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Nach dem Brexit-Schock: Wie es jetzt mit Europa weitergeht

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Für das Leave-Lager ist es ihr Unabhängigkeitstag: Großbritannien hat gegen gegen die EU gestimmt. Diesen Tag haben sich Ukip-Chef Farage, Tory Boris Johnson und dutzende Millionen Menschen seit Monaten herbeigesehnt.

Alle anderen sind heute mit einem Schock aufgewacht, sah es doch am Abend noch so aus, als würden die Briten in der EU verbleiben.

Politiker wie der Europa-Abgeordnete Elmar Brok drohen: "Das war eine Fehlentscheidung, für die bitter bezahlt werden muss."

Und auf Facebook empören sich Briten wie andere Europäer über die Entscheidung. Sie sprechen von "völliger Dummheit", darüber, dass sie wütend sind und die Entscheidung nicht verstehen, dass der Ruf nach Heimat und Nationalstaat stärker war als jener nach einer internationalen Gemeinschaft.

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Die Briten werden nun vermutlich nicht mehr wie früher ohne weiteres in die EU reisen können. Der Pfund wird entwertet. Die Wirtschaft wird crashen, wenn Experten Recht behalten. Der Premier David Cameron hat seinen Rücktritt erklärt. Und Großbritannien ist von einer Welt- zu einer Regionalmacht geschrumpft.

Und in Rest-Europa stellt man sich die Frage, wie es nun weitergehen soll.

"Die dramatischsten Folgen freilich trägt nicht die EU, sondern die UK selbst", sagt etwa Dieter Janecek, wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen.


Arbeitet man erst recht enger zusammen? Oder beginnt nun, wie Skeptiker nach all den Abgesängen auf Europa schon länger befürchten, tatsächlich der Zerfall?

Abstimmungs-Ergebnis könnte die Euro-Skepsis anderer Staaten bekräftigen

Klar ist: Die Briten sind mit ihrer ausgeprägten Europa-Skepsis nicht alleine. In den Baltikum-Staaten, Ungarn, Tschechien, Polen und den Niederlande sind Euro-Gegner für eine Abstimmung über den Verbleib in der EU.

Kritiker können nun darauf verweisen, dass eine EU-Mitgliedschaft umkehrbar ist. Schwierig, den Geist der Spaltung wieder in die Flasche zu bekommen.

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Was wird jetzt aus Angela Merkel?

Der Brexit wird nicht nur den Zweiflern am europäischen Projekt Auftrieb geben. Er verschiebt auch die Machtverhältnisse.

Paris und Berlin werden relativ gesehen an Einfluss gewinnen. So gern Deutschland und Frankreichs den Schulterschluss zelebrieren: Merkel geht ein wichtiger Verbündeter verloren.

Brexit wird für Machtverschiebungen in Europa sorgen

Deutschland und Großbritannien pochten in Brüssel gern auf die Wahrung nationaler Entscheidungsgewalt, die Begrenzung europäischer Ausgaben, eine liberalere Wirtschaftspolitik.

Britanniens Exit wird auch zu Machtverschiebungen auf der internationalen Bühne führen. Zu den Gewinnern könnte die Nato gehören. Europas zweite (auch nuklear bewaffnete) Militärmacht neben Frankreich geht der EU verloren, dem westlichen Verteidigungsbündnis bleibt sie erhalten.

Die im Vergleich eher kümmerliche europäische Sicherheitspolitik wird wohl noch weiter in den Schatten des mächtigen Verteidigungsbündnisses rücken.

Die Briten werden den Zugang zum Binnenmarkt sichern wollen

Gleichzeitig wird das diplomatische Schwergewicht EU auf der Weltbühne leichter daherkommen. Mit Großbritannien verliert es nicht nur ein Land mit Ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat, sondern auch eine weltweit gut vernetzte ehemalige Kolonialmacht.

Londons internationale Gesprächspartnern haben es künftig mit einem Land zu tun, das nur noch für sich selber spricht - und nicht manchmal auch für 27 Andere.

Hauptanliegen der Briten in den Trennungsgesprächen wird sein, den Zugang zum Binnenmarkt zu sichern, dem "Kronjuwel" der europäischen Integration.

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"Entweder man ist drinnen oder draußen"

Frankreichs Wirtschaftsminister Emmanuel Macron und andere haben allerdings schon deutlich gemacht, dass London nicht mit einer einfachen Lösung rechnen kann. "Entweder man ist drinnen oder draußen", sagt Macron. Schäuble formuliert fast wortgleich: "In is in, out is out."

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker drohte sogar: "Der Deserteur wird nicht mit offenen Armen empfangen." Soll heißen: Scheiden tut weh, und das muss auch so sein. Allein schon, um Nachahmer abzuschrecken.

Allerdings sind beide Seiten wirtschaftlich so eng miteinander verbandelt, dass die EU damit nicht nur den Briten, sondern auch sich selbst ins Fleisch schneiden würde.

Politisch hätte eine «schmutzige Trennung» vielleicht durchaus ihren Sinn, wirtschaftlich aber nicht. Das gehört zu den vielen spannenden Fragen der nächsten Zeit: Wer sich in dem Scheidungsprozess nun durchsetzen wird - die, die ein Exempel statuieren wollen, oder die, die ein "Gentlemen's Agreement" anstreben.

mit Material von dpa

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