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Deutsche Muslima: Wandeln im Labyrinth zwischen Ablehnung und Anerkennung

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MASRAR
Die Autorin Sineb El Masrar | dpa
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Wir schreiben das Jahr 2016. Viele Menschen in diesem Land können das Thema Islam nicht mehr hören, sehen und lesen - und sich dennoch immerzu darüber empören. Einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA zufolge gehört der Islam nur noch für 37 Prozent der Bevölkerung zu diesem Land.

Die Vermischung von Terrormeldungen und Islamistengewäsch hat zu einer allergischen Abwehrhaltung geführt. Selbst 36 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund graust es vor einer Islamisierung des Landes. Doch wen wundert das angesichts der Entwicklungen des politischen Islams in Ländern wie Algerien, Afghanistan oder Iran?

Das meiste Leid tragen Frauen und Kinder

Leidtragende einer rückständigen und menschenverachtenden Islamauslegung und Instrumentalisierung von Religion und Ideologien sind in den meisten Fällen neben herabgestuften Bevölkerungsgruppen vor allem Kinder und Frauen. An ihnen macht sich systematische Benachteiligung anhand von Gesetzen und Forderungen sichtbar.

2016-06-17-1466190627-84097-masra1.jpg Ein Forderungskatalog wird dabei besonders gern Mädchen und Frauen vorgehalten: Für sie ist angeblich vorgeschrieben, wie sie sich zu kleiden, zu bewegen und zu verhalten haben. Im Zusammenhang Islam und Frau scheint alles deprimierend eintönig. Vielschichtige Bilder? Fehlanzeige!

Bilder von Kopftüchern und Minaretten

Wann immer zum Thema Islam Fotos vonnöten sind, wird mit monotoner Einfältigkeit in die Bildermottenkiste gegriffen. Wenn es nicht gerade Moschee- und Minarettschnappschüsse sind, dann mit besonderer Vorliebe Frauen mit Kopftüchern. Vorzugsweise von hinten. So muss die Abgebildete zwecks Veröffentlichung nicht um Erlaubnis gebeten werden.

Eine perverse Haltung: Durch eine solche Bilderwahl wird ein Individuum zum Objekt ohne Persönlichkeit degradiert. Dabei handelt es sich bei muslimischen Frauen - ob nun eingewickelt oder nicht - um Menschen, die in ihren Erfahrungen als Frau, Tochter, Partnerin, Bürgerin und Muslimin Erfahrungen teilen, aber dennoch einzelne Lebensgeschichten haben.

Vielen hierzulande ist unbekannt, dass besonders Musliminnen, die zwischen den 1970-er und 1990-er Jahren sozialisiert wurden, viel Initiative und Willen an den Tag gelegt haben, um ihren Weg gegen die Widerstände von allen möglichen Seiten zu gehen und als Teil dieser Gesellschaft anerkennt zu werden.

Viele muslimische Frauen haben sich durchgekämpft

Vielen ist es geglückt. Sie sind heute Unternehmerinnen, Angestellte und Hausfrauen, die ihre Kinder mit Liebe und Offenheit erziehen. Aber von ihnen hören und sehen wir nichts. Weder in den Nachrichtenspalten – schließlich ist das keine Nachrichtenmeldung – noch in Unterhaltungsmedien. Doch genau dort sollte das Leben dieser Frauen Abbildung finden. Keine Vorabendserie, keine Kino-Blockbuster, die die vielschichtigen Lebensläufe erzählen könnten.

Gerne wird verdrängt, dass bereits in den 1970-er Jahren türkische, tunesische und marokkanische Frauen – also hauptsächlich Musliminnen - alleine zum Arbeiten nach Deutschland kamen, während deutsche Frauen – also hauptsächlich Christinnen - ihren Göttergatten zwecks Erwerbsarbeit um Erlaubnis bitten mussten. Dieser Umgang und diese Ignoranz sind angesichts des regen medialen und politischen Interesses an Musliminnen, die gerne auch mal von Nichtmuslimen von ihren eigenen Glaubensbrüdern befreit werden sollen, nicht angemessen und äußert unglaubwürdig.

Frauenrechte werden in Deutschland noch verhandelt

Dabei sind diese Frauen genauso vielfältig wie alle nichtmuslimischen Frauen. Das mag angesichts der sichtbaren Musliminnen mit Kopftüchern nicht glaubhaft erscheinen. Doch auch sie haben ihre persönlichen Beweggründe für diese Kleidungsform.

Niemand muss religiös begründete Kopftücher gut finden. Zu respektieren sind diese Mädchen und Frauen dennoch. Das bedeutet nicht, dass kein kritischer Austausch über Lebensentwürfe und Kleiderdogmen geführt werden darf. Denn vom Himmel sind Ansichten und Entscheidungen noch nie gefallen.

Wer sich dabei nur auf Äußerlichkeiten fixiert, ist genauso oberflächlich wie jeder Verhüllungsdogmatiker. Wer den Justizskandal der Gina Lisa Lohfink betrachtet, wird anerkennen müssen, dass Frauenrechte hierzulande noch verhandelt werden und die Gleichberechtigung zwar deutlich weiter entwickelt ist als in Kabul oder Riad, aber eben immer wieder zur Disposition steht.

Familienfrieden geht vor Seelenheil

Viele frauenfeindliche Ansichten und Haltungen werden allzu gern mit Biologie, Religion oder Tradition begründet und sind bei aller berechtigter Kritik am Kopftuch gravierender als Stoff. Mit Religion oder Ideologien begründete Homophobie zum Beispiel, die junge Menschen nicht nur in Gewissenskonflikte bringt, sondern andere Menschen gefährdet und tötet wie jüngst am Beispiel Orlando zu sehen. Rassismus, der Menschengruppen nach Hautfarbe oder Ethnie in wertige und weniger wertige Menschen einteilt.

Ohne Zweifel: Was die Frauenfrage angeht, gibt es noch viel zu tun auf muslimischer Seite. Noch immer hat eine bekennende Muslimin selbst in Deutschland keine freie Partnerwahl. Die Mehrheit der Musliminnen kommen in Teufels Küche, wenn sie sich zu ihren christlichen oder jüdischen Partnern bekennen und ihn heiraten möchten. Sich in der eigenen Community als Lesbe zu outen ist genauso wenig möglich, wenn der ignorante Familienfrieden vor das eigene Seelenheil geht.

Die Intoleranz in den eigenen Reihen

Wenn die Gemeinschaft sich für tolerant hält, weil sie nicht zur Gewalt gegen Homosexuelle aufruft, dann wird homosexuellen Muslimen nahegelegt, ihre perverse Neigung doch bitte für sich zu behalten. Und wer nach Jahren das Kopftuch oder den Niqab ablegt, hat nicht nur jahrelange innerliche Konflikte hinter sich, sondern bekommt die Intoleranz der eigenen Community zu spüren.

Wenn es sich nicht gerade um eine Familie handelt, die ihrer Tochter nahelegt, wegen der Furcht vor Rassismus und der Karriere wegen auf das Tuch zu verzichten, erfährt eine Muslimin mit abgelegtem Tuch also neben Rassismen der nichtmuslimischen Gesellschaft obendrein Ausgrenzung in der eigenen Gruppe.

Dem halten nur jene starke Charaktere stand, die nicht auf der Suche nach Anerkennung durch sexistische Muslime und Nichtmuslime sind. Denn während die einen euphorisch auf die Verhüllung reagieren, glauben die anderen, dass nur Frauen mit sichtbarem Haar emanzipiert sein können. Beide Haltungen sind sexistisch und begegnen den Frauen nicht als freie Individuen.

Die Baustellen rund um Anerkennung, Respekt, Freiheit und weiblicher Selbstbestimmung sind zahlreich - und jede_r kann dabei gleich selbstkritisch bei sich den Anfang machen.

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Sineb El Masrar, geboren 1983 in Hannover, ist die Tochter marokkanischer Eltern. Sie gründete die multikulturelle Frauenzeitschrift "Gazelle" und war mehrere Jahre Teilnehmerin der Deutschen Islamkonferenz. 2010 veröffentlichte sie ihr Buch "Muslim Girls", in diesem Jahr die Streitschrift "Emanzipation im Islam - Eine Abrechnung mit ihren Feinden" (Herder Verlag).

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Sineb El Masrar ist Teil der HuffPost Voices. Einem Team, das während der EM regelmäßig aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

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