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So versagen Regierung und Industrie: Forscher fürchten Millionen Tote jährlich wegen fehlender Antibiotika

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BAKTERIEN
Bei immer mehr Keimen wirken Antibiotika nicht oder zumindest nicht mehr zuverlässig. | Sean Gallup via Getty Images
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  • Tausende Deutsche sterben schon heute wegen fehlender Antibiotika
  • Studie warnt: Europa steuert auf ein neues "Mittelalter" zu. Einfachste Operationen könnten bald lebensgefährlich sein
  • Pharmakritiker sehen die Schuld bei der Regierung und der Industrie
  • Nun schaltet sich nach HuffPost-Informationen der Deutsche Ethikrat ein

Es war ein düsterer Ausblick in die Zukunft, den britische Forscher Ende Mai der interessierten Öffentlichkeit gaben: Wenn die westlichen Regierungen und die globale Pharmaindustrie nicht reagierten, könnten künftig zehn Millionen Menschen pro Jahr an Infektionen durch antibiotikaresistente Bakterien sterben.

Zahl der Opfer multiresistenter Keime soll sich bis 2050 verzehnfachen

Die Ergebnisse der Studie im Auftrag der britischen Regierung sind schockierend: Bereits heute kommen demnach 700 000 Menschen pro Jahr durch die Ansteckung mit resistenten Keimen ums Leben. Im Jahr 2050 könnten es zehnmal so viele sein.

Sollten Antibiotika wegen der Immunität der Erreger ihre Wirksamkeit verlieren, könnten bereits eigentlich harmlose Operationen oder chirurgische Eingriffe zu gefährlich werden, heißt es in der Forschungsarbeit.

Für Studienleiter Jim O'Neill ist klar: "Wenn wir das Problem nicht lösen, steuern wir auf das Mittelalter zu."

In Deutschland bereits 6000 Tote jährlich

In Deutschland haben die Mediziner von Garmisch bis Flensburg zumindest jetzt noch eine Handvoll wirksamer Breitband-Antibiotika im Panzerschrank. Doch Schätzungen zufolge sterben auch hierzulande jährlich bereits 6000 Menschen, schlicht weil die Bakterien-Killer ihren Dienst versagen.

Für Christiane Fischer, Geschäftsführerin des pharmakritischen Ärzteverbands Mezis, ist klar: „Wir haben ein Problem.“

Manche Ursachen für Resistenzen sind hinlänglich bekannt. Nach Einschätzung von Experten werden die Antibiotika schlicht zu häufig verschrieben. „Etwa, bei einer Viruserkrankung, wo sie sie definitiv nicht wirken“, sagt Fischer.

Ein Riesenproblem ist auch die Massentierhaltung. Denn bestehende Resistenzen bei Tieren können auf Menschen übergreifen.

Pharmakritikerin: "Den Konzernen geht es nur um ihren Profit"

Doch Fischer gibt auch der Pharmabranche eine große Mitschuld an der Misere. „Den Unternehmen geht es ausschließlich um ihren Profit“, sagt sie der Huffington Post. Deshalb forschten sie zu wenig an den mitunter wenig rentablen Wirkstoffen.

Fakt ist: Nur mehr sechs der weltweit 50 größten Pharmakonzerne entwickelten zuletzt noch Antibiotika, 1990 waren es noch 18.

Eine Vielzahl an Herstellern stellten die Herstellung von Antibiotika bereits in den 1990er-Jahren ein. Der Mega-Konzern Pfizer machte 2011 seine Forschungsabteilung dicht – zu unrentabel, so die Begründung.

Auch in Deutschland machen Konzerne Forschungsanlagen dicht

Eine der wenigen Produktionsstätten für Penicillin in Europa befindet sich heute noch in Frankfurt. Doch Sandoz hat den Standort aufgrund des Preisverfalls für den Wirkstoff jüngst verkauft.

Die Folgen der Entwicklung sind für Millionen Patienten spürbar. Pharma-Kritikerin Fischer zufolge stammt etwa das jüngste Antibiotikum zur Behandlung von Tuberkulose (TBC) aus dem Jahr 1964. Mit den aktuell verfügbaren Präparaten dauere die Behandlung rund ein halbes Jahr. Ein halbes Jahr, in dem die Patienten oft leiden müssen.

Fischer: "Pharmakonzerne verdienen an möglichst langer Behandlung"

Fischer fürchtet, dass irgendwann gar kein Antibiotikum mehr gegen TBC wirke. Doch die Unternehmen forschten nicht. „Schließlich verdienen sie ja an einer möglichst langen Behandlung“, sagt die Medizinerin, die auch Mitglied des Deutschen Ethikrats ist.

Fischer zufolge betrifft das Problem nicht nur Antibiotika. Vier von fünf der als neu auf den Markt gebrachten Medikamente seien Schein-Innovationen oder Lifestyle-Produkte. Doch bei den Antibiotika sind die Folgen besonders schlimm.

Der Mangel an geeigneten Medikamenten sorge dafür, dass viele Deutsche nicht behandelt werden könnten, so Fischer.

Kranke Kinder: Beten, dass das Antibiotikum wirkt

Klar ist: Bei schweren Infektion ihrer Kinder, insbesondere einer Sepsis, können Eltern schon heute manchmal nur beten, dass das verschriebene Antibiotikum auch tatsächlich hilft.

„Die Pharmabranche und auch die Bundesregierung sind Schuld an einem Mangel an Forschung“, ärgert sich Fischer. Die Politik müsse umdenken.

Die deutschen Medikamentenhersteller weisen derlei Unterstellungen unisono zurück. Doch auch Rolf Hömke, Forschungssprecher des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA), analysiert im Gespräch mit der Huffington Post: „Es gibt ein Problem bei der Antibiotika-Entwicklung.“

Nach einer Durststrecke in den 2000er-Jahren werde jedoch wieder „verstärkt geforscht“. Heute seien allerdings „mehr kleine und mittelständische Unternehmen in diesem Bereich aktiv.“ Auch völlig neue Antibiotika gegen TBC seien anders als von Fischer behauptet, in den vergangenen Jahren entwickelt worden.

Hömke verweist auf eine Verbands-Statistik, der zufolge in den vergangenen Jahren wieder mehr Antibiotika in Deutschland auf den Markt kamen. Immerhin: Zehn neue Antibiotika wurden laut VFA in diesem Jahrzehnt in Deutschland eingeführt.

Hersteller fordern mehr staatliche Förderung

Das ist bereits eines mehr als im vergangenen Jahrzehnt. Weitere sechs sollen bis Ende 2019 hinzukommen. Zum Vergleich: In den 1990er-Jahren kamen noch 22 auf den hiesigen Markt.

Doch auch dieser Wert würde nicht reichen: Denn die Zahl der resistenten oder sogar multiresistenten Keime stieg zuletzt massiv an – es müsste noch weit mehr geforscht werden.

Der VFA fordert deshalb eine noch bessere Förderung bestehender und Einrichtung neuer Public Private Partnerships. So arbeitet etwa das öffentlich-rechtliche Fraunhofer-Institut bereits heute bei der Antibiotika-Forschung eng mit der Pharmaindustrie zusammen.

Ein weiterer Wunsch des Verbands: Bereits während der Entwicklung eines Problemkeim-Antibiotikums solle dem forschenden Unternehmen für den Fall einer Zulassung, „die Abnahme eines bestimmten Kontingents zu einem garantierten Preis“ zugesichert werden.

Deutscher Ethikrat will sich nun dem Thema annehmen

Auch Pharma-Kritikerin Fischer glaubt, dass es Wege aus der Misere gibt. Einer könne die weitgehende Abschaffung von Patenten bei Medikamenten sein. Stattdessen sollten die Firmen mit hohen staatlichen Preisgeldern dazu gebracht werden, „die tatsächlich fehlenden Medikamente, etwa im Antibiotika-Bereich, zu entwickeln“.

Zudem könnten in Fischers Idealmodel die Krankenkassen festlegen, welche Medikamente wirklich benötigt werden. „Für unnötige Dinge kann die Zahlung von den Kassen verweigert werden.“ Gebe es keine Patente, werde der freie Markt für günstige Generika sorgen, so Fischer.

Doch kommt nun nach Jahren des Stillstands endlich Bewegung in die festgefahrene Situation? Der Deutsche Ethikrat will sich nach Informationen der Huffington Post nun mit dem Problem der zunehmenden Antibiotika-Resistenzen beschäftigen. Das Gremium berät den Gesetzgeber etwa bei wissenschaftlichen Themen – seine Stimme hat im politischen Diskurs durchaus Gewicht.

Klar ist: Die Uhr tickt. Doch noch können Regierung und Unternehmen verhindern, dass wir alle irgendwann im medizinischen Mittelalter aufwachen.


Kindern helfen

Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder in Deutschland sind so arm, dass ihre Eltern sich nicht einmal eine warme Mahlzeit leisten können. Ihnen hilft das Deutsche Kinderhilfswerk mit Kinderhäusern. Hier können die Kinder in Ruhe essen, Hausaufgaben machen und sogar an Kochkursen teilnehmen. Das ist nur mit Spenden möglich.

Die Wirtschaftskrise in Griechenland trifft Kinder ganz besonders. Der Verein KRASS e.V.“ möchte den Kindern in Athen und wo immer möglich in Griechenland, eine Auszeit mit Spiel, Kunst und Spaß unter professioneller Begleitung ermöglichen.”Details findet ihr hier.

Ihr könnt auch einfach Zeit spenden: Als Vorlesepate von Kindern im Raum Stuttgart bei Leseohren e.V.

Oder ihr werdet gleich Pate für ein Kind und schenkt ihm ein Stück unbeschwerte Freizeit: Solche Paten vermittelt zum Beispiel das Projekt Biffy Berlin.