Wien "Willkommen Flüchtlinge" gesagt

Noch etwas, was ihr nicht wahrhaben wollt: Unsere Politiker mögen harte Worte in der Flüchtlingskrise finden, aber wir sind auch das Land, in dem 100.000 Menschen in Wien zu einem Konzert mit dem Titel "Voices for Refugees“ gingen - das gelang in keiner einzigen deutschen Stadt in so großem Ausmaß.

So gern ihr seitenlang über FPÖ-Chef H.C. Strache und die anderen intellektuellen Tiefflieger berichtet - über dieses Engagement habe ich in keiner deutschen Zeitung gelesen.

Liebe Deutsche, ihr seht nur das, was in euer Bild von unserem Land passt.

In Österreich hat seit Beginn der Flüchtlingskrise genau EIN Flüchtlingsheim gebrannt. Natürlich, es ist eins zu viel.

In Deutschland waren es 140 zu viel.

Österreich weiß mittlerweile besser mit Rechtspopulisten umzugehen als Deutschland

Ich gebe euch natürlich recht, dass Österreich ein Problem mit Rechtspopulismus hat. Aber das ist nicht neu.

Österreich hatte im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern schon nach dem Zweiten Weltkrieg eine rechtspopulistische Partei, die sich aus ehemaligen Nationalsozialisten bildete. Der Politikwissenschaftler Anton Pelinka schreibt dazu: „Anders als etwa die Sozialistische Reichspartei (SRP), die in der Bundesrepublik Deutschland durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1952 verboten wurde (...),wurde die FPÖ als Teil der politischen Normalität akzeptiert.“

Und so tut man die FPÖ und ihre Wähler eben nicht mehr als Protestwähler-Phänomen ab, wie es deutsche Großparteien zu gerne mit der AfD machen.

Nicht umsonst sagte der damals frisch gekürte Bundeskanzler Christian Kern nach der Bundespräsidenten-Wahl: "Wir haben euren Protest verstanden“. Er hat verstanden, dass man diese Wähler – so wenig man ihre emotionalen Motive verstehen mag – ernst nehmen sollte.

Und Fakt ist auch: Die FPÖ stellt keinen Landeshauptmann, sie ist nicht in der Bundesregierung. Und immer wenn sie Verantwortung übernehmen musste, hat sich die Partei nicht nur lächerlich gemacht. Die Wähler haben sie stets massiv abgestraft.

Das letzte Mal, als die FPÖ in der Bundesregierung war, war im Jahre 2000. Bei der darauffolgenden Neuwahl 2002 schlitterte die Partei von 27 Prozent auf 10 Prozent.

Jedes Mal, wenn es im letzten Jahr hart auf hart kam, hat sich Österreich gegen den Rechtspopulismus entschieden

Fakt ist auch: Die Rechtspopulisten haben in den letzten 12 Monaten bei gleich zwei entscheidenden Wahlen in Österreich schwächer abgeschnitten, als prognostiziert: In Wien wurde aus dem angeblich knappen Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPÖ ein Abstand von beinahe 10 Prozent, bei der Stichwahl um den Bundespräsidenten wurde aus dem vermeintlichen Sieg Hofers eine Niederlage.

Sehen wir es einmal so: Jedes Mal, wenn es hart auf hart kam, hat sich Österreich gegen Rechtspopulismus entschieden.

Da gibt es noch eine Sache, die zu einem fundamentalen Missverständnis führt: Österreich ist das Land, in dem Worte härter als Taten sind.

Als Österreich Obergrenzen für Flüchtlinge im eigenen Land eingeführt hat, war die Empörung in Deutschland groß. So groß, dass man gar nicht bemerkt hat, dass der Verteidigungsminister einen Tag später zurückgerudert ist und meinte: „Ähm, gilt eigentlich nur für eine Grenze.“

Und so dringen eben nur die harten Worte nach Deutschland – und nicht die milden Taten. Es dringen die lauten FPÖ-Wähler zu euch, nicht die Menschen, die zu Hunderten Flüchtlinge am Wiener Westbahnhof – übrigens angeleitet von unserem jetzigen Bundeskanzler – freiwillig betreuten.

Ich habe es so satt, als euer Negativbeispiel herzuhalten, wo wir doch so vieles im entscheidenden Fall richtig machen.

Und so sage ich euch: Österreich wird das Land sein, in dem Alexander Van der Bellen, ein EU-Befürworter, pensionierter Ökonom und ehemaliger Grüner, noch einmal zum Präsidenten gewählt werden wird.


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder aus sozial schwachen Familien haben niemanden, der sich um ihre alltäglichen Sorgen kümmert. Ein Blick auf die Hausaufgaben, Konflikte mit Freunden - oder Gesundheitsprobleme: In dem Münchner Projekt Lichtblick Hasenbergl unterstützen Pädagogen junge Menschen bei all diesen Fragen. Hier erfahrt ihr mehr zu der Initiative.

In Ruanda haben 400.000 Kinder keine Chance auf einen Platz in der Schule; besonders Waisen und Mädchen sind benachteiligt. Das Projekt "Schulen für Afrika" von Unicef ermöglicht tausenden Kindern den Zugang zu Bildung. Hier könnt ihr die Initiative unterstützen.

Ein zuverlässiges Transportmittel kann für Menschen in einem Entwicklungsland alles verändern. World Bicycle Relief stattet Menschen in ländlichen Regionen Afrikas mit Fahrrädern aus und schenkt ihnen damit ein großes Stück Lebensqualität. Hier geht es weiter zu diesem faszinierenden Projekt.

(lp)