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Warum ausgerechnet ein linker Professor einer der radikalsten Brexit-Befürworter Großbritanniens ist

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Wer an den Brexit denkt, denkt an Ukip-Chef Nigel Farage, der mit Methoden gegen Ausländer hetzt, die einige an die Nazizeit erinnern.

Wer an den Brexit denkt, denkt an den konservativen Ex-Bürgermeister von London Boris Johnson, der die EU mit Hitler vergleicht.

Oder an die vielen weißen, wütenden Briten, die eine Islamisierung fürchten.

Woran viele außerhalb Großbritanniens nicht denken, sind Leute wie Alex Callinicos.

Er ist Professor am King’s College in London für European Studies, er sitzt im Vorstand der sozialistischen Arbeiterpartei und ist in der linken Szene europaweit angesehen.

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Alex Callinicos

Callinicos steht für eine Bewegung, die viele hierzulande nicht wahrhaben wollen.

EU-Feinde gibt es nicht nur in der Arbeiterschicht und bei der Rechten, sondern auch in der akademischen Oberschicht, in Großstädten und im linken Lager.

Das wirkt überraschend, denn gerade diese Lager gelten als liberal und EU-freundlich.

Aber wie Farage und Johnson will auch Callinicos, dass Großbritannien die EU eher heute als morgen verlässt. Allerdings hat er dafür völlig andere Gründe als die rechten Nationalisten, die sich von der EU abschotten wollen.

"Ich bin kein Nationalist"

„Die Debatte schockiert mich“, sagt er im Gespräch mit der Huffington Post. „Ich bin kein Nationalist. Ich bin ein Internationalist. Ich glaube nicht an Klein-England. Sondern daran, dass Menschen über Grenzen hinweg zusammenarbeiten wollen“, sagt er.

So deutlich seine Worte sind, so unscheinbar wirkt Callinicos auf den ersten Blick. Er trägt Hornbrille, dunkles Hemd und dunkle Lederjacke - dieses Outfit hat er in seinem akademischen Alltag fast immer an, sagen jene, die ihn kennen.

Wir treffen ihn in einem kleinen Café im Norden Londons. Coffee Works Project heißt das, die Inhaber fahren auf die Kaffee-Plantagen, um die Bauern fair zu bezahlen. Das muss dem Linken Callinicos gefallen.

Er wuchs in Simbabwe auf. Die Black-Power-Bewegung und Rassenunruhen haben ihn politisiert. „Die Migranten sind nicht das Problem. Das Problem sind die Banker und die Elite. Die Menschen sollen ihren Ärger auf sie lenken.“

"EU ist ein neoliberales Monster"

Für Intellektuelle wie Callinicos ist die EU ein „neoliberales Monster“, das Menschen und Staaten wie Griechenland durch radikale Sparauflagen in die Armut treibe, um Banken und Spareinlagen zu retten.

Diese Kritik ist nicht neu, doch nur wenige Anhänger gehen tatsächlich so weit wie Callinicos. Das macht den Professor zu einem der Radikalsten in einer linken Szene, die auf Außenstehende sowieso schon radikal wirkt.

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Varoufakis

Denn so weit wie Callinicos geht weder die Linke in Deutschland noch Syriza in Griechenland. Nicht einmal Yanis Varoufakis, Griechenlands schillernder Ex-Finanzminster und akademischer Freund von Callinicos, geht soweit.

Ganz im Gegenteil, Varoufakis beschreibt den EU-Austritt als die schlechteste aller Optionen. Parteien in Europa müssten in dem Staatenbund zusammenarbeiten, um ihn von Innen heraus zu verändern, glaubt er.

Für Callinicos, er hat selbst griechische Vorfahren, sind das leere Hoffnungen. „Varoufakis irrt“, sagt Callinicos. Der griechische Politiker selbst sei das beste Beispiel dafür.

"EU lässt sich nicht von Innen ändern"

Er habe als Finanzminister versucht, die EU von innen heraus zu verändern – und sei „kolossal gescheitert“. Varoufakis setzte sich auf dem Höhepunkt der Euro-Krise für einen Schuldenerlass und ein Ende der Sparpolitik in Europa ein.

Unterstützung für diesen Kurs kam von spanischen und portugiesischen Politikern. Doch verändert hat sich, so Callinicos, bis heute nichts. „Die Mehrheit will von diesem Weg nicht abgehen, deswegen ist eine Reform von Innen eine Illusion. Sie ist ein Produkt der Eliten.“

Diesen Pessimismus, diese Eliten-Kritik teilt er mit den rechten Brexit-Befürwortern, doch Callinicos geht noch einen Schritt weiter. Denn nicht nur die EU ist in seinen Augen verdorben, sondern auch die britische Regierung.

"Das System soll implodieren"

Er wünscht sich, dass das „System durch einen Brexit implodiert“. Dass sich die konservative Regierungspartei, jetzt schon von Premier David Cameron und Johnson in der Frage gespalten, nach einem Brexit vollständig zerlegt und die sozialdemokratische Labour-Partei an die Regierung kommt.

Das ist eine vage Hoffnung – es könnte nämlich auch das Gegenteil eintreten: Nämlich, dass die rechten Kräfte in der Regierung gestärkt aus dem Brexit hervorgehen.

Was auch immer in diesem Fall passieren wird: Weder Callinicos noch rechte Brexit-Befürworter können wirklich vorhersagen, wie es mit Großbritannien und Europa eigentlich nach einem EU-Ausstieg weitergehen wird.

Und das ist das größte Problem, dass dieses Lager hat. Sie werben mit radikalen Ideen, die aber über den Tag des Austritts kaum hinausreichen.

Unser politischer Korrespondent Jürgen Klöckner berichtet für die Huffington Post über den Brexit live aus London.

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(ben)