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Wer schützt unsere Politiker? Warum wir endlich eine Debatte über den Hass auf den Staat brauchen

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JO COX
Wer schützt unsere Politiker? Warum wir endlich eine Debatte über die Verachtung für Amtsträger brauchen | AP
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Es waren Bilder, die bei vielen Deutschen schreckliche Erinnerungen geweckt haben dürften: Ein Mann, am Boden liegend, festgehalten von zwei Polizisten - nur wenige Minuten zuvor hatte er in der Nähe der nordenglischen Stadt Leeds Jo Cox mit einer Pistole und einem Messer niedergemetzelt; eine junge Labour-Abgeordnete, Mutter, glühende Europäerin und Flüchtlings-Helferin.

Der Mord an Cox hat Großbritannien eine Woche vor der Abstimmung über einen EU-Austritt in eine Art Schockstarre versetzt. Unweigerlich muss man an Köln denken, an die heutige Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Über die Motive des Cox-Attentäters gibt es nur Spekulationen

Auch sie wurde auf offener Straße angegriffen, der mutmaßliche Täter (der derzeit vor Gericht steht) jagte ihr bei einer Wahlkampf-Veranstaltung ein großes Jagdmesser in den Hals. Als Motiv hatte er die Flüchtlingspolitik in Deutschland genannt, wie sie auch von Reker vertreten worden sei.

Nun muss man zunächst festhalten: Über die Motive des mutmaßlichen Cox-Täters gibt es bislang nur Spekulationen.

Er habe "eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen", sagt sein Bruder. Eine renommierte Anti-Rassismus-Organisation aus den USA berichtet über Verbindungen des Mannes zur Neonazi-Gruppierung National Alliance (NA). Was ihn wirklich zu solch einer barbarischen Tat getrieben hat, ist jedoch noch unklar.

Dabei drängt sich eine Frage auf, deren Beantwortung mindestens genauso dringend ist: Woher kommt diese gefährliche Verachtung für Amtsträger?

Besonders brisant: Das Innenministerium in London hatte erst im Januar eine Studie veröffentlicht, wonach Parlamentarier häufig Opfer von Angriffen werden. Vier von fünf hätten bereits Erfahrungen mit gewalttätigen oder zumindest belästigenden Angriffen oder Bedrohungen gemacht, jeder fünfte sei bereits tätlich angegriffen worden, hieß es in der Studie.

Auch in Deutschland nimmt die Gewalt gegen Politiker zu

Und auch in Deutschland verschwimmt die Grenze zwischen politischer Unzufriedenheit und Gewaltbereitschaft gegen Entscheidungsträger immer mehr. HuffPost-Recherchen ergaben kürzlich, dass es in vielen Bundesländern einen massiven Anstieg von Übergriffen gegen Politiker und deren Einrichtungen gibt.

Besonders betroffen sind vor allem weite Teile Ostdeutschlands, doch auch in Ländern wie NRW explodierte die Zahl der Übergriffe 2015 regelrecht.

Die Situation erinnert an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte: Politiker werden beleidigt, bespuckt, massiv bedroht oder gar verprügelt.

Wie können wir unsere Politiker überhaupt noch schützen?

Die Zuspitzung der Situation verlangt nach Antworten. Antworten auf Fragen, die ans Mark der Demokratie gehen: Wie können wir unsere Politiker überhaupt noch schützen? Wie verhindern wir, dass sie zu Freiwild für politisch Radikalisierte werden?

Die zunehmende Entfremdung zwischen Bürgern und Politikern in Europa ist ein gefährliche Entwicklung. Die Flüchtlingskrise wird von vielen Menschen als Ende des beschaulichen Versorgungsstaats wahrgenommen, die vermeintliche Abkehr nationaler Werte nehmen sie den Abgeordneten übel.

"Politiker werden zum Gefühls-Container"

Der ehemalige Kanzlerberater Werner Weidenfeld warnte zuletzt im Gespräch mit der HuffPost: "Bürger sind enttäuscht, frustriert, verängstigt und wütend, weil sie sich nicht verstanden fühlen." Die sozialen Umgangsformen seien "insgesamt grober und härter geworden".

"Politiker werden zum Gefühls-Container, sie dienen zur Entsorgung unangenehmer Gefühle, sie dürfen verachtet oder gehasst werden", zitierte der "Tagesspiegel" nach dem Reker-Attentat den Politik-Psychologen Thomas Kliche.

"Das spüren auch psychisch veränderte Menschen. Wenn das so weitergeht, werden Attentate zunehmen."

Warum Jo Cox sterben musste, bleibt erstmal offen. Die Politikerin setzte sich unermüdlich für Flüchtlinge aus Syrien ein, kämpfte für eine bunte Gesellschaft. Vielleicht musste sie für ihre Idee einer offenen Gesellschaft, eines offenen Großbritanniens sterben.

Allein der Gedanke daran macht wütend.

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Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößern sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder aus sozial schwachen Familien haben niemanden, der sich um ihre alltäglichen Sorgen kümmert. Ein Blick auf die Hausaufgaben, Konflikte mit Freunden - oder Gesundheitsprobleme: In dem Münchner Projekt Lichtblick Hasenbergl unterstützen Pädagogen junge Menschen bei all diesen Fragen. Hier erfahrt ihr mehr zu der Initiative.

In Ruanda haben 400.000 Kinder keine Chance auf einen Platz in der Schule; besonders Waisen und Mädchen sind benachteiligt. Das Projekt "Schulen für Afrika" von Unicef ermöglicht tausenden Kindern den Zugang zu Bildung. Hier könnt ihr die Initiative unterstützen.

Ein zuverlässiges Transportmittel kann für Menschen in einem Entwicklungsland alles verändern. World Bicycle Relief stattet Menschen in ländlichen Regionen Afrikas mit Fahrrädern aus und schenkt ihnen damit ein großes Stück Lebensqualität. Hier geht es weiter zu diesem faszinierenden Projekt.

(ben)