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Brexit-Debatte bei "Anne Will": "Schande der Eliten"

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ANN WILL
Bei "Anne Will" ging es am Sonntag um den Brexit | WDR
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Die Tage nach dem Brexit wirken wie eine Traumabewältigung. Und die schwersten Patienten sind mitunter führende pro-europäische Politiker.

Aber womit bewältigt man so ein Trauma? Viele Therapeuten schwören darauf, die Patienten mit ihren Ängsten direkt zu konfrontieren.

Das dachten sich wohl auch die Macher von Anne Will. Deshalb setzten sie in der aktuellen Sendung "Großbritannien sagt Nein - Wer sagt jetzt noch Ja zu Europa?" Brexit-Gegner und -befürworter auf Konfrontationskurs.

Auf der Pro-Brexit beziehungsweise Anti-EU Seite war das die britische Konservative Anna Firth sowie der slowakische Europaabgeordnete Richard Sulik.

Auf der Anti-Brexit und Pro-EU-Seite hielten der ehemalige britische Botschafter Sir Peter Torry, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und der brüsseler ARD-Korrespondent Rolf-Dieter Krause dagegen.

Brexit-Aktivistin Firth: "Schock unbegründet"

Den Auftakt machte Euro-Skeptikerin Firth. Sie beschreibt den Brexit als logische Konsequenz einer Beziehungskrise zwischen Großbritannien und Brüssel. Der Schock sei ihrer Meinung nach unbegründet, da sich die Entwicklung lange abzeichnete. Die Briten hätten nur ihren Willen nach mehr Demokratie ausgedrückt, so die Brexit-Aktivistin.

Firth bezeichnet die EU als "nobles Projekt", aber die politisches Struktur sei in die falsche Richtung gegangen. Diese Struktur, dieses "demokratische Defizit" wolle Großbritannien verlassen.

Der EU-Befürworter Rolf-Dieter Krause entgegnete Firth, dass in einer Staatengemeinschaft nie alle Länder völlig zufrieden sein werden. Wenn ein Land in der EU allerdings bekommen hätte, was es wollte, dann sei das Großbritannien gewesen.

Die Briten erhielten als einziges Land der EU einen Rabatt von 66 Prozent auf ihre Netto-Beitragszahlungen – der sogenannte „Briten-Rabatt“. In der Argumentation der Brexit-Befürworter wurde dieser konsequent verschwiegen.

Gegenoffensive von ARD-Korrespondent

Außerdem, entgegnet Krause der Britin, habe Firth die wichtigsten Gründe nicht genannt, die zum Brexit führten: "Fremdenfeindlichkeit, und sehr speziell britischen Fremdenfeindlichkeit gegen Europäer".

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Firth ignoriert Krauses Gegenoffensive entschlossen. Stattdessen wagt sie einen neuen Anlauf: „Die Europäische Union war ein sehr nobles Projekt“, sagt Firth. Aber seit dem Vertrag von Maastricht, der aus der Europäischen Gemeinschaft (EG) die EU machte, sei alles in die falsche Richtung gegangen.

EU-Politiker Sulik auf nationalen Wegen

EU-Politiker Sulik pflichtet daraufhin Firth bei. Auf die Frage, ob man sich aufgrund so einer Aussage von Firth ärgere, liefert der Slowake eine überraschende Antwort: „Nein, überhaupt nicht. Schließlich sitze ich im Europaparlament, um die slowakischen Interessen zu vertreten.“

Sulik fühle sich als Europaabgeordneter scheinbar den nationalen, slowakischen Interessen viel stärker verpflichtet als den europäischen.

Schuld an der Misere hätten seiner Ansicht nach die "Eliten". Die logischen Konsequenz müsse deshalb der Rücktritt des Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sein. Die Krise der EU sei "die Schande der Eliten".

Von der Leyen Platzt der Kragen

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen war das scheinbar zu viel. "Und was sind dann Sie, wenn ich fragen darf?", entgegnet sie Sulik proaktiv – und erntet dafür Applaus vom Publikum.

Von der Leyen spielt sich in der Diskussion immer wieder mit Kraus den Ball zu. Die beiden EU-Freunde bilden ein Team. Dabei ruft von der Leyen auch zur Mäßigung auf: "Das Erste, was so schmerzhaft ist", sagte die Verteidungsministerin, "dass wir vergessen haben, wie viel Gutes wir mit den Briten in der EU geschafft haben."

Als die Briten der damaligen EG vor 43 Jahren beigetreten seien, habe das Land noch veraltete Industriestrukturen gehabt und nichts von dem modernen Finanzplatz, das es heute sei.

"Sie werden an Relevanz verlieren", sagte von der Leyen an Firth gerichtet. Und das Problem sei der nationale Egoismus, wie in vielen europäischen Ländern derzeit.

Früherer Botschafter sieht eigentliches Problem innerhalb Großbritanniens

Einer kam da bislang kaum zu Wort: der Brexit-Gegner und frühere britische Botschafter in Deutschland, Sir Peter Torry. Das Bitterste für Großbritannien sei seiner Meinung nach die Spaltung innerhalb der Gesellschaft, jung gegen alt, und auch im Lande: Nord gegen Süd, Stadt gegen Land.

Diese zu überwinden, betrachte Torry als die nun größte Herausforderung, die es zu überwinden gibt.

In einem Punkt sind sich alle einig

Diese Einheit sieht Ursula von der Leyen abschließend in ganz Europa nicht: Die Vereinigten Staaten von Europa wird es zu ihren Lebzeiten nicht geben.

Außerdem werde es zu ihren Lebzeiten auch keine erneuerte Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs geben, fügte die Verteidigungsministerin hinzu.

Wird Großbritannien nächste Woche die Karte nach Artikel 50 des EU-Vertrags ziehen und damit den Austritt besiegeln? Zumindest darüber sind sich alle einig.

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