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Was die EM mit einem Puff in Rotterdam zu tun hat

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GEWALT EM
dpa
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Als die Isländer das Siegestor gegen Österreich schossen, geschah etwas völlig Unerwartetes mit mir. Ich spürte ein Gefühl, das ich während dieser Europameisterschaft noch nicht kannte: Freude, ehrliche Freude. Ich erschrak darüber fast ein wenig, denn ansonsten schalte ich den Fernseher nur noch ein, wenn ich sanft eindösen möchte.

Dies ist, ganz ehrlich, die langweiligste EM, an die ich mich erinnern kann. Das Problem: Ich werde bald 80.

2016-06-15-1466021078-4256777-kapitaen.jpgBevor sich jetzt wieder jemand aufregt, gebe ich gerne zu, dass ich ein alter Seemann bin und vom Fußball ähnlich viel Ahnung habe wie von französischer Zierstickerei. Aber ich habe Augen, und was ich sehe, macht mir keinen Spaß. Defensive Rückpass-Festivals und schlimmes, brutales Gebolze.

Die omnipräsente Gewalt

Aus Sympathie mit einer albanischen Familie, die ich unterstütze, sah ich die Partie der Albaner gegen Rumänien. Ich war erstaunt. Das letzte Mal, dass ich solche Kampf-Szenen sah, war im „Walhalla“ von Rotterdam, einer schlimmen Kaschemme im Hafen, in der es gerne mit Mi­g­rä­ne­stiften zu Sache ging. So nannten wir abgerissene Stuhlbeine, die am nächsten Morgen heftige Kopfschmerzen verursachten.

Wobei wir gleich beim nächsten Thema des Turniers wären: der omnipräsenten Gewalt. Was wir abseits der Spiele sehen, erinnert an düsterste Zeiten, die längst überwunden schienen. Russen, Engländer, Kroaten, immer wieder brennt es nicht auf dem Rasen, sondern auf der Tribüne, und ich frage mich, wie es möglich ist, angesichts höchster Terror-Gefahr dieses Zeug ins Stadion zu schmuggeln. Oder aufs Spielfeld zu rennen, um mit Ronaldo ein Selfie zu knipsen.

Die Hysterie-Maschine verbrennt jeden auf dem Scheiterhaufen

Ronaldo wiederum mag ich nicht besonders, aber die Art und Weise, wie hämisch und zerstörerisch mit ihm nach dem ersten Spiel gegen meine Isländer umgegangen wurde, gefällt mir nicht. Alle gegen einen – das war schon immer Scheiße. Manchmal, so scheint es mir, springt eine große Hysterie-Maschine an, die jeden verbrennt, der auf den Scheiterhaufen gestellt wird. Gerne auch auf unterstem Niveau.

Die Neigung, Dinge aufzubauschen, ist auch ein Phänomen dieser Europameisterschaft. Fußball wird gesellschaftlich immer wichtiger, das ist klar, doch er wird auch immer politischer. Russische Hooligans sind so etwas wie Putins schlagende Vorhut, Englands Hooligans begrölten den „Brexit“ und die Türken machen für ihr Ausscheiden natürlich nicht lausig miese Spiele verantwortlich, sondern wittern eine Verschwörung der Italiener, die angeblich absichtlich gegen Irland verloren. In den Sozialen Netzwerken erinnerte das manchen an Muster aus dem Ersten Weltkrieg, darunter geht es nicht mehr.

Irlands Fans, die sich gewohnt souverän durchs Turnier saufen und singen, sind einer der wenigen Lichtblicke, und „meine“ Isländer. Die Aussicht, dass dieses kleine Land im Atlantik weiter die Großen ärgert, könnte mir eventuell noch die EM retten. Nur diese eine Hoffnung.

Nennt mich ruhig Heuldochson.

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2016-06-27-1467029751-8701658-cover_schwandt_kl.jpgJürgen Schwandt, Jahrgang 1936, ist ein alter Seemann aus Hamburg. Er fuhr jahrzehntelang zur See. Heute hat er 80.000 Fans auf Facebook. Gerade erschien seine hochgelobte Biographie „Sturmwarnung“. Mehr über den Käpt´n: www.ankerherz.de

Unter diesem Link geht es direkt zum Blog von Käpt´n Schwandt.

Die Biographie von Schwandt "Sturmwarnung: Das aufregende Leben des Kapitäns Jürgen Schwandt" findet ihr unter diesem Link auf Amazon.

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Käpitän Schwandt ist Teil der HuffPost Voices. Einem Team, das während der EM regelmäßig aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

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