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Warum die Generation Y lieber im Bett Spaß hat, als zur Wahlurne zu gehen

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GENERATION Y
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Es ist nach jeder Wahl das Gleiche: Tausende junge Menschen gehen auf die Straße oder tun ihren Unmut über das Wahlergebnis in sozialen Netzwerken kund. Die Ü-40er nehmen das zum Anlass, wiederholt Vorwürfe gegen die neue Generation laut werden zu lassen.

2016-06-30-1467284094-5249842-masra.jpgDie Jugend brauche sich nicht über den Ausgang einer Wahl beschweren, wenn sie zu faul sei, zur Urne zu gehen, um ihr Kreuzchen an der richtigen Stelle zu machen. In jedem Artikel, der nach einer Wahl geschrieben wird, wird auf die niedrige Wahlbeteiligung der Unter-35-Jährigen aufmerksam gemacht.

Aber warum wir nicht wählen gehen, fragt niemand. Dabei liegt die Antwort dafür auf der Hand: Wir haben keine Wahl.

Wahl zwischen Pest und Cholera

Uns wird permanent unterstellt, wir hätten an Politik einfach kein Interesse und würden lieber Partys feiern oder vor dem Computer hängen, als unsere Stimmen sinnvoll einzusetzen. Dabei liegt das Problem nicht in unserem angeblichen Desinteresse, sondern darin, dass es keine Politik gibt, die sich uns tatsächlich annimmt. Wenn man die Wahl zwischen Pest und Cholera hat, bleibt man am besten einfach im Bett.

Wir haben noch nicht gelernt, dass diese Art von Ignoranz genau genommen gar nichts bringt. Aber wir wissen, dass man uns hört, wenn wir auf die Straßen gehen, laut sind, uns zu Gruppen zusammenschließen und gemeinsam für das einstehen, was uns wichtig ist.

Wir machen unsere eigene Politik, in unseren Studenten-WGs bei Tiefkühlpizza und Billigbier, mit unseren Liebhabern nachts um halb 3, nackt und verschwitzt, und natürlich im Netz, dem so ziemlich einzigen Ort, an denen unsere Stimme auch gehört wird.

Wir sind nicht freiwillig eine Generation des Nichtwählens

Wir sind nicht freiwillig zu einer Generation von Nichtwählern geworden, wir wurden dazu gemacht. Schon im Politikunterricht in der Schule wurde den allerwenigsten von uns etwas vermittelt, das wir ins sogenannte "echte Leben“ hätten mitnehmen können.

Wir wissen zwar, wofür die Abkürzungen "CDU“ und "SPD“ stehen und wer 1971 Bundespräsident war (nämlich Gustav Heinemann). Aber spätestens in der Wahlkabine stehen wir vor einem schier unlösbaren Rätsel, weil uns nie jemand beigebracht hat, wie man das Ding zu lesen hat.

Es ist eben nicht nur "ein Kreuzchen machen“, wenn man zum ersten Mal mit einem Zettel konfrontiert wird, den man nur vom Hörensagen kennt und der angeblich unsere gesamte Zukunft ändern kann. Für Menschen, die schon seit Jahren wählen dürfen und die von diesem Recht regelmäßig Gebrauch machen, mag das lächerlich erscheinen – für viele Erstwähler jedoch ist es tatsächlich ein Problem.

Eigene politische Äußerungen waren in der Schule auch verboten. Von uns wurde nicht erwartet, dass wir uns eigene Gedanken machen – sondern lediglich, dass wir zuhören und das annehmen, was uns vorgebetet wird.

Auch Zuhause wurde bei so gut wie niemandem von uns so richtig übers Wählen gesprochen. Als ich klein war, begleitete ich meinen Vater häufiger ins ortsansässige Wahllokal, durfte aber nie mit in die Kabine, obwohl ich noch nicht lesen konnte.

"Über eine Wahl spricht man nicht."

Also hielt ich mich am Rand auf und sah zu, wie Menschen mit traurigen Gesichtern beigefarbene Zettel in einen kleinen metallenen Kasten warfen und so unglücklich von Dannen stapften, wie sie zur Tür hereingekommen waren.

Wenn ich abends am Esstisch dann gefragt habe, für welche Partei meine Eltern sich denn entschieden hatten und aus welchen Gründen, wurde ich mit tadelnden Blicken bestraft. Über eine Wahl spricht man nicht. Wegen dem Wahlgeheimnis. Wenn man darüber sprechen würde, wäre es ja nicht mehr geheim.

Und obwohl man in einer Familie eigentlich keine Geheimnisse voreinander haben sollte, wurde der Grundsatz der geheimen Wahl bei uns streng eingehalten. Eine Wahl wurde so zu etwas Unheimlichem für mich, etwas Verbotenem, über das man sich auf gar keinen Fall äußern darf.

Kein Wunder also, dass wir verunsichert sind, wenn wir plötzlich dazu aufgefordert werden, was für „unsere Politik“ zu tun. Dabei existiert für uns noch nicht mal eine Politik. Gerade mal fünf Bundestagsabgeordnete sind unter 30, die meisten älter als 55 Jahre.

Wir wollen gehört werden

Meine Generation kann sich damit nicht identifizieren. Zu weit weg sind die Probleme, die im Alter auf uns zukommen könnten. Wir sind jung. Wir wollen jetzt leben. Wir wollen eine Politik, die sich uns jetzt annimmt.

Wir wollen gehört werden. Und die meisten von uns wollen wirklich wählen. Dazu dürfen wir aber nicht ausgegrenzt und übergangen werden. Wenn ihr für uns alle etwas ändern wollt, redet mit uns und nicht über uns. So wie wir von den Generationen vor uns lernen können, kann das ältere Semester auch von uns lernen.

Mit Vorwürfen, die Generation-Y sei nicht an Politik interessiert und deshalb auch selbst Schuld an ihrer Lage, ist niemandem geholfen. Wir suchen keinen Streit, wenn wir laut rufend über die Straßen marschieren und unsere Ansichten auf Transparenten kundgeben. Wir suchen einen Dialog.

Jana Seelig ist Autorin des Buchs "Minusgefühle". Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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Jana Seelig ist Teil der HuffPost Voices. Einem Kolumnisten-Team, das aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

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