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Kratzer und blaue Flecken: Ein Kindheitsforscher erklärt, was in der Erziehung heute falsch läuft

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CHILD PLAY
Was in der modernen Erziehung falsch läuft | Silke Klewitz-Seemann via Getty Images
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“Das Problem, mit dem Kinder heute leben müssen, ist, dass sie nicht wie wir früher einfach da draußen in der Welt sein und all die Dinge tun können, an die wir uns noch aus unserer Kindheit erinnern”, sagt Tim Gill.

Der Brite forscht und berichtet seit 20 Jahren darüber, wie Erziehung sich verändert und welchen Einfluss das auf unsere Kinder hat.

Die Gesellschaft neigt zu Ängstlichkeit

Gill beobachtet, dass sich der geistige Horizont von Kindern seit Jahren stetig verringert. Das liege vor allem daran, dass die Gesellschaft viel ängstlicher geworden sei:

“Es sind nicht nur Eltern, die ängstlicher geworden sind. Alle haben heute mehr Angst als früher vor Dingen, die passieren könnten”, sagte Gill gegenüpber dem “Calgary Herald”.

Die wenigsten Kinder bekommen heute noch die Erlaubnis, unbeaufsichtigt draußen zu spielen - dabei sind blaue Flecken und Kratzer für ihre Entwicklung extrem wichtig.

Risiken sind für die Entwicklung von Kindern unerlässlich

Kinder müssen Risiken eingehen - und dabei auch mal hinfallen - um zu lernen, was Gefahr bedeutet und wo ihre eigenen Grenzen liegen.

Nicht nur Tim Gill ist dieser Meinung. Wissenschaftler der University of British Columbia etwa betonen, wie wichtig es ist, dass Kinder sich ab und zu in Gefahr begeben - einen Baum hochklettern oder von einer Mauer springen - denn nur so können sie Kreativität, Belastbarkeit und soziale Fähigkeiten entwickeln.

Die Wissenschaftler konnten belegen, dass Kinder, die draußen spielen, toben, klettern und springen, in jeder Hinsicht gesünder sind als Kinder, die wohlbehütet in der Wohnung bleiben.

Kinder haben ein natürliches Verlangen nach neuen Erfahrungen

Mit diesen Argumenten konfrontiert, antworten Eltern häufig, dass sich schließlich auch die Welt verändert habe - dass es heute viel gefährlicher für Kinder sei als früher in ihrer eigenen Kindheit.

Das mag sein. Das Problem ist nur: “Die Welt mag sich verändert haben, doch das Verlangen der Kinder nach neuen Erfahrungen ist gleich geblieben”, sagte Gill.

So schwer es ist, wir sollten uns den Kindern zuliebe einen Ruck geben.

“Wir müssen ein bisschen entspannter mit kleineren Verletzungen und blauen Flecken umgehen, denn wisst ihr was? Das ist Teil der Kindheit”, sagte Gill.

“Wir müssen uns daran erinnern, wie sehr Kinder diese Freiheit, dieses Gefühl von Abenteuer, lieben und brauchen.”

Überfürsorgliche Eltern setzen ihre Kinder neuen Gefahren aus

Eltern, die ihre Kinder ständig behüten - mit dem sinnbildlichen Sicherheitsnetz neben dem Klettergerüst stehen und ihren Kindern trotzdem am liebsten einen Sturzhelm aufsetzen würden - berauben sie nicht nur einiger sehr wichtiger Lebenserfahrungen, sondern setzen sie sogar einer zusätzlichen Gefahr aus.

Der Drang, Risiken einzugehen, ist fester Bestandteil des menschlichen Lebens. Wenn Eltern ihre Kinder ständig vor möglichen Gefahren abschirmen, werden die Kinder sehr wahrscheinlich an anderen Stellen nach Risiken suchen - an Orten, die ihren Eltern verborgen bleiben.

Es ist nachvollziehbar: Wenn die "echte" Welt da draußen so langweilig gemacht wird, dann steigt die Attraktivität von Videospielen und dubiosen Internetseiten. Jugendliche neigen später eher zu selbstzerstörerischem Verhalten.

Auf diese Gefahr weist ein parlamentarischer Bericht aus Großbritannien über das spielerische Lernen von Kindern hin.

Wir können Kinder nicht vor allem beschützen

Natürlich wollen und sollen wir unsere Kinder vor echten Gefahren und schmerzhaften Erfahrungen schützen. Aber wir sollten uns auch den Rat von Dori aus Disney’s “Findet Nemo” zu Herzen nehmen, die Nemos Papa Marlin riet:

"Du kannst doch nicht zulassen, dass ihm nie etwas passiert. Dann passiert ihm ja nie etwas!"


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V.“ möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen.”Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.

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