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Der Brexit ist erst der Anfang - so gefährdet das Medienversagen Europas Demokratien

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BREXIT DEMAGOGEN
Die Medienkrise gefährdet zunehmend Europas Demokratien | Reuters
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  • Das Brexit-Referendum zeigt eindrücklich Europas größtes Problem
  • Viele Menschen sollen über Dinge abstimmen, von denen sie nur wenig wissen
  • Schuld an der Misere ist nicht zuletzt die sich verschärfende Medienkrise

"Die Entscheidung war so schwierig. Keiner hat einem gesagt, was wirklich Sache ist“, sagte eine junge Engländerin einen Tag nach dem Brexit bei einer Straßen-Umfrage in die Kamera.

Offenbar erging es so manchem Wahlberechtigten auf der Insel so wie ihr. "Viel Getöse, wenig Informationen“, fasste der Nachrichtensender "N24“ die britische Berichterstattung über den Brexit-Wahlkampf richtig zusammen.

Die Brexit-Entscheidung zeigt deutlich, wo die wohl größte Gefahr für Europas Demokratien liegt. Zwar dürfen die Menschen in vielen Ländern über immer mehr Dinge direkt per Volks- oder Bürgerentscheid abstimmen. Doch sind sie ausreichend informiert?

Falsche Aussagen werden ungeprüft wiedergegeben

Zahlreiche britische Zeitungen und Online-Medien verbreiteten vermeintliche Fakten der Brexit-Befürworter – oft ohne jede Einordnung. Etwa das Märchen, die britische Wirtschaft werde nach dem EU-Austritt erst richtig aufblühen, schließlich sei man dann ja die lästige Brüsseler Bürokratie los.

Dass dies hanebüchener Unsinn ist, weiß jeder englische Unternehmer, der bereits Geschäfte mit Staaten außerhalb der EU macht. Der Papierkram und die Kosten für den Export von Produkten sind meist enorm. Doch davon erfuhren viele Briten schlicht nichts.

Vor allem die Blätter des Medien-Moguls Rupert Murdoch machten massiv Stimmung für den Austritt aus der Europäischen Union. Hier zeigte sich einmal mehr, wie gefährlich eine zu starke Medienkonzentration sein kann.

Doch schon lange vor der Brexit-Diskussion kamen Presse, Rundfunk und Online-Medien auf der Insel ihrer Informationspflicht nicht mehr ausreichend nach. Millionen Briten vertrauen der „Sun“, „Daily Mirror“, "Daily Express" und anderen Revolverblättern.

Zugleich lesen immer mehr Briten gar keine Zeitung oder News-Seite mehr, bekommen die Nachrichten nur noch via Facebook vermittelt. Die Meldungen sind dann genau so gefiltert, dass sie die ohnehin schon bestehende, oft wenig fundierte Meinung, der Leser weiter verstärken.

Lange Beine statt lange Diskussionen

Und die noch bestehenden Qualitätsmedien auf der Insel haben spürbar Personal abgebaut: Auflagenschwund und zurückgehende Anzeigenerlöse sorgten in den vergangenen Jahren dafür, dass immer weniger Journalisten das Nachrichtenangebot erstellen. Recherche und fundierte Hintergrund-Berichterstattung kommen immer häufiger zu kurz.

Der „Independent“ stellte zuletzt sogar seine gedruckte Ausgabe komplett ein. Auch die BBC muss massiv sparen.

Das Brexit-Votum offenbart ein Versagen vieler britischer Medien. Doch sind die Bürger in anderen Staaten bei solch wichtigen Entscheidungen stets ausreichend informiert?

Berechtigte Zweifel sind angebracht. Bei Parlamentswahlen in vielen EU-Staaten zeigt sich Demoskopen zufolge immer wieder, dass weite Teile der Wähler das Programm der Partei, für die sie stimmen, oft überhaupt nicht kennen.

Berlusconi war ein Meister der Medien-Manipulation

Eine ausgewogene Medienberichterstattung ist deshalb ebenso wie ein vernünftiges Bildungssystem die wesentliche Voraussetzung für einen mündigen Bürger. Was passiert, wenn Seifenopern Qualitäts-Journalismus ersetzen, zeigt das Beispiel Italien. Dort hat das Volk ein ums andere Mal einen lüsternen, vorbestraften und international kaum vorzeigbaren Silvio Berlusconi zu seinem Regierungschef gemacht.

Eine wichtige Ursache für diese irrationale Entscheidung: Der Berlusconi-Clan kontrollierte in dem TV-verrückten Land lange Zeit weite Teile des staatlichen und privaten Fernsehens. In deren Sendungen standen neben Berlusconi-Monologen vor allem lange Beine statt langen Polit-Debatten im Vordergrund.

Auch in anderen Staaten wie Ungarn, der Ukraine oder Griechenland sind die freie Presse und der Rundfunk in weiten Teilen längst zur Beute von autoritären Regierungschefs oder korrupten Oligarchen geworden.

In vielen anderen Ländern mussten die Qualitätsmedien, insbesondere im Print-Bereich, oft massiv Personal abbauen. Und im Internet haben die meisten Verlage noch immer kein vernünftiges Konzept gefunden, um rechercheintensiven Journalismus in Zeiten der Kostenlos-Kultur auch bezahlbar zu machen.

Vor allem Populisten profitieren, wenn die Wähler nicht gut informiert sind

Populisten profitieren davon. Denn, sind die Wähler gut informiert, fallen sie weniger wahrscheinlich auf rechte Demagogen herein. Kaum ein Arbeitsloser dürfte AfD wählen, wenn er weiß, dass genau diese Partei den Sozialstaat abbauen möchte.

In Deutschland ist die Situation vieler Medien im internationalen Vergleich aber sogar noch verhältnismäßig gut. Doch auch hierzulande nimmt die Arbeitsverdichtung in den Redaktionen seit langem zu: Zwischen 2000 und 2012 ging dem Bildungswerk der Zeitungen zufolge bundesweit etwa jede achte Redakteurs-Stelle verloren.

Bereits 2010 klagten bei einer Online-Befragung zwei Drittel der teilnehmenden Journalisten, es mangle an Zeit für Recherche. Auch Kommunikationsforscher gehen davon aus, dass die Recherchezeit deutscher Redakteure seit der Jahrtausendwende spürbar gesunken ist. Bereits von Anfang der 1990er bis 2002 soll die tägliche Recherche-Zeit deutscher Journalisten um ein Viertel auf im Schnitt 90 Minuten gesunken sein.

Recherchezeit spürbar gesunken

Zudem hat der Leser bei der Lokalberichterstattung oft keine echte Auswahl, wie er sich informieren möchte. In sechs von zehn bayerischen Landkreisen gab es 2012 es nur mehr eine Zeitung. Die Demokratie vor Ort kann ohne vernünftigen Journalismus jedoch nicht funktionieren.

Philipp Jakob Siebenpfeiffer, einer der großen Vorkämpfer der Pressefreiheit, verglich Zeitungen einmal mit Bäckereien. Das Versiegeln von Druckerpressen sei genauso verfassungswidrig wie das Versiegeln von Backöfen, ließ er die Staatsmacht kurz nach dem Hambacher Fest 1832 wissen.

Doch mehr als 180 Jahre später droht auch die Glut der freien Presse mancherorts in Deutschland zu erlöschen.

Trump ist ein Gewinner der Medienkrise

Wohin ein Versagen des Journalismus führen kann, zeigt nicht nur der Brexit, sondern auch die jüngste Entwicklung in den USA: Dort sind die Bäckereien der Demokratie, die eigentlich das tägliche Brot der politischen Meinungsbildung backen sollen, zu einem großen Teil längst zu anonymen Medienfabriken verkommen. Eine wachsende Zahl von Amerikanern informiert sich nur mehr über Facebook oder durch sogenannte Nachrichtensendungen wie Fox News, die schon einmal die UN und die EU verwechseln.

Nun droht dort ein Irrer namens Donald Trump, Präsident zu werden.

Davon ist Großbritannien noch weit entfernt: Doch Dank des Versagens vieler Medien, hat in London nun der Populist Boris Johnson Chancen, neuer Premier zu werden.


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößern sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder aus sozial schwachen Familien haben niemanden, der sich um ihre alltäglichen Sorgen kümmert. Ein Blick auf die Hausaufgaben, Konflikte mit Freunden - oder Gesundheitsprobleme: In dem Münchner Projekt Lichtblick Hasenbergl unterstützen Pädagogen junge Menschen bei all diesen Fragen. Hier erfahrt ihr mehr zu der Initiative.

In Ruanda haben 400.000 Kinder keine Chance auf einen Platz in der Schule; besonders Waisen und Mädchen sind benachteiligt. Das Projekt "Schulen für Afrika" von Unicef ermöglicht tausenden Kindern den Zugang zu Bildung. Hier könnt ihr die Initiative unterstützen.

Ein zuverlässiges Transportmittel kann für Menschen in einem Entwicklungsland alles verändern. World Bicycle Relief stattet Menschen in ländlichen Regionen Afrikas mit Fahrrädern aus und schenkt ihnen damit ein großes Stück Lebensqualität. Hier geht es weiter zu diesem faszinierenden Projekt.

(lp)