Huffpost Germany

Kampf gegen den Brexit: Wie eine junge Deutsche die Engländer zur Vernunft bringen wollte

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HUCK
Sabrina Huck hat versucht der britischen Wahnsinn zu verstehen | HuffPost / Klöckner
Drucken

Viele Deutsche schauen derzeit nach Großbritannien und fragen sich: Was zur Hölle ist dort eigentlich los? Woher kommt die Skepsis der Briten gegen die EU, woher kommt der Wille, dem Staatenbund das Hinterteil zu zeigen?

Eine, die diese Frage vielleicht so gut beantworten kann wie wenige andere, ist Sabrina Huck.

Die 25-Jährige ist Deutsche, wohnt in London und ist im Vorstand der Young-Labour-Partei - also der Jugendorganisation der britischen Sozialdemokraten.

Als sie das erste Mal davon gehört hatte, dass die Briten tatsächlich aus der EU aussteigen wollen, war für sie die Sache klar: „Das ist Wahnsinn.“

Mittlerweile hat Huck eine Erklärung auf diesen "Wahnsinn" der Briten - oder besser gesagt: viele Erklärungen.

Was eine überzeugte Europäerin Brexit-Befürwortern sagt

Wir treffen sie in einem Kaffeehaus in London, nicht weit vom Buckingham Palace und dem Regierungsviertel Westmister. Es ist der Tag vor dem Referendum, der ganz Europa verändern könnte.

Huck wirkt mehr wie eine erfahrene Campaignerin als ein 25-Jährige, die quasi durch Zufall in der Politik gelandet ist. Sie trägt ein schwarzes Business-Outfit, mit einem blau-roten Anstecker, auf dem "I am In" steht. Ihn sieht man dieser Tage überall in London, es ist das Zeichen der Brexit-Gegner. Wer sie nach Argumenten gegen den Brexit fragt, erhält sofort und druckreif eine Antwort. Doch die Erschöpfung ist ihr anzusehen, manchmal wirken ihre Augen leicht müde.

Hucks Terminkalender ist eng, sie hat nicht viel Zeit. Nach dem Interview muss sie sofort wieder ins Büro, am Abend nach Manchester, wo die Referendums-Stimmen ausgezählt werden.

Huck hat versucht, die Briten von der europäischen Idee zu überzeugen – man könnte sagen: Zur Vernunft zu bringen.

Dabei hat sie nicht nur gelernt, wie fremd sich Großbritannien und die EU sind. Sondern auch, dass es fast unmöglich ist, viele Briten mit der Idee eines vereinten Europa zu versöhnen.

Passend zum Thema: Sechs kaum beachtete Folgen, die ein Brexit hätte

Es ist vor allem ihre Biografie, die Huck zur überzeugten Europäerin gemacht hat. Sie wuchs im Schwarzwald nicht weit von Frankreich und der Schweiz entfernt auf. Ihre Eltern fuhren oft über die Grenze, um Baguettes zu kaufen.

Großbritannien diskutiert über Migranten

In Erfurt und Nürnberg studierte sie Politikwissenschaften und Öffentliches Recht und ging für ein Studienjahr 2012 nach Helsinki. Dort lernte sie einen Briten kennen, für den sie später nach London zog. Als sie vom Referendum hörte, wollte sie sich engagieren - und wurde als Abgeordnete der Young Labour gewählt.

Der Brexit wäre eine Katastrophe für das Land und Europa“, sagt sie.

Die Debatte hat sich in den vergangenen Wochen stark auf Migranten zugespitzt. „Also Menschen wie mich. Auch, wenn sich der Hass eher gegen Osteuropäer und Menschen aus muslimischen Ländern richtet als gegen Deutsche, kann ich gut verstehen, was die durchmachen“, sagt Huck.

Sie fürchtet, dass sich nach einem Brexit die Situation für Menschen aus der EU erschweren könnte und sich die sowieso schon ausländerfeindliche Stimmung verschärft. Über den Tag 2018, an dem die Briten dann tatsächlich austreten müssten, plant sie deswegen noch nicht hinaus.

Angst vor Islamisierung

Huck weiß seit ihrem ersten Tag in London, wie die Brexit-Befürworter ticken. Für ihre Partei zog sie um die Häuser, sogenanntes Doorknocking. Nicht irgendwo, sondern in der Grafschaft Essex. Der erste Ukip-Abgeordnete kommt von hier. Hier leben kaum Migranten, sondern vor allem die sogenannten "Britishwhite", weiße Briten.

„Hier ist die Angst vor Ausländern und der Islamisierung besonders groß“, sagt Huck. Sie sprach mit Älteren, Jüngeren, Arbeitern und Akademikern. „Durch alle Bevölkerungsschichten hinweg gibt es Vorurteile gegenüber Ausländern“, sagt sie.

Passend zum Thema: Chef der deutsch-britischen Handelskammer warnt vor Brexit-Folgen für Deutschland

Dass sie Arbeitsplätze wegnehmen. Den Sozialstaat plündern. Die Kultur zerstören. All das musste sie sich ständig anhören, auch am Telefon. Hunderte Telefonate hat sie geführt, um Unentschlossene zu überzeugen und Entschlossene vielleicht noch umzustimmen, doch nicht für den Brexit zu stimmen.

Ihr Englisch war so gut, dass ihre Herkunft kaum einem auffiel. Als sie dann den Hardlinern erklärte, dass sie selbst keine Britin sei, reagierten manche empört. Und manche sagten: Ihr Deutschen seid ja noch ok!

Gefühle zählen, nicht Argumente

EU-Gegner hat Huck auch in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis. Nicht nur das Land, auch die Labour-Bewegung ist in der Brexit-Frage zerstritten. Und auch mit ihren eigenen Leuten geht Huck in den Konflikt.

Einmal zerstritt sie sich mit einem Freund bei ihr zu Hause und wollte ihn rauswerfen. „Danach haben wir entschieden, das Thema besser ruhen zu lassen, bis das Referendum vorbei ist.“ Es sei eines der wenigen Male gewesen, in denen sie die Beherrschung verlor.

Huck versucht meist, den Menschen ersteinmal zuzuhören. „Ich möchte erfahren, warum die Menschen wirklich austicken“, sagt sie. Es gehe weniger um Argumente als ums Bauchgefühl. Sie hat es deswegen auch aufgegeben, diesen Menschen von der EU vorzuschwärmen. „Damit gewinne ich gar nichts“, sagt sie.

Das Problem ist kein rein britisches. Solche Argumente verpuffen auch in anderen Ländern mit europafeindlichen Strömungen, etwa in Deutschland, Frankreich und Italien. Und Politiker der etablierten Parteien haben große Probleme, diese Menschen überhaupt noch zu erreichen.

Wenn der Zorn etwa gegen die Migranten geht, versucht Huck, diesen Zorn auf die Politik zu lenken. Migranten sind nicht schuld an dem schlechten Gesundheitssystem, Armut und Arbeitslosigkeit. „Würde man alle Migranten aus dem Land werfen, würde sich an diesen Problemen rein gar nichts ändern“, sagt sie.

Unser politischer Korrespondent Jürgen Klöckner berichtet für die Huffington Post über den Brexit live aus London.

2016-06-22-1466588952-5629450-HUFFPOST1.jpg
Mehr zum Thema Brexit findet ihr hier.

Auch auf HuffPost:

Den Namen dieser bekannten Modemarke sprechen alle falsch aus


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößern sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder aus sozial schwachen Familien haben niemanden, der sich um ihre alltäglichen Sorgen kümmert. Ein Blick auf die Hausaufgaben, Konflikte mit Freunden - oder Gesundheitsprobleme: In dem Münchner Projekt Lichtblick Hasenbergl unterstützen Pädagogen junge Menschen bei all diesen Fragen. Hier erfahrt ihr mehr zu der Initiative.

In Ruanda haben 400.000 Kinder keine Chance auf einen Platz in der Schule; besonders Waisen und Mädchen sind benachteiligt. Das Projekt "Schulen für Afrika" von Unicef ermöglicht tausenden Kindern den Zugang zu Bildung. Hier könnt ihr die Initiative unterstützen.

Ein zuverlässiges Transportmittel kann für Menschen in einem Entwicklungsland alles verändern. World Bicycle Relief stattet Menschen in ländlichen Regionen Afrikas mit Fahrrädern aus und schenkt ihnen damit ein großes Stück Lebensqualität. Hier geht es weiter zu diesem faszinierenden Projekt.