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Von wegen Fußball – Das beschäftigt die Pariser gerade wirklich

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PARIS EURO
Prof. Dr. Hartmut Rosa | Getty
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Impressionen aus dem Hexenkessel Paris

Paris ist derzeit ein einziger Hexenkessel. Von allen Seiten strömen ganze Horden von Fahnen schwingenden, oft betrunkenen, meist singenden, nicht selten aber auch nach Randale trachtenden Fans auf den Straßen und Plätzen zusammen. Treffen dann dort die Anhänger verfeindeter Nationen aufeinander – sagen wir, Russen und Türken, oder Schweizer und Österreicher – dann geht der Punk ab, dann fliegen schon einmal die Garnituren der Straßencafés und Restaurants durch die Luft und der Schauplatz verwandelt sich in ein Schlachtfeld, das von vom Sirenengeheul der Krankenwagen und vom Blaulicht der Einsatzwagen gespenstisch untermalt und illuminiert wird. Eine Stadt im Ausnahmezustand.

Es ist ja nicht nur der Fußball: In der französischen Hauptstadt spitzt sich auch der politische Kampf um das neue Arbeitsrecht und die politische Zukunft des Landes dramatisch zu. Tausende, manchmal zehntausende von Franzosen demonstrieren täglich, und wenn die Anhänger der Front National oder die Gewerkschafter auf die Kämpfer von ‚Nuit debout‘ treffen, die Nacht für Nacht den Place de la République in ein politisches Tollhaus verwandeln, dann hat man das Gefühl, man habe sich im Jahrhundert geirrt.

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Doch selbst das ist noch nicht alles: der Streik der öffentlichen Verkehrsbetriebe und der Müllabfuhr sorgt für chaotische Szenen überall, und wenn man sich auf die Straße wagt, kann man nur hoffen, dass es an den überfüllten Bahnsteigen der U-Bahnhöfe nicht zum Aufeinandertreffen der gegnerischen Lager kommt. Am schlimmsten aber: Die Angst vor dem Terrorismus ist allgegenwärtig, sie ist überall zu spüren, auf den Straßen, auf den Plätzen, in den Cafés, Kinos und Geschäften, und sie wird durch die martialischen Sicherheitskräfte an jeder Straßenecke, durch die kreisenden Hubschrauber und die Polizeipanzer nicht wirklich gedämpft. Die Menschen huschen mehr über die Straßen, als dass sie gehen. Klingt plausibel, oder? Ist genau das Bild, das wir uns von Paris derzeit machen? Richtig aufregend?

An der Realität vorbei

Es geht nur leider komplett an der Realität vorbei; es hat mit ihr fast gar nichts zu tun. Das Einzige, was wirklich regelmäßig strömt, ist der Regen. Und die Seine, die so viel Hochwasser führt, dass immer wieder einmal auf beiden Seiten die Uferstraßen überflutet sind. Ja, sicher, auf der Place de la République wird noch demonstriert und diskutiert – ein paar hundert friedliche Leute versammeln sich abends dort und diskutieren intensiv.

Und ja, ab und an trifft man Fangruppen, meist sind sie an den Trikots zu erkennen; sie singen fast nie und sind fast immer friedlich, und außer in den großen Fanzonen und Public Viewing Plätzen, zum Beispiel am Eiffelturm, gehen sie fast unter im Straßenbild. Paris ist viel zu groß und viel zu alt, um sich von ihnen aus der Ruhe bringen zu lassen, und die Weltstädter sind zu cool und zu blasiert, als dass sie sich von solchen Dingen beeindrucken ließen.

Es gibt ein paar mehr Fahnen als sonst, ja sicher; und in vielen Kneipen laufen Fernseher oder hängt auch mal eine Leinwand für die Übertragung der Spiele, aber den meisten Parisern und auch dem Großteil der Touristen – denen aus Amerika und Asien sowieso – scheint die EM ziemlich schnuppe zu sein. Vermutlich zieht sie sich einfach zu lange hin. Und gewiss: An den Bahnhöfen und am Flugplatz oder vor den jüdischen Schulen steht bewaffnete Polizei, und gelegentlich sieht man Kolonnen an Mannschaftswagen – die machen aber einen bei weitem weniger furchterregenden Eindruck, als wenn in Erfurt oder Jena eine Nazidemo angesagt ist.

Multikulturelles Frankreich

Selbst in Belleville, mitten im bunten orientalischen Treiben, wo man sich streckenweise wie im Nahen Osten oder in Nordafrika fühlt zwischen libanesischen, marokkanischen und tunesischen Köstlichkeiten, dominieren spielende Kinder die Geräuschkulisse, während die Väter auf den Parkbänken dösen und parlieren und die Frauen auf dem Markt zugange sind.

Den Flaneuren an den inzwischen wieder trockenen Seineufern, den Liebespaaren in den Tuilerien, den Joggern im Jardin du Luxembourg oder den Shoppern auf den Champs Elysees sind Fußball, Terrorismus oder Streik und Politik herzlich egal, und in der schicken Rue Oberkampf, wo die Pariser Jugend sich trifft, scheinen Politik und Fußball gleichermaßen unhip zu sein.

Die Pariser sind nicht nur zu cool, sondern zugleich viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um aus dem Häuschen zu geraten. Die Stadt bereitet sich auf die bevorstehenden Sommerferien vor, in denen sie alle wegfahren für ein paar Wochen, ans Meer oder in die Berge. Bis dahin gibt es noch eine Menge zu erledigen. Kein Zweifel: Es gibt ein Leben jenseits des Fußballs, und das geht einfach immer so weiter…

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Prof. Dr. Hartmut Rosa ist Teil der HuffPost Voices. Einem Team, das während der EM regelmäßig aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

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