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Liebe GEZ-Gegner, in Wahrheit wollt ihr die Gebührenverschwendung doch

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GERMANY SLOWAKIA FOOTBALL
Die Deutsche Mannschaft feiert mit den Fans nach dem Achtelfinalsieg gegen die Slowakei | ASSOCIATED PRESS
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Man würde ja mal gerne wissen, wo dieser Tage die AfD-wählenden Gegner des gebührenfinanzierten Fernsehens abgeblieben sind.

Jene, die noch zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg im März über die "GEZ-Diktatur" schwadronierten. Jene, die damals öffentlich-rechtlichen Sender als Herrschaftsinstrumente der regierenden Eliten brandmarkten.

Kann es sein, dass diese Leute nun doch fähnchenschwingend ARD und ZDF schauen und die deutsche Nationalmannschaft auf ihrem Weg zum Europameistertitel anfeuern? Es steht zumindest zu vermuten, dass das bei einem nicht unerheblichen Teil der Betroffenen der Fall sein könnte: Wenn die Öffentlich-Rechtlichen national erbauliche Inhalte bringen, dann sitzen eben auch die Wahnwichtel in der ersten Reihe.

Dürfen Experten so viel verdienen?

Nur kurz haben diese Leute aufgemuckt: Als der Mediendienst "kress.de" Anfang der Woche meldete, dass Moderatoren wie Mehmet Scholl und Oliver Kahn angeblich nicht unerhebliche Summen (es wurde von sechs- bis siebenstelligen Gehältern gesprochen) für ihre Expertentätigkeit verdienten. Zwar folgte alsbald das Dementi, aber die Wut war zu dieser Zeit schon in der Welt.

Eine kurze aber hässliche Neiddebatte entfaltete sich: Dürfen „Experten“ überhaupt so viel verdienen? Und: Sollten ehemalige Topverdiener wie die beiden oben genannten Fußballer auch nach ihrer Karriere noch mit hohen Summen aus den Gebührentöpfen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bezahlt werden?

scholl kahn
(Scholl und Kahn im Jahr 2004 im Dienst des FC Bayern)

Reflexhaft schießt es aus den GEZ-Hassern heraus: „Die Lügenmedien verschwenden meine hart verdienten Gebührengelder!“

Und dann kehren sie wieder zurück auf die Couch. Das EM-Viertelfinale ruft.

Eigentlich wollen doch alle die große Gebührenverschwendung

Im Ernst: Tatsächlich wollen selbst die strammsten GEZ-Gegner während der großen Turniere, dass ihre Gebühren baggerschaufelweise in den Schlund des Fußballsystems befördert werden.

Kaum ein GEZ-Feind ist so konsequent zu fordern, dass ARD und ZDF gefälligst das Fußballübertragen sein lassen sollten. Während der Europameisterschaft wird gerne einmal darüber hinweg gesehen, was andernfalls so scharf kritisiert wird.

Das fängt im Großen an: Für die Übertragungsrechte zur Europameisterschaft 2016 haben ARD und ZDF zwischen 160 und 180 Millionen Euro an die UEFA überwiesen. Das sind bis zu 60 Millionen Euro mehr als noch im Jahr 2012.

Anders ausgedrückt: Pro Haushalt sind das etwa vier Euro – gut ein Viertel eines vollen Monatsbeitrags. Kein anderes Fernsehereignis ist teurer als die Übertragung eines großen Fußballturniers.

Lieber noch ein Pool-Interview

Das merkt man übrigens bisweilen auch an der Art und Weise, wie ARD und ZDF über die deutsche Nationalmannschaft berichten. Kritische Nachfragen sind bei den Übertragungen aus dem DFB-Mannschaftsquartier so selten wie Wärmflaschen in der Wüste.

Und wenn es doch einmal ein TV-Reporter wagt, den Spielern auf den Zahn zu fühlen, wird er von den Betroffenen geradezu hysterisch abgewatscht. Man erinnere sich an den Ausraster von Per Mertesacker, der nach dem Gurken-Spiel gegen Algerien bei der WM 2014 vorsichtig gefragt wurde, warum das deutsche Spiel so „schwerfällig“ gewesen sei. Für die darauf folgende Medienbeschimpfung wurde Mertesacker tagelang in den sozialen Netzwerken gefeiert.

Diese Episode zeigt: Deutsche Fans wollen die große Fußballparty mit Trallala und gefälligen Pool-Interviews haben. Und die Öffentlich-Rechtlichen tun ihnen nur allzu gerne diesen Gefallen. Das Investment in die Ware Fußball soll sich schließlich durch hohe Einschaltquoten bezahlt machen.

Mehmet Scholl ist in diesem System jeden Euro wert

Und da wären wir auch schon bei Mehmet Scholl und dessen angeblich zu hohen Honoraren. Der ehemalige Bayern-Profi passt perfekt in dieses Fußballfest-System. Vor etwa zwei Jahrzehnten wurden die kritischen Journalisten unter den Sportmoderatoren von den öffentlich-rechtlichen Sendern ins Abseits geschoben.

Mittlerweile tendieren ARD und ZDF dazu, selbst die Dauerbegeisterten unter den Journalisten durch Ex-Profis zu ersetzen.

Das führt zu absurden Situationen: Als in der Vorrunde beim Spiel gegen die Ukraine in Lille deutsche Hooligans durch die Innenstadt marodierten, bekam man davon bei Scholl und seinem Ping-Pong-Partner Gerhard Delling kaum etwas mit. Die Zeichen standen auf Party.

Genau das ist es, was die Zuschauer sehen wollen. Insofern wäre es legitim zu sagen, dass Mehmet Scholl jeden einzelnen Cent wert ist. Er macht seinen Job sehr unterhaltsam. Wahrscheinlich gibt es derzeit kaum einen Ex-Profi, der Spiele ähnlich flockig kommentieren kann. Und bisweilen sind bei ihm sogar kritische Töne zu hören - auch wenn er die stets jovial verpackt.

Er ist der Mann, der die Party in Worte fasst. Und, mal ehrlich: Genau das ist es doch, was die Gebührengegner in Stunden nationaler Begeisterung sehen wollen. Da hat dann auch der GEZ-Hass für den Rest des Turniers wieder Sendepause.

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