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Was Europa von den fabelhaften Island-Kickern lernen kann

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ICELAND ENGLAND
Zwei isländische Fans vor dem Spiel gegen England | Reuters Staff / Reuters
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Liebe Isländer,

noch vor ein paar Tagen dachte ich, dass diese Europameisterschaft das Ende allen Fußballs sein könnte. Eher hätte ich einem Eiswürfel beim Schmelzen zugesehen, als mich noch einmal von Nordiren und Walisern mit dem ungelenken Vorführen ihres sadomasochistischen Verhältnisses zu Ball und Rasen peinigen zu lassen.

Ich habe dem früheren UEFA-Präsidenten Michel Platini nacheinander Pest, Cholera und Helene Fischer an den Hals gewünscht. Dafür, dass er für ein paar krüppelige Stimmen bei seiner Wiederwahl den Fußball verraten und der Europameisterschaft mit einem aberwitzigen Modus zu einem einmonatigen Sport-Exorzismus mit 24 Mannschaften aufgepumpt hat. Mindestens acht dieser Teams wären mit schlafwandlerischer Sicherheit in der jüngst vergangenen Bundesliga-Relegation am 1. FC Nürnberg gescheitert.

Island zeigte den Fußballverhinderern die Grenzen

Und dann kamt Ihr, liebe Isländer.

Erst habt Ihr diesen tranigen Fußballverhinderern aus Österreich ihre Grenzen aufgezeigt. Selten hat man einen Fußballreporter derart ausrasten hören wie den Sportskameraden Gudmundur Benediktsson, als die isländische Nationalmannschaft in der 90. Minute den Siegtreffer gegen die Auswahl des ÖFB erzielte. Edi Finger mit seinem „I wer narrisch!“ war dagegen ein Klosterjunge auf Baldrian.

Es war diese unfassbare Begeisterung in seiner Stimme, die halb Deutschland mitriss. Das war nicht der Powered-by-Coca-Cola-Fußball, den man von den großen Fußballnationen leidvoll gewöhnt ist.

Passend zum Thema: Spielplan der Europameisterschaft 2016

Wo kreuzbrave Journalistendarstellerinnen wie Katrin Müller-Hohenstein vor jungen Sportmillionären in Habachtstellung erstarren – weil Kritik ja die "gute Zusammenarbeit“ mit dem DFB gefährden würde.

Benediktsson hat übrigens Tage später seinen Job als Trainer verloren. Gerüchteweise aus deswegen, weil er lieber die Spiele der Nationalelf kommentiert hat. Man darf vermuten, dass ihm das für den Moment scheißegal war.

Und dann kam das Achtelfinale gegen die Engländer. Niemand, dem sein Geld lieb ist, hätte mehr als den Gegenwert einer Currywurst auf Euren Sieg gesetzt, liebe Isländer.

Ein Zehntel aller Isländer ist auf Fußballfahrt

Eure Heimat ist zwar fast so groß wie Ostdeutschland, und trotzdem leben nur 334.000 Menschen dort. Dresden hat mehr Einwohner. Und ins Londoner Wembleystadion würde beinahe die gesamte Bevölkerung Eurer Hauptstadt Reykjavik passen.

Etwa 30.000 isländische Fans sollen derzeit in Frankreich unterwegs sein. Fast ein Zehntel der Landesbevölkerung ist Kickengucken gefahren. Das muss man sich mal vorstellen.

Und dann diese Art zu spielen. Dieser Kampf um jeden Ball, als gelte es in jedem einzelnen Moment, die Europameisterschaft zu gewinnen. Das kluge Kombinieren. Und diese beinahe selbstzerstörerische Aufopferungsbereitschaft für das Team. Selbst beim Interview reden die Spieler noch mit einer unverstellten Begeisterung, wie man sie zwischen den abgeklärten Einlassungen von mediengecoachten Bundesligaprofis heutzutage völlig vergeblich sucht.

Wir können viel lernen

Kurz: Euer Sieg war so etwas wie der feuchte Traum eines jeden Fußballromantikers. Das war mindestens so groß wie der Meistertitel für Leicester City.

Wir können von Euch viel lernen, liebe Isländern.

Zum Beispiel, dass es bei Europameisterschaften nicht darum geht, wer das schönste Bild auf den Ferrero-Sammelkarten hat. Sondern um Fußball - und all die Kraft, die in diesem wunderbaren Spiel steckt.

Dass man mit echtem Willen und viel Konzentration doch noch Wunder bewirken kann.

Und dass dieser Sport einfach nicht kleinzukriegen ist. Selbst wenn die UEFA am Werk ist.

Halbfinale gegen Deutschland? Keine Ahnung, zu wem ich halten sollte

Ich will ehrlich sein, liebe Isländer: Den Finaleinzug wünsche ich Euch von ganzem Herzen. Auch wenn das Viertelfinale gegen Frankreich noch härter wird als alle bisherigen Matches zusammen.

Und wenn es dann tatsächlich zu einem Halbfinale gegen Deutschland kommt? Dann habe ich ein Problem. Alle zwölf Jahre passiert bei Europameisterschaften eine große Überraschung. Die letzte war der EM-Titel für Griechenland im Jahr 2004. Stimmt das gesetzt der Serie, ist es in diesem Jahr wieder soweit.

Und wenn ich das Spiel in einer Bar schauen sollte oder zwischen lauter Schland-Fans unter freiem Himmel? Dann werde ich Euch trotzdem heimlich die Daumen drücken, liebe Isländer. Die Sache ist nämlich die: Irgendwie habe ich mich verliebt.

PS: Gerade ist in der EU die Planstelle für einen Inselstaat freigeworden. Habt Ihr Lust?

Mehr EM: Die Fußballspiele der Euro 2016 im Live-Stream schauen

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(bp)