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"Ausgeschlossen vom System": Zahl der AfD-Mitglieder wächst rasant

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AFD STUTTGART
Zahl der AfD-Mitglieder wächst rasant | Wolfgang Rattay / Reuters
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  • AfD-Landesverbände können einen massiven Mitgliederzuwachs verzeichnen
  • Die Partei hat sich gut von der Abspaltung des Flügels um Bernd Lucke erholt
  • Experten machen die Unzufriedenheit vieler Bürger für den Mitglieder-Gewinn der AfD verantwortlich

Öffentlich ausgetragene Machtkämpfe, antisemitische Äußerungen, Stimmungsmache gegen Fußballer Jérôme Boateng - die AfD hat in den vergangenen Monaten heftige Kritik einstecken müssen.

Geschadet hat das den Rechtspopulisten aber offenbar nicht - im Gegenteil: Die AfD hat in der ersten Hälfte dieses Jahres massiv Mitglieder gewonnen. Das ergab eine Anfrage der Huffington Post bei den 16 Landesverbänden der Partei.

Teilweise Verdreifachung der Mitgliedszahlen

So verzeichnet etwa der größte AfD-Landesverband Nordrhein-Westfalen 897 Parteieintritte zwischen Anfang Januar und Ende Juni diesen Jahres. Zum Vergleich: Im gesamten Vorjahr verbuchte die AfD in NRW lediglich 618 Neueintritte.

Ähnlich sieht es auch in anderen Bundesländern aus. In Thüringen (1. Hälfte 2016: 220 Neu-Mitglieder/gesamt 2015: 125) und Brandenburg (185/90) war die Zahl der Neueintritte in der ersten Jahreshälfte bereis doppelt so hoch wie in den zwölf Monaten des Vorjahres. In Mecklenburg-Vorpommern, einem der kleinsten AfD-Landesverbände, verdreifachte sich die Zahl der hinzugewonnen Mitglieder sogar (90/30).

Das zeigt: Die AfD wächst, und das trotz ihrer öffentlichen Eskapaden - oder gerade deswegen?

"AfD-Anhänger sind überdurchschnittlich politisch motiviert"

“Die AfD hat weiter Erfolg, weil der allgemeine Grad der Unzufriedenheit immer noch hoch ist bei vielen Bürgern", sagt der Politologe Florian Hartleb, der sich intensiv mit Populismus und Rechtsextremismus beschäftigt. "Es gibt einen Kern von 15-20 Prozent der Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen vom System. Das ist eine offene Flanke für die AfD".

Und das führt offenbar dazu, dass die AfD für viele Menschen in Deutschland weiterhin attraktiv ist. “AfD-Anhänger sind überdurchschnittlich politisch motiviert. Das heißt, dass sie im Vergleich zu Sympathisanten anderer Parteien viel eher dazu bereit sind, politisch aktiv zu werden, etwa durch Parteieintritte", sagt Hartleb.

Verbände erholen sich von Lucke-Spaltung

Auch der Landesverband Rheinland-Pfalz (452/261) berichtet auf Anfrage von einem "ungebremst hohen" Mitglieder-Zuwachs. Vor allem seit den Landtagswahlen im März, bei denen die AfD teilweise zweistellige Ergebnisse erreichte, sei der Zuspruch besonders groß.

Besonders bemerkbar macht sich die Zahl der Neueintritte in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Berlin und Hessen. Hier hatte der Austritt von Ex-Parteichef Bernd Lucke auf dem Essener Parteitag im vergangenen Jahr eine massive Austrittswelle losgelöst, sodass am Ende des Vorjahres Mitgliederverluste zu Buche standen.

Doch auch diese Landesverbände scheinen sich inzwischen von der Lucke-Spaltung erholt zu haben: Die AfD in Niedersachsen verzeichnet in diesem Jahr einen Zuwachs von 421 Mitgliedern, Schleswig-Holstein von 100, Berlin von 225 und Hessen von 261.

Andrang ehemaliger CSU-Mitglieder in Bayern

Bei der AfD in Hamburg hieß es lediglich, dass sich die Zahl der Neu-AfDler seit Januar "um 20 bis 50 erhöht" habe, Vergleichszahlen zum Vorjahr lagen nicht vor.

Die Bayern-AfD berichtet lediglich von einer derzeitigen Gesamtzahl von "etwas über 3100 Mitgliedern". Man beobachte jedoch in den vergangenen Wochen einen "verstärkten Andrang von ehemaligen CSU-Mitgliedern", ließ Landeschef Petr Bystron in einer Mail an die Huffington Post wissen. Die derzeit steigenden Mitgliederzahlen würden zudem dazu führen, "dass wir verstärkt neue Ortsverbände gründen oder deren Gründung vorbereiten".

Anfragen bei den AfD-Landesverbänden Sachsen, Sachsen-Anhalt, Saarland und Bremen blieben unbeantwortet. Auch der Sprecher der Bundespartei wollte sich auf Anfrage nicht zu aktuellen Mitgliederzahlen äußern. Zuletzt hatte es Berichte gegeben, wonach die AfD insgesamt 23.400 Mitglieder hat (Stand: Mai 2016).

Fakt ist: Nach dem Spaltungsjahr 2015, in dem sich der rechte Flügel der Parteiführung gegen Euro-Kritiker Lucke durchgesetzt hat und in dem es zu einer kurzzeitigen Austrittswelle kam, scheint sich die AfD wieder erholt zu haben.

Neue Mitglieder tragen Rechtsruck in der Partei

“Die Zahlen zeigen, dass sich das rechtsorientierte Fundament der AfD massiv verstärkt. Wer heute in die Partei eintritt, weiß, dass es da keine großen Unterschied mehr zum Front National oder der FPÖ gibt", sagt Politologe Hartleb.

Und auch der Berliner Parteienforscher und AfD-Experte David Bebnowski ist sicher: "Das Fundament für die Verschiebung nach rechts scheint sich damit bei der AfD zu verfestigen." Diejenigen Mitglieder, die sich der AfD nach dem Lucke-Abschied angeschlossen hätten, wüssten ganz genau um den Rechtsruck der Partei, so Bebnowski.

Zur Übersicht hier eine Liste der AfD-Landesverbände und der Gesamtzahl ihrer Mitglieder (Stand: Ende Juni 2016):

1. NRW: 4149 Mitglieder

2. Baden-Württemberg: 3232 Mitglieder

3. Bayern: etwa 3100 Mitglieder

4. Niedersachsen: 2111 Mitglieder

5. Hessen: 1966

6. Rheinland-Pfalz: 1374 Mitglieder

7. Berlin: 1058 Mitglieder

8. Brandenburg: 896 Mitglieder

9. Schleswig-Holstein: 850 Mitglieder

10. Thüringen: 760 Mitglieder

11. Hamburg: 550 Mitglieder

12. Mecklenburg-Vorpommern: 485 Mitglieder

Sachsen: keine Rückmeldung

Sachsen-Anhalt: keine Rückmeldung

Bremen: keine Rückmeldung

Saarland: keine Rückmeldung

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(lp)