Huffpost Germany

Boris Johnsons größter Sieg könnte ihm zum Verhängnis werden

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BORIS JOHNSON
Der Wortführer der "Leave"-Kampagne wirkt nach dem Brexit-Votum zerknirscht | POOL New / Reuters
Drucken
  • Vom Wortführer der Leave-Kampagne ist nach dem Brexit-Votum überraschend wenig zu hören
  • Es scheint, als sei Boris Johnson angesichts seines Sieges ratlos
  • Ihm scheint klar zu werden, dass sein Erfolg zu seinem politischen Ende führen könnte

Sieger sehen anders aus. Der konservative Wortführer des Brexit-Lagers, Boris Johnson, hat erreicht, was keiner für möglich gehalten hatte. Er hat es nicht nur geschafft, dass die Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union stimmten.

Darüber hinaus könnte er schon im September der Premierminister Großbritanniens werden. Johnson hätte alle Gründe, seinen Sieg mit öffentlichen Auftritten und flammenden Reden zu feiern.

Stattdessen sieht man ihn kaum. Wenn er aus seinem Haus in London tritt, geht er gebückt und hat die Hände in den Hosentaschen, nickt nur kurz Reportern zu. Hin und wieder gibt er kurze, schmallippige Statements für die Presse.

Boris Johnson droht an seinem Erfolg zu scheitern

Und das, nachdem er noch am Abend vor dem Referendum den 23. Juni in einer flammenden Rede zum britischen "Independence Day" erklärt hatte und stürmischen Applaus erntete.

Boris Johnson scheint klar zu werden, dass er dabei ist, an seinem eigenen Erfolg zu scheitern. Das Pfund und der britische Aktienindex stürzten ab, Schottland bereitet ein Referendum über seine Unabhängigkeit vor. Und um das Unglück der Briten perfekt zu machen, schoss das isländische Nationalteam die Engländer auch noch aus der Fußball-EM.

Johnson steht vor den Scherben seine Sieges. Auf einmal spricht er nicht mehr davon, Großbritannien zum Anführer eine Freiheitsbewegung angeblich unterdrückter EU-Bürger zu machen. Stattdessen bemüht er sich um Versöhnung mit seinen politischen Gegnern und versucht, die Folgen eine Brexits kleinzureden.

Kaum etwas würde sich verändern, Großbritannien würde auch weiterhin Zugang zum europäischen Binnenmarkt haben, schrieb er am Sonntag in einer Kolumne für den "Telegraph".

Mehr und mehr wird offensichtlich, dass die Brexit-Befürworter keinen Plan für das Ausscheiden aus der EU haben, da sie selbst nicht davon ausgingen, siegen zu können.

"Bisschen spät, mein Freund"

Auf Twitter und Facebook machen Kommentare von "Leave"-Wählern die Runde, die angeben, ihre Wahl zu bereuen. Einer dieser Wähler schickte gestern eine E-Mail an alle Abgeordneten des britischen Unterhauses: "Ich wollte nie wirklich die EU verlassen, aber habe trotzdem 'Raus' gewählt."

Therese Coffey, die stellvertretende Vorsitzende des Unterhauses und eine EU-Befürworterin, schrieb eine kurzangebundene Mail zurück, die mit den Worten "Bisschen spät, mein Freund" begann.

Auch der frühere Chefredakteur des britischen Boulevardblatts "Sun", Kelvin MacKenzie, gestand in einem Kommentar, dass er es bereut, sein Kreuz bei "Leave" gemacht zu haben: "Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe Angst vor dem, was vor uns liegt." Bemerkenswert - die "Sun" ist eines der britischen Yellow-Press Blätter gewesen, die am aggressivsten für den Brexit warb.

Johnson ging es beim Brexit-Votum um sein eigenen politischen Ambitionen

Mehr und mehr scheint sich bei den Briten der Eindruck durchzusetzen, dass die ganze "Leave"-Kampagne nur eine populistische Wahlkampfmaßnahme gewesen war, die Johnson seinem Ziel, Premierminister zu werden, näher bringen sollte.

So sieht es zumindest Camilla Hagelund, Expertin für englische Innenpolitik und Risiko-Analystin bei dem britischen Unternehmen Maplecroft, in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung.

"Boris Johnsons Entscheidung, das Lager der Brexit-Befürworter anzuführen, war in erster Linie seinen persönlichen politischen Ambitionen geschuldet, da es seine Chancen erhöht hat, der nächste Vorsitzende der britischen Konservativen und damit Premierminister zu werden."

Auch sie ist der Ansicht, dass das Fehlen eines Brexit-Plans darauf hindeutet, dass Johnson nie mit einem Sieg beim Referendum gerechnet hatte.

Zunehmend wendet sich die Stimmung gegen Johnson. Sein Bild in der Öffentlichkeit wandelt sich von dem eines streitfreudigen britischen Freiheitskämpfers zu dem eines populistischen Politikers, der seine Erfolge mit falschen Versprechungen erreichte und das Wohl seines Landes seinen persönlichen Zielen unterordnete.

Ein Schachzug von Cameron bringt Johnson in Bedrängnis

Ein kluger Schachzug des britischen Noch-Premiers David Cameron bringt Johnson nun in Bedrängnis. Er tat Johnson nicht den Gefallen, nach dem Referendum den Austritt aus der EU nach Artikel 50 zu beantragen. Das will er seinem Nachfolger überlassen, der im September gewählt werden soll. Offenbar hofft Cameron, dass die Stimmung sich dahin gegen das Brexit-Lager wendet.

Die britischen Konservativen wollen bis zum 2. September und damit früher als bisher geplant einen Nachfolger für ihren Parteivorsitzenden und Premier festlegen. Die Abgeordneten sollen sich zwei Kandidaten aussuchen, die sich dann dem Votum der Basis stellen. Als aussichtsreichste Kandidaten gelten Johnson und Innenministerin Theresa May, die gegen ein Ausscheiden aus der EU eingetreten war.

May gilt als besonnene und erfahrene Politikerin. Viel spricht dafür, dass die Konservativen in den schwierigen Zeiten, die vor Großbritannien liegen, eher ihr als Johnson das Steuer anvertrauten.

Sollte Johnson gegen die Brexit-Gegnerin unterliegen, würde das auch bedeuten, dass er seinen Traum von Einzug in die Downing Street Nummer 10 für immer beerdigen kann.

Dann hätte er selbst aus seinem größten Sieg seine größte Niederlage gemacht.

Auch auf HuffPost:

Nicola Sturgeon: ”Schottland sieht seine Zukunft als Teil der EU”

2016-06-22-1466588952-5629450-HUFFPOST1.jpg
Mehr zum Thema Brexit findet ihr hier.