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Nach Brexit-Votum: Blumen und Nächstenliebe gegen Fremdenhass

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BLUMEN GEGEN FREMDENHASS
Nach EU-Referendum: Kinder und Eltern in Großbritannien verteilen Blumen gegen Fremdenhass | Yusuke Murata via Getty Images
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Menschen aus allen Teilen des Landes beweisen Einwanderern, dass sie in Großbritannien willkommen sind, auch nachdem sich das Land in einem Referendum dafür entschieden hat, die EU zu verlassen und rassistisch-motivierte Straftaten seitdem erschreckend angestiegen sind.

Von Kindern, die in Bristol Blumen verschenken bis hin zu Dutzenden von Karten, die an ein polnisches Zentrum geschickt wurden, das am Wochenende zur Zielscheibe von fremdenfeindlichen Angriffen geworden war – die Einwohner Großbritanniens wachsen über sich hinaus, um Menschen aus anderen Kulturkreisen ein Willkommensgefühl zu vermitteln.

Zunahme rassistisch motivierter Straftaten

Gleichzeitig berichtete die Polizei, dass fremdenfeindlich motivierte Straftaten, die der Polizei gemeldet wurden, von Donnerstag bis Sonntag um 57 Prozent angestiegen waren, im Vergleich zu dem gleichen Zeitraum vier Wochen zuvor.

Nach diesem Anstieg befand sich die Metropolitan Police in erhöhter Alarmbereitschaft bezüglich rassistisch motivierter Taten.

Schulkinder verteilen Blumen

In Bristol aber, das mit 61,7 Prozent für einen Verbleib in der EU gestimmt hatte, verteilten Schulkinder Blumen an Passanten und unterstrichen mit dieser Geste der Freundlichkeit das Ergebnis der Stadt.

In Aufnahmen der BBC Points West erzählt ein Schüler: "Jemand hat uns umarmt, wir haben viele lächelnde Gesichter gesehen, das ist toll!"

Ein anderer Schüler sagte: "Wenn jemand keine Blume möchte, dann ist das auch in Ordnung, denn wir haben uns zumindest bemüht, dem Menschen eine Freude zu bereiten."

Kinder von acht Schulen der Stadt beteiligten sich am Wochenende an der Aktion.

Anschlag auf ein polnisches Gemeindezentrum

In London erhielt ein polnisches Gemeindezentrum hunderte Blumen und Karten, nachdem es Zielscheibe eines fremdenfeindlichen Anschlags geworden war.

Die Türen der Polish Social and Cultural Association (POSK) in Hammersmith wurden am Sonntag mit dem Schriftzug "FUCK YOU" beschmiert.

Seit diesem Anschlag aber wurde das Zentrum mit Unmengen an Blumen, Karten und unterstützenden Nachrichten überschüttet. Auch Schulkinder und Familien sind gekommen, um dem Zentrum ihre Unterstützung zuzusichern.



"Gestern war ich wirklich entsetzt, aber das hier ist wunderbar", sagte ein Empfangsmitarbeiter des Zentrums gegenüber dem "Guardian". "Menschen aus England kommen vorbei und entschuldigen sich für die Dummheit eines Einzelnen.“

In einer der Karten steht geschrieben:

"Liebe polnische Freunde, wir möchten Euch wissen lassen, wie leid es uns tut, dass Euer Gebäude mit so einer verletzenden Nachricht beschmiert wurde. Es ist deprimierend genug, dass Großbritannien (oder zumindest ein Teil) die EU verlassen wird. Dass das Ergebnis des Referendums von einigen als Freifahrtschein interpretiert wird, ihrem Rassismus und ihrer Fremdenfeindlichkeit so Ausdruck zu verleihen, ist wirklich ein Albtraum."

Blumen als Zeichen der Solidarität

Eine kleine Gruppe von Eltern der Northampton Primary School wird in den nächsten Tagen Müttern und Vätern als eine Geste der Solidarität Blumen überreichen.

Auch die Eltern von Kindern der Cedar Road Primary School wollen Blumen verteilen, nachdem Northampton mit überwältigender Mehrheit für ein Verlassen der EU gestimmt hat.

"Keiner sollte jetzt ausgeschlossen werden. Wir wollen einfach jeden wissen lassen, dass wir alle gleich sind", sagte eine Beteiligte Mutter gegenüber dem Northampton Chronicle. "Über viele Dinge wurde von vielen Seiten vieles gesagt. Wir müssen jetzt einfach weitermachen."

Zahl fremdenfeindlicher Übergriffe seit Brexit-Votum angestiegen

Eine detaillierte Liste von Tell MAMA, einer Gruppe, die islam-feindliche Übergriffe auswertet, deckte auf, dass die Zahl fremdenfeindlicher Übergriffe seit der Veröffentlichung des Ergebnisses des Referendums angestiegen ist.

"Das Brexit-Votum scheint die Vorurteile mancher Menschen zu legitimieren bis hin zu dem Punkt, an dem sie Menschen, auf der Straße verbal und tätlich angreifen, die offensichtlich anders sind", sagte Fivaz Mughal, Gründer und Direktor von Faith Matters. "So ist England im Jahr 2016 und das ist absolut inakzeptabel."

Die Vorfälle häufen sich

Zu den Beispielen von fremdenfeindlichem Verhalten, die dokumentiert wurden, gehören z.B. ein Taxifahrer, der einer muslimischen Frau sagt, er habe für ein Verlassen der EU gestimmt, um "Menschen wie dich loszuwerden."

Andere Menschen berichteten, dass ihnen Schimpfwörter nachgerufen wurden und dass sie tätlich angegriffen wurden.

Am Dienstag übertrug die BBC den Moment, als die BBC-Journalistin Sima Kotecha in ihrer Heimatstadt Basingstoke von einem Brexit-Wähler beschimpft wurde.

Kotecha war geschockt, als sie mit Brexit-Wählern in ihrer Heimatstadt in Hampshire sprach, wo sich 52 Prozent der Menschen dafür ausgesprochen hatten, die EU zu verlassen.

Die Polizei fahndet nach einer Gruppe von Teenagern, die gefilmt wurden, wie sie einen Passagier mit dunklerer Hautfarbe in einer Tram in Manchester am Dienstag rassistisch beschimpften.

Das Handy-Video zeigt drei angetrunkene Jugendliche, die einem Passagier "Geh zurück nach Afrika!“ entgegenbrüllen, nachdem er sie gebeten hatte, nicht mehr laut zu fluchen.

Einer der Jungs in der Tram brüllt den Mann, der mit amerikanischem Akzent spricht, an: "Steig aus dem Zug aus, ich mache dich fertig, ich mache euch alle fertig."

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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