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Hauptstadt eines fremden Landes: Warum das Brexit-Beben London besonders erschüttert

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BREXIT
Hauptstadt eines fremden Landes: Warum der Brexit-Schock London besonders erschüttert | Getty/dpa/HuffPost
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Am Freitag, 5 Uhr, wachten die Londoner in einem fremden Land auf.

Sie werden von Eilmeldungen geweckt, ihren Partnern oder einfach der Unruhe. Am morgen ist Gewissheit, was bis Mitternacht niemand für möglich gehalten hatte.

Großbritannien verlässt die EU.

Keiner hätte das Ergebnis für möglich gehalten

Ausgerechnet in der Hauptstadt, wo die Brexit-Anführer wie Ukip-Chef Nigel Farage und Ex-Bürgermeister Boris Johnson zu Hause sind, sitzt der Schock besonders tief.

Die meisten Londoner, die an diesem morgen aufwachen, fühlen sich wie Fremde im Vereinten Königreich.

60 Prozent haben hier für Remain gestimmt, zehn Prozent mehr also als im Landesschnitt. Und keiner von ihnen hätte das Ergebnis für möglich gehalten.

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Johnson

Der Tag wird in die Geschichtsbücher eingehen. Und er wird im ganzen Land Spuren hinterlassen, vor allem in der britischen Hauptstadt.

Großbritanniens Aushängeschild, das Zuhause hunderter Kulturen. Europas größter Finanzplatz. Weltweit einflussreiche Theaterhäuser, Designer, Künstler, Musiker.

Der Tag nach dem Referendum ist ein schwarzer Freitag, eine Vollbremsung. Er beginnt sonnig, aber britischkalt.

Wenn Hunderttausende normalerweise morgens ab 6 Uhr zur Arbeit fahren, ist es vergleichsweise ruhig in der Tube.

Nicht so an diesem Freitag.

In den Aufzügen, auf der Plattform, im Wagon, überall reden Menschen über den Brexit. „Dafür werden wir noch bezahlen“, hört man. „Unfassbar.“ „Ein Alptraum.“ In den Gesichtern Ratlosigkeit.

Sogar Obdachlose reden vor den Eingängen in den Untergrund über den Brexit. Jeder, wirklich jeder hat eine Meinung dazu.

Die Kioske sind überflutet in blauroten Farben, die Titelseiten zeigen den Union Jack.

„Whole thing is shit. Fuck me“

In einem Kaffeehaus im Stadtteil Soho unterhalten sich zwei Studenten auf Deutsch über ihr Erasmus-Studium. „Vielleicht werden wir die letzten gewesen sein“, sagt einer.

Und ein Banker aus der City, Londons Finanzzentrum, sagt: „Whole thing is shit. Fuck me.“

Während all das auf den Straßen passiert, tritt David Cameron vor die Weltpresse.

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Cameron

9 Uhr, Downing Street Number 10. Der Premier hält kurz Inne, als er die entscheidenden Worte sagt. Er wolle es einem anderen überlassen, England als Kapitän durch die kommenden Jahre zu führen.

Bis aber ein Nachfolger im Oktober bereitsteht, wolle er an Bord bleiben.

Ein Vermögen wird aus der Stadt abgezogen

Gleichzeitig stürzen die Kurse an den Weltbörsen in die Tiefe. Zehn Prozent verliert der Dax, ähnlich viel die Londoner Börse.

Das Beben bewegt nicht nur die Herzen der Briten, sondern rüttelt auch die Scheckbücher der Anleger und Banken durch – in Sekunden werden Milliardenwerte vernichtet, auch von den Superreichen hier in London.

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London Stock Exchange

Ihnen wird an diesem Morgen klar: Den Standort als wichtigster Finanzplatz Europas wird London nicht halten können. Zehntausende müssen raus aus der Stadt, etwa nach Frankfurt. Mit ihnen geht ein Milliardenvermögen und mit ihnen dutzende Firmenzentralen.

Aber nicht nur die Banker gehen. Es könnten auch Leute wie Jakob Horstmann gehen; Lektor, Literaturagent und Autor. Für die Huffington Post hat er aufgeschrieben, warum. Das Land das er kennt und liebt ist an diesem Freitag nicht mehr sein Land.

18 Uhr. Während in der Downing Street junge Menschen gegen den Brexit demonstrieren (siehe Video), füllen sich die Pubs.

Hier trinken die Londoner nach Feierabend ihr Ale. Bier, das Bierliebhaber hassen, weil es abgestanden schmeckt.

Thema ist Ukip-Chef Farage, der in einer Morgentalkshow angetrunken den Briten erklärte, dass er eines seiner größten Wahlversprechen nicht halten könne. Hunderte Millionen, die an die EU gehen, wollte er in den Gesundheitssystem stecken, hatte er versprochen – totaler Bullshit.

Thema ist auch, wer neuer Premier werden könnte. Thema ist, dass Großbritannien auseinanderbricht.

Und, dass London jetzt unabhängig werden will. Die erste Partei, die das fordert, gibt es schon.

„Ich will mit dem Großbritannien nichts zu tun haben, in dem ich jetzt bin. Es ist mir fremd. Ich kenne es nicht. Ich habe es noch nie gekannt. Wenn ich wählen könnte, würde ich raus dem Kingdom und in der EU bleiben“, sagt Catherina.

Raus aus dem Kingdom. Rein in die EU. Totaler Wahnsinn.

Catherinas Geschichte ist die einer typischen Remain-Wählerin. Sie ist 27, arbeitet in der PR und ist vor vier Jahren nach London gezogen.

Ihre Familie kommt aus einer Arbeiterstadt im Norden, allesamt Leave-Verfechter bis aufs Blut. In ihrer Familie, sagt sie, sei man sich in der Brexit-Debatte fremd geworden.

Es geht ein Riss durch's Land

Es gehe ein Riss durch die Familie und durchs Land.

Er teilt Jung und Alt, Akademiker und Arbeiterklasse, Großstädte von Provinzen.

Und nirgends ist er so krass zu spüren wie an diesem Freitag in London.

Die Stadt verabschiedet sich wie jeden Freitag ins Wochenende. Die Pubs füllen sich, Betrunkene torkeln auf den Starßen, junge Menschen strömen in die Clubs. Und doch ist dieser Tag anders.

Der erste in einem neuen Zeitalter.

Unser politischer Korrespondent Jürgen Klöckner ist für die Huffington Post in London, um live über den Brexit zu berichten.

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