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"Der Bergdoktor": Wilder Kaiser rezeptfrei

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Der Eisenmann Peter, der formatfüllend in der hölzernen Tür des Gruberhofs lehnt, ist das, was man umgangssprachlich ein "gstandenes Mannsbild" nennt: Haferlschuhe, stramme Waden, Lederhose und über dem grauen Vollbart thront ein Tirolerhut. Zwei Dutzend Touristen, allesamt vom "Bergdoktor"-Virus befallen, hängen an seinen Lippen. Denn dort, wo er steht, geht im Fernsehleben Dr. Martin Gruber aus und ein. Und wer mit dem zweiten Auge besser sieht, der weiß natürlich, dass im Gruberhof auch Mutter Lisbeth, Bruder Hans und Tochter Lilli zuhause sind. Im vergangenen Jahr waren es wöchentlich knapp sieben Millionen, die über die Heilmethoden des "Bergdoktors" und der heilen Welt unter dem Wilden Kaiser auf dem Laufenden gehalten werden wollten. Das macht die ZDF-Serie zum erfolgreichen Beitrag abendlicher Fernsehunterhaltung und deren Originalschauplätze zum Ziel zahlreicher Urlauber, die es ganz genau wissen wollen. Eine Fan-Gemeinde auf den Spuren von "Der Bergdoktor".

Da sind sie beim Eisenmann Peter genau richtig. Zwischen Mai und Oktober hat der 56-Jährige bei der täglichen Traktorfahrt einen Hänger im Schlepptau, in dem sich erwartungsvolle Filmtouristen bis auf 1.000 Meter hinauf zum Gruberhof ziehen lassen. Dort wird der Peter - im Hauptberuf Besitzer des zufällig gleichnamigen Alpengasthofs ein paar Kurven weiter - zum Entertainer. Selbstironisch witzig wegen seiner Leibesfülle ("Seit ich kein Laiendarsteller mehr bin, müssen sie mich durch zwei Statisten aus der Schauspielschule ersetzen"), intimer Kenner von Drehtricks ("Weil die Sonne hinterm Hof aufgeht, frühstückt der Bergdoktor immer erst am frühen Nachmittag") oder geheimnisvoller Wissender von noch nicht ausgestrahlten Folgen. "So viel kann ich euch sagen: Die Chefin wird krank und der Bergdoktor heiratet immer noch nicht." Was eine rüstige Dame aus dem Publikum leicht entrüstet: "Jetzt verraten Sie uns doch nicht so viel", protestiert sie, "das wollen wir doch selbst sehen!" Man sieht: Er hat's nicht leicht, der Eisenmann Peter. Aber dank seiner gelungenen Mischung aus kernigen Sprüchen, Einblicken hinter die Drehkulissen und geheimnisvollen Andeutungen sind nach eineinhalb Stunden alle zufrieden, als sie am "Bergdoktor"-Parkplatz der Talstation Söll aussteigen.

Alle bisherigen Staffeln von "Der Bergdoktor" können Sie hier bestellen

Die zehnte Staffel "Der Bergdoktor" wird gerade gedreht

Aktuell wird bereits die zehnte Staffel von "Der Bergdoktor" am Wilden Kaiser gedreht, erstaunlich für eine TV-Serie. Verblüffend und faszinierend zugleich aber ist, wie sich an ihren Original-Schauplätzen alles mischt: Der Stoff, aus dem die Heile-Welt-Träume sind und eine verschwenderisch schöne Natur als perfekte Kulisse. Ellmau, Going, Scheffau und Söll dürfen sich "Bergdoktor"-Region nennen. Zu verdanken haben sie das der Magie des Wilden Kaisers, dessen unverwechselbare Zinnen greifbar nahe in den idealerweise blauen Himmel ragen - optisch ähnlich dominant wie das Matterhorn im schweizerischen Zermatt.

"Tirollywood" haben kreative Wortakrobaten diese filmreife Landschaft getauft, in der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Beim Tourismusverband Wilder Kaiser etwa gab es den einen oder anderen besorgten Anrufer, der sich vor seiner Anreise nach Schutzimpfungen erkundigte, weil es in der Region doch so eigenartige Krankheiten gäbe. Allerdings droht Ansteckungsgefahr, wie am Beispiel jener älteren Dame deutlich wird, die den Ort des Urlauberservice in Ellmau betrat und ultimativ drohte: "Ich bleibe so lange, bis ich den Bergdoktor getroffen habe." Ein paar Tage später, bei der Ellmauer Sommernacht, stand Dr. Martin Gruber, im wahren Leben Hans Sigl, tatsächlich neben ihr. Pech für die resolute Sommerfrischlerin: Sie erkannte ihren Fernsehhelden nicht.

Den Schauspielern nicht zu begegnen, ist fast ein Kunststück. Wer Glück hat - und sie identifiziert - trifft sie während der Dreharbeiten. Ganz sicher kommt man den Darstellern während der zweimal jährlich stattfindenden "Bergdoktor"-Wochen im Mai und September nahe - mit gemeinsamem Fantag als Highlight. Für alle anderen steht "Der Bergdoktor" in Lebensgröße als sympathisch lächelnde Pappfigur an diversen Orten.

Wanderung zu den Drehorten mit 160 Filmfans

Einer, der vom Regisseur über die Darsteller bis hin zu den Statisten alle kennt, ist Peter Moser (54). Der sportliche Tiroler ist der Filmexperte im Tourismusbüro. Aber nicht nur das. Im Sommer begleiten ihn alle 14 Tage Fans zur von ihm geführten Filmwanderung zu allen Drehorten der Region. Das sind 14 Kilometer voller interessanter Geschichten, weshalb die Wandergruppe bis zu 50 Filmfans stark ist. "Bei den Bergdoktor-Wochen", erzählt Moser, "waren es 160 Teilnehmer. Da brauchte ich dann ein Megaphon." Aber es geht nicht nur um den TV-Arzt. Gut ein Dutzend Produktionen kamen in den letzten Jahren unter dem Wilden Kaiser in den Kasten. "Sing meinen Song - das Weihnachtskonzert" etwa oder "Heimkehr mit Hindernissen", mit Hans Hinterseer in der Hauptrolle. Auch Werbespots waren dabei, zum Beispiel für das Weißbier aus Erding.

Peter Moser ist nicht nur als Super-Jodler bekannt, sondern als wanderndes Filmlexikon. Er erinnert sich: "Anfangs war ich als Location-Scout unterwegs und habe in der Bevölkerung nach Statisten gesucht. Mittlerweile kennt sich die Produktionscrew besser aus als ich, und wenn wir über eine Rundmail Statisten suchen, sind am nächsten Tag drei- bis vierhundert Leute am Start." Stolz ist Peter Moser, wie die meisten der rund 2.500 Ellmauer, auf den "Bergdoktor". Vor allem darauf, dass sich die Region über die Serie der ganzen Welt präsentieren kann. In 13 Ländern wird sie gezeigt, darunter in den USA und in Kanada. "Und einer der größten Fans", verrät er, "ist ein Herzchirurg aus Texas. Sein größter Wunsch war ein Besuch am Set." Am Ende durfte ein überglücklicher Dr. Yusuke Yahage aus Amerika nicht nur seinem Pseudokollegen Dr. Martin Gruber bei der Arbeit zusehen, er bekam auch noch eine kleine Nebenrolle.

Mit Marina und Serion auf Kutschenfahrt

Bei Franz Köck, dem 54-jährigen Landwirt und Besitzer des Pferdebauernhofs Achlhof, spielen Marina und Serion die Hauptrolle. "Gemma, auf geht's!", treibt Kutscher Köck die beiden Haflinger an, Zugpferde einer weiteren Attraktion: der "Bergdoktor"-Kutschenfahrt. Montags ziehen sie die Filmtouristen zum Hauptdrehort, dem Kirchplatz in Going. Und jeden Mittwoch ist der Gasthof Wilder Kaiser das Ziel, wo in der Serie die attraktive Natalie O'Hara die Wirtin Susanne Dreiseitl mimt und es im wahren Föhrenhof einen wunderbaren Kaiserschmarrn gibt. Wie so viele Einheimische ist auch für Franz Köck die ZDF-Serie ein Segen: "Ich werde immer öfter privat gebucht und bin fast jeden Tag auf Bergdoktor-Tour."

Die letzte Station auf den Spuren des Alpenarztes: Faistenbichl 15, Ellmau. Jeden Dienstag und Freitag ist die Ordination des Mediziners zwischen 10 und 12 Uhr für ein neugieriges Fernsehpublikum geöffnet. Zwar steht "Dr. med. Roman Melchinger" auf goldglänzendem Messing, aber der Vorgänger und weise Ratgeber des aktuellen Doktors muss nur deshalb herhalten, weil das Martin-Gruber-Schild schon dreimal von Souvenirjägern abgeschraubt wurde. Jetzt geben sich "Bergdoktor"-Fans die Klinke in die Hand, um zu sehen, wo ihr Lieblingsarzt jene Entscheidungen trifft, nach denen am Ende (fast) alles gut wird. Und damit man die für eine Arztpraxis eher karg antiquarisch eingerichteten beiden Räume in guter Erinnerung behält, gibt es vor dem unbewohnten Bauernhof Hinterschnabl, wie er richtig heißt, seit einigen Wochen einen schmucken Souvenirstand mit "Bergdoktor"-Andenken. Poster, DVDs, Haferltassen, Hörbücher und sogar eine Pflasterbox - es fehlt an nichts.

Ein Glücksfall, dass diese Ferienregion zur beliebten Filmlandschaft wurde. Wobei das Glück einen Namen hat: Wilder Kaiser, mit unzähligen weiteren "Bergdoktor"-Aktivitäten. Dieses Wahrzeichen und die ihn umgebende betörend schöne Natur sind in der Realität faszinierender, als sie je ein Film zeigen könnte. Deshalb haben sich Ellmau, Going, Scheffau und Söll ihre Identität bewahrt, mit all ihren Möglichkeiten, die sie im Sommer wie im Winter bieten. Auf der gemütlichen zweistündigen Wanderung zur Rübezahl-Alm etwa, die über den Brandstadl Scheffau, über den Hartkaiser und den Rübezahlschnitzweg zum Ziel führt, sind grandiose Aussichten nahe und ein Arzt weit weg. Das Schlimmste, was einem dort oben zustoßen kann, ist, dass man sich am nur 1,50 Meter hohen Eingang der Rübezahl-Alm eine Beule am Kopf holt. Aber selbst wenn: Fragen Sie nicht Ihren Arzt oder Apotheker - konsultieren Sie "den Bergdoktor".