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Wie Boris Johnson einer Intrige zum Opfer fiel

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BORIS JOHNSON GOVE
Boris Johnson steht nach dem Brexit-Referendum unter Polizeischutz | AFP via Getty Images
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  • Überraschend gab Boris Johnson gestern bekannt, nicht für die Wahl des Parteivorsitzenden der Tories anzutreten
  • Zuvor hatte ihm sein engster Verbündeter, Justizminister Michael Gove, das Vertrauen entzogen
  • Gove zieht eiskalt eine Intrige gegen Johnson durch, um selbst Parteivorsitzender und Premier zu werden

Was für eine Wendung. London erlebt gerade ein politisches Drama, das aus den TV-Serien "House of Cards" oder "Game of Thrones" stammen könnte. Für den Wortführer der Brexit-Befürworter, Boris Johnson, verwandelt sich sein größter politischer Sieg in seine bitterste Niederlage.

Eine Woche nach dem EU-Referendum gibt Johnson kurz vor Ablauf der Frist bekannt, dass er nicht für das Amt des Parteivorsitzenden der Tories kandidieren wird.

Noch vergangene Woche hielt er in der BBC-Fernsehdebatte vor dem Referendum eine flammende Rede, erklärte den 23. Juni zum "Independence Day" und rief die Briten dazu auf, für "Hunderte Millionen Europäer" zu stimmen, die keine Wahl hätten. Er erntete stürmischen Applaus.

Es wurde offensichtlich, dass Johnson nie einen Brexit wollte

Zwei Tage später folgte die Reue. Johnson wirkte nach der Brexit-Entscheidung deprimiert und verwirrt. Er gab nur wenige, kurz angebundene Statements für die Presse. Vom Rücktritt des Premiers David Cameron schien er tief betroffen zu sein.

Es wurde offensichtlich, dass Johnson nie einen Brexit wollte. Er hatte wahrscheinlich mit einem knapp verlorenen Referendum gerechnet, das ihn zum inoffiziellen Vertreter eines großen Teils der Briten machen würde und ihm einen Posten in David Camerons Regierung sichern würde. Doch Johnson war zu gut. Er siegte sich zu Tode.

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Eine Intrige innerhalb der politischen Konservativen besiegelte sein politisches Ende. Johnsons Erklärung zum Nichtantritt zeigte nochmal sein rhetorisches Talent. Er zitierte William Shakespeare: Es sei notwendig, "nicht gegen die Gezeiten der Geschichte zu kämpfen, sondern die Flut wahrzunehmen und zum Glück zu segeln".

Das Zitat, muss man dazu wissen, stammt aus dem Stück "Julius Cäsar" und wird von Brutus gesprochen, der seinen Vertrauten und Förderer Cäsar in einen Hinterhalt lockt und erdolcht. Es ist ziemlich offensichtlich, an wen es sich richtet: Justizminister Michael Gove. Denn Johnson trägt die Flut höchstens ins politische Abseits.

Nach dem Referendum machte Gove eiskalt seinen Zug

Gove war bisher einer seiner engsten Verbündeten. Johnson und der Justizminister führten zusammen das Brexit-Lager an, Gove leitete sogar als Direktor die Leave-Kampagne. Die Unterstützung von Gove gab Johnson erst die notwendige Vertrauenswürdigkeit in den Augen der Wähler und sicherte ihm die Unterstützung von mehreren ranghohen Abgeordneten der konservativen Partei.

Doch nach dem Referendum machte Gove eiskalt seinen Zug. Überraschend entzog er Johnson die Unterstützung und kündigte an, selbst zu kandidieren: "Ich bin widerstrebend zu dem Schluss gekommen, dass Boris nicht die Führung bieten oder das Team aufbauen kann, die dafür notwendig ist." Er rammte Johnson sozusagen den Dolch in den Rücken.

Dazu passt: Kölner Brite schreibt Wut-Mail an Boris Johnson

Johnson scheint das Opfer einer wohl geplanten Intrige zu sein. In einer E-Mail von Goves Frau, der "Daily Mail"-Kolumnistin Sarah Vine, an Sky News, hieß es, die einflussreichen Medienunternehmer Rupert Murdoch und Paul Dacre lehnten Johnson ab.

Ähnlich analysierte Steven Fielding, Politikprofessor an der Universität von Nottingham, die Lage. Johnson sei nicht genügend Vertrauen von den Leuten entgegengebracht worden, die tatsächlich in der britischen Politik die Macht ausübten: Murdoch und Dacre, erklärte er.

"Das lässt ’House of Cards' wie die 'Teletubbies' aussehen"

Ein Politiker wird geopfert, weil zwei Medienunternehmer den Daumen senken. "Das lässt ’House of Cards' wie die 'Teletubbies' aussehen", fasste der konservative Abgeordnete Nigel Evans die Lage in der BBC zusammen.

In einer Zeit großer Unsicherheit scheinen die Tories vor allem ihre eigenen politischen Karrieren im Sinn zu haben. Neue Favoritin auf das Amt ist daher Innenministerin Theresa May. Durch den Krach zwischen Johnson und Gove steigen Mays Chancen. May war für den Verbleib Großbritanniens in der EU. Doch die 59-Jährige betonte, das Ergebnis des Referendums werde respektiert. "Das Vereinigte Königreich wird die EU verlassen."

Die Ermordung Cäsars ging übrigens nicht gut für Brutus aus. Er hatte erwartet, als Tyrannenmörder gefeiert zu werden, doch die Stimmung wandte sich gegen ihn. Rom stürzte in einen Bürgerkrieg, in dem Brutus' Truppen unterlagen. Er ließ sich umbringen.

Sein größter Fehler: Er hatte keinen Plan für die Zeit nach Cäsar vorbereitet.

Mit Material der AP

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(ben)