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Warum das Brexit-Referendum in Wahrheit eine große Chance für die EU ist

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BREXIT
Warum das Brexit-Referendum eine Jahrhundertchance für die EU ist | Getty
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Egal, wie das Referendum über den Brexit ausgeht: Es wird die EU und Europa für immer verändern.

Es hat aus einem emotionslosen, langweiligen Staatenbund eine Gemeinschaft der Willigen und Unwilligen gemacht.

Vorbei ist die Zeit, in der die EU den meisten Menschen egal war.

Vorbei ist die Zeit, in der Politiker versuchten, ihr Projekt halbherzig den Menschen nahezubringen und diesen nur halbherzig zuhörten.

Vorbei ist die Zeit, in der niemand eine Meinung zur EU hatte.

Vorbei ist die Zeit, in der man von einer Wirtschaftskrise in die nächste taumelte und komplizierte, technische Debatten führte, der kaum einer folgen konnte.

Auch in Problemvierteln gehen die Leute wählen

Das Referendum hat gezeigt, dass die EU tatsächlich Menschen bewegt. Menschen aller Kulturen, Hautfarben und jeder Herkunft.

Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die EU Menschen im Londoner Stadtteil West Ham an die Wahlurnen treiben könnte, wo es so viele andere Probleme gibt?

Hier reiht sich ein Billigshop an den nächsten, die Häuser sind heruntergekommen und trotzdem kostet eine Einzimmerwohnung 600 Pfund pro Monat. Der Putz blättert von den Häusern - die schicke, hippe Welt der Londoner Innenstadt ist nicht nur geografisch meilenweit entfernt.

Hier haben wir diesen jungen Briten (im Video) getroffen, der erklärt, warum er für "In" gestimmt hat:

Das sagt ein junger Brite in West Ham über das EU-Referendum

Warum wir die EU hinterfragen müssen

Dafür, dass die EU plötzlich Menschen bewegt, spricht alleine die hohe Wahlbeteiligung. Mit 80 Prozent rechnen Experten. Niemand hätte das für möglich gehalten. Schon gar nicht vor wenigen Wochen.

In or out, diese simple Frage hat nicht nur Briten, sondern Menschen aus allen EU-Staaten und darüber hinaus gezwungen, sich zu fragen: Brauchen wir eigentlich die EU?

Es ist wie in einer guten Beziehung: Nur wer sich traut, diese grundlegende Frage zu stellen und zu beantworten, weiß, warum er noch zusammen ist. Es spricht Bände, dass sie in der EU in vergangenen Jahrzehnten nie einer gestellt hat.

In Brüssel war sie ein Tabu. Das zeigt schon der Ausstiegs-Paragraph, so kurz geschrieben, um nie angewendet zu werden. Und in der Bevölkerung war er nie ein Thema. Warum auch?

Britisches Referendum kann ein Neustart sein

Keine Frage, der Staatenbund steckt in einer tiefen Krise. In allen Ländern gibt es EU-feindliche Strömungen - und sie erstarken.

Genau deswegen fangen Politiker in Brüssel und den Hauptstädten nun hoffentlich an zu begreifen, dass die EU mehr ist als ein Regelwerk.

Sie fangen hoffentlich an, sich zu überlegen, auch jene zu erreichen, die sich abgehangen, unverstanden und perspektivlos fühlen.

Sie fangen hoffentlich an, zu kämpfen - mehr noch als ihre Gegner.

Dann kann diese EU von einer Vernunft- zu einer Herzensgemeinschaft werden.

Und wer hätte gedacht, dass es die Briten sein werden, die dazu den Anstoß geben würden.

Jenes Volk, das so sehr fremdelt mit der EU. Oder nun eben nicht mehr.

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