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US-Befehlshaber in Europa: "Russland könnte die baltischen Staaten schneller erobern, als wir dort wären"

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BEN HODGES
Der Befehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, General Ben Hodges, erklärt die Strategien Russlands | JANEK SKARZYNSKI via Getty Images
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  • US-General Hodges warnt davor, dass Russland das Baltikum schneller erobern könnte, als die Nato dort wäre
  • Die baltischen Staaten fordern eine stärkere Militärpräsenz
  • Außenminister Steinmeier warnte jedoch vor "Säbelrasseln und Kriegsgeheul" der Nato
  • Tatsächlich brandgefährlich seien aber laut Hodges ganz andere Strategien Russlands

Kein Ende des Ukrainekonflikts, keine Lockerung der Strafmaßnahmen: Gestern haben sich die 28 Mitglieder der EU auf die Verlängerung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland bis Januar 2017 verständigt.

Die Umsetzung der Friedensvereinbarungen steckt in der Sackgasse, der Kreml bleibt stolz und lenkt nicht ein - es herrscht also nach wie vor Eiszeit zwischen Nato und Moskau.

Stattdessen wird wieder über Risiken gesprochen. Vor allem die baltischen Staaten sind besorgt. Neben der Ukraine gilt das Baltikum als die Region, in der es am ehesten zu einer Konfrontation zwischen Russland und der Nato kommen könnte.

"Russland könnte die baltischen Staaten schneller erobern, als wir dort wären"

Und Russland könnte dort laut Nato-Informationen ein leichtes Spiel haben: Der Befehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, General Ben Hodges, glaubt, dass das Militärbündnis nicht in der Lage wäre, die baltischen Staaten vor einem Angriff der russischen Streitkräfte zu schützen.

"Russland könnte die baltischen Staaten schneller erobern, als wir dort wären, um sie zu verteidigen“, sagte Hodges in der Wochenzeitung "Die Zeit".

Eroberung wäre in 36 bis 60 Stunden möglich

Der General stimmt damit der Einschätzung von Militär-Analysten zu. Bereits im Februar hatte der US-Thinktank RAND Corporation, der das Militär berät, festgestellt: Russland könnte in 36 bis 60 Stunden die baltischen Hauptstädte erobert haben. Ob das überhaupt in Putins Interesse sein könnte, ist aber fraglich.

Hodges hält zudem für unwahrscheinlich, dass Russland in die Ukraine einmarschieren würde. Das sagte er gegenüber der Huffington Post.

"Was mich aber sehr beeindruckt hat, ist die Qualität der militärischen Fähigkeiten, die ich überall in Russland und auch in Syrien gesehen habe", berichtete der US-General weiter.

Die Möglichkeiten bei der elektronischen Kriegsführung seien beachtlich. Das Land habe inzwischen die Möglichkeit, ganze Netzwerke in Industrie und Telekommunikation stillzulegen. Hinzu kommen moderne Drohnen, Langstreckenraketen und Panzer.

Baltikum fordert stärkere Natopräsenz

Putin würde mit seinen 27 schwerbewaffneten Bataillonen im Baltikum auf zwölf leichtbewaffnete der Nato treffen. Sieben davon bestehen aus estnischen, litauischen und lettischen Truppen.

Nur eines dieser Bataillone ist mit Panzern ausgestattet - dem Radschützenpanzer Stryker. Keines besitzt schwere Kampfpanzer. Die baltischen Staaten fordern deswegen eine stärkere Präsenz von Nato-Truppen in der Region.

Hodges berichtete zudem von zahlreichen Mängeln, die Nato-Truppen während einem Großmanöver in Polen festgestellt hätten. Dazu zähle, dass schweres Gerät nicht schnell genug von West- nach Osteuropa verlegt werden könnte.

Steinmeier kritisiert "Kriegsgeheul" der Nato

Doch manche Politiker warnen davor, dass die Nato mit einer Abschreckungspolitik Russland zusätzlich provozieren würde. "Was wir jetzt nicht tun sollten, ist durch lautes Säbelrasseln und Kriegsgeheul die Lage weiter anzuheizen", sagte Frank-Walter Steinmeier (SPD) gegenüber der Zeitung "Bild am Sonntag".

Wer glaube, mit symbolischen Panzerparaden an der Ostgrenze des Bündnisses mehr Sicherheit zu schaffen, der irre. Der Außenminister betonte zugleich, das Gefühl der Bedrohung in Polen und dem Baltikum müsse ernst genommen werden.

Hodges: "Kriegsführung der neuen Art" brandgefährlich

Und dieses Gefühl ist nicht aus der Luft gegriffen. Hodges bezeichnete Russlands "Kriegsführung der neuen Art" gegenüber der Huffington Post als brandgefährlich. Putin würde bewusst provozieren, Zwischenfälle herausfordern und das Verhältnis zu den Nachbarstaaten verschlechtern.

So schalteten russische Kampfjets regelmäßig bei Übungen das Zielradar ein, wenn sich fremde Flugzeuge nähern. "Das sagt dem anderen Piloten, dass auf ihn geschossen werden könnte. Deshalb macht man das eigentlich nicht. Doch die Russen tun jetzt genau das", erklärte Hodges.

"Pinocchio-Ereignisse": Propaganda im Westen

Auch Desinformation und Propaganda zählen zu Putins Mitteln: Die erfundene Vergewaltigung eines russischstämmigen Mädchens durch Asylbewerber in Berlin war für Hodges nur ein Beispiel der neuen Strategie des Kremls.

"Gegen diesen Informationsangriff ist man chancenlos", sagte Hodges. Es gebe Tausende Trolle und der Nachrichtenkanal "Russia Today" sei den ganzen Tag in westlichen Staaten auf Sendung. "Die produzieren am laufenden Band 'Pinocchio-Ereignisse'".

Eins steht also fest: Truppen an den Ostgrenzen der EU zu platzieren und auf Putins Provokationen einzugehen, hilft gegen diese neue Kriegsführung nicht. Hier müssen neue Ideen her.

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(cho)